
Zwischen zwei Katastrophen entscheiden
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Ein Interview mit der Filmemacherin Marina Moshkova, aufgezeichnet von Daniel Bickermann.
Ihr Kurzfilm IN SCALE entstand im Rahmen Ihres Filmstudiums in St Petersburg?
Ja, ich habe dieses Jahr mein Studium an der staatlichen Universität für Film und Fernsehen in St. Petersburg abgeschlossen, mit Spezialisierung auf Animation und Computergraphik. IN SCALE entstand als Studentenfilm unter meinem Tutor Sergei Ovcharov. Nachdem der Film sehr erfolgreich war – er gewann den Preis für die beste Animation auf unserem Studentenfilmfestival und wurde dann viel auf internationalen Festivals gezeigt und auch ausgezeichnet – beschloss ich, ihn auch als meinen Abschlussfilm einzureichen. Völlig unerwartet gewann ich dadurch den Preis für den Besten Abschlussfilm 2009 meiner Universität. Darüber musste ich eher lächeln, als dass ich stolz gewesen wäre, aber es freute mich natürlich schon.
Wie und wann haben Sie sich entschlossen, Filme zu machen?
Schon seit ich klein war, liebte ich es, zu zeichnen und Animationen zu basteln, und ich träumte immer davon, eines Tages etwas fürs Kino zu machen. Meine Eltern arbeiten auch im Filmbereich (meine Mutter ist Filmkritikerin und mein Vater ist Sound Designer), und sie halfen mir dabei, die richtige Universität auszusuchen. Ich weiß nicht, ob mein Hintergrund repräsentativ für russische Filmemacher ist, er hat wohl eher mit einem traditionellen Interesse am Film in einer so kinematographischen Familie wie meiner zu tun.
Woher kam die Grundidee für IN SCALE?
Der Film entstand aus einer Aufgabe meines Tutors: Man sollte ein geflügeltes Wort finden und dazu eine Geschichte entwickeln. Ich entschied mich für den Spruch: „Nach mir die Sintflut.“ Es sollte die Geschichte einer kleinen Kreatur sein, die sich nur um sich selbst kümmert und nicht bemerkt, dass sie die Welt um sich herum zerstört. So entstand also dieser kleine Vogel.
Ihr Film stellt dem mathematischen Maßstab einen moralischen gegenüber. Er erscheint wie ein Gleichnis darauf, dass man die Welt im Großen zerstören kann, während man wohlmeinend die Details verbessern will. Würden Sie IN SCALE als politischen Film bezeichnen?
Nein, soweit würde ich nicht gehen. Es geht um Zivilisation: Die Menschen erfinden so viele Dinge, die ihr Leben erleichtern sollen, sie bauen Städte, stellen Autos her, Züge, Staudämme – und dann werden sie von diesen Dingen abhängig, und wenn ein Teil davon versagt, dann können viele Menschen sterben. Vielleicht sollte man aufhören, so viel zu bauen, bevor man etwas wirklich Gefährliches erschafft. Aber das ist nicht die Hauptbotschaft des Films. Mir geht es mehr um persönliche Entscheidungen: Der Vogel muss sich zwischen zwei Katastrophen unterschiedlicher Größenordnung entscheiden – zwischen einer kleinen privaten Katastrophe und einer großen universellen. Zwischen dem Tod seines Kükens und dem Tod vieler Menschen. Außerdem geht es in dem Film, wie ich glaube, auch um Liebe – um die Liebe einer Mutter. Die kann sehr stark sein, aber eben auch sehr destruktiv.
Mit welchen Techniken wurde der Film hergestellt und wie lange haben Sie daran gearbeitet?
Der Film war Teil eines Lernprozesses, und ich habe alle Aufgaben dabei selbst übernommen – Idee, Zeichnungen, Animation, Ton usw. Wir haben an unserer Universität auch andere Abteilungen, aber deren Hilfe wollte ich nicht in Anspruch nehmen, ich wollte alles alleine machen. Ich habe eine computergezeichnete Animation mit Flash MX verwendet. Der Film sollte wie eine technische Skizze aussehen, also musste ich die Regeln für solche Skizzen lernen und habe mir viele technische Zeichnungen angesehen. Was die Zeit angeht, die ich daran gearbeitet habe: Ehrlich gesagt war das viel zu lange. Es war meine erste richtige Erfahrung in der Animation, und ich arbeitete simultan auch noch an anderen Projekten. Ich brauchte ungefähr zwei Jahre, bis wirklich alles fertig war.
Wo wurde der Film dann alles gezeigt?
IN SCALE lief auf ungefähr 16 russischen Festivals und gewann viele Preise. Die berühmtesten Festivals waren das Internationale Filmfestival „Message to Man“, das „Festival of Festivals“, das Internationale Forum „Zolotoy Vityaz“ und das Russische Animationsfestival Suzdal. Der Film wurde sogar einige Male bei kommerziellen Vorführungen in Kinos in St. Petersburg und Moskau gezeigt. Aber der Kurzfilmmarkt ist in Russland nicht sonderlich ausgeprägt. Vor allem das Fernsehen hat an der Ausstrahlung von Kurzfilmen wenig Interesse, daher ist es sehr schwierig, einen Kurzfilm in unserem Land zu verkaufen – nicht nur für den Nachwuchs, sondern auch für berühmte und verehrte Filmemacher.
Was planen Sie für die Zukunft?
Ich arbeite an einem neuen Film, einer Art Liebesgeschichte, die im Stil der lebenden Gemälde erzählt werden soll. Ich habe auch zahlreiche weitere Ideen für zukünftige Projekte, und eine davon soll eine Zusammenarbeit mit anderen Europäischen Filmemachern und Produzenten werden.
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