Zwischenbürger werden Neubürger

Das 2-3-Straßen-Projekt hallt nach und wurzelt

Das Jochen-Gertz-Projekt 2-3-Straßen zur Kulturhauptstadt lebt weiter, ein Zeichen also, dass manches Früchte trägt, was zunächst anmutet wie ein flüchtiger Kunstgag. Der Weltenbummler, der sich einst entschloss, das ach so unbekannte Ruhrgebiet innerhalb eines Kunstprojektes zu bereichern und zu bewohnen, ist sesshaft geworden. Es gibt Neubürger, die hier im Revier geblieben sind.  Die zunächst als befristete Neubewohner engagierten Menschen, die ihr Quartier „aufmischen“ sollten, haben sich behutsam der Einwohnerschaft genähert, Freundschaften geschlossen, Ideen entwickelt und einen Hauch neue Heimat eingeatmet. Es geht also weiter, abseits der Kunstaktion, die sich in konkrete Aktionen verwandelt hat. Ich sprach mit Peter Debusi, der aus Berlin kam und nun am Borsigplatz seinen Standort behält.

 

Was war der Anlass zum Bleiben nach dem offiziellen Ende des Projektes 2-3-Straßen?

 

Peter Debusi: Ganz einfach der Wunsch, auch nach dem offiziellen "Kunstprojekt" von Jochen Gerz sich weiterhin am Borsigplatz zu engagieren und neue Projekte mit zu unterstützen. Und in nur einem Jahr kann man hier nicht wirklich etwas richtig kennenlernen, dazu bedarf es mehr Zeit und Muße. Nach dem Projekt begann somit wieder ein neuer Lebensabschnitt für mich, diesmal ohne künstlerische Vorgaben und ohne den Überbau "Ich lebe hier, weil ich Teilnehmer an einem Kunstwerk bin".

 

Wie hat sich die Haltung zum Ruhrgebiet verändert?

 

Meine Haltung zum Ruhrgebiet ist noch emotionaler geworden. Trotz aller Probleme, die einen anspringen, überwiegt doch immer wieder die einfach herzliche und ehrliche Art der Menschen, die einem hier entgegen gebracht wird. Die Landschaft vermittelt mir oft ein Gefühl von Wehmut und dann auch wieder die Kraft des Neuanfangs. Mir begegnet oft eine Mischung aus einer Art Niedergeschlagenheit und Resignation, weil man Abschied von Liebgewonnenem nehmen muss und dann der offene große Mut, das Leben in die Hand und neue Herausforderungen anzunehmen. Ruhrgebiet heißt für mich „auf dem Teppich bleiben“, so sein wie man ist, anpacken und keine Scheiße labern. Mir gefällt der Spruch von Alfred Preißler: „Entscheidend ist aufm Platz.“

 

Welche Aktivitäten gibt es noch oder wieder?

 

Es gibt immer noch die Fahrradwerkstatt für Kinder und Anwohner, und die Weltbücherei ist jetzt für alle zugänglich im neuen Büro direkt am Borsigplatz. Viele neue Aktivitäten sind entstanden wie z.B. das Angebot von Co-Working Space, das heißt: Wir bieten Büroräumlichkeiten zum (Mit-)Arbeiten und Vernetzen an. Ein Kultursalon mit Filmabenden und Diskussionen sowie Kunst-Ausstellungen sind gerade dabei, sich zu etablieren. Wir sind auch damit beschäftigt, einen eigenen Shop aufzubauen, in dem Serviceleistungen und Produkte rund um das Borsigplatz-Quartier angeboten werden. Mehr aktuelle Informationen
dazu kann man immer auf http://www.borsig11.de finden. Wer also Ideen hat hinsichtlich eigener oder Gemeinschafts-Projekte, oder wenn es darum geht, Ausstellungen, Lesungen etc. anzubieten, kann sich gerne jederzeit bei uns melden.

 

Es gibt nun den Verein Machbarschaft Borsig11 e.V. – was ist das Hauptziel und wie entwickelt sich die Sache?

 

Mit dem Verein haben wir uns die Herstellung einer multikulturellen, sozialen und kreativen Bürgerschaft am Borsigplatz zum Ziel gesetzt. Dazu haben wir mit dem Aufbau eines lokalen Netzwerks begonnen, das kulturelle, soziale und ökonomische Aspekte umfasst. Mittelfristig wollen wir uns als Non-Profit-Organisation und als "social enterprise" auf eigene Füße stellen.
MACHBARSCHAFT BORSIG11 ist ein Modellprojekt kreativer Stadtentwicklung. Wir treten den Beweis an, dass Kunst ein Katalysator nachhaltiger partizipativer Prozesse sein kann, wenn sie sich selbst wie die Gesellschaft, in der sie agiert, verändert.
Unser Team von derzeit 17 aktiven Mitgliedern hat inzwischen zahlreiche Kooperationen mit weiteren Stadtteilakteuren und regionalen Institutionen angestoßen.
Daher laden wir gerne alle herzlich ein, sich bei uns zu melden um sich über unsere Arbeit zu informieren und sich selbst einzubringen oder teilzuhaben.
 

Mi, 07.09.2011 0

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03.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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