
Zwischen Schärfe und Melancholie
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Franziska Schuster. Eine der teuersten Produktionen der serbischen Filmgeschichte war das 2009 entstandene Kriegsdrama St. Georg tötet den Drachen von Srđan Dragojević – ein nationales Epos, das Trauma des serbischen Volkes im Ersten Weltkrieg, erzählt anhand einer skurrilen Anekdote aus dem Kriegsverlauf und einer fiktionalen Dreiecksbeziehung vom Format der „Dornenvögel“-Saga. Der schlamm- und pathosgetränkte Film floppte jedoch in seinem Entstehungsland: Nur 150.000 Zuschauer lockte er in die Kinosäle. Vielleicht lag es daran, dass der heute 47-jährige Regisseur in den 1990ern durch eine ganz andere Art von Filmen zu einiger Bekanntheit kam: Mit dem tabubrechenden Pretty Village, Pretty Flame löste er 1996 große Debatten über die Darstellung von Kriegsverbrechen auf serbischer und bosnischer Seite aus, der zwei Jahre später entstandene Film The Wounds nimmt, ähnlich sarkastisch wie sein Vorgänger, die ethnische Zersplitterung der jugoslawischen Gesellschaft aufs Korn.
Die Schwarze Welle
Für den bösen Humor in Dragojevićs früheren Filmen gibt es prominente jugoslawische Vorbilder – vor allem Dušan Makavejev wurde in den 1960er und 70er Jahren für seine subversiven Studien über politische und sexuelle Unterdrückung weit über die Grenzen Jugoslawiens hinaus bekannt. Dabei geriet er regelmäßig mit den Zensurbehörden aneinander, ebenso wie sein Kollege Želimir Žilnik, der seit den 1960ern bis heute in seinen zahlreichen Dokumentar- und Spielfilmen gesellschaftliche Missstände anprangert. Makavejev und Žilnik waren Teil einer von den 68er-Studentenunruhen und dem Ende des Prager Frühlings ausgehenden Bewegung, die unter dem Namen „Schwarze Welle“ bekannt wurde. Bis 1971 entstand unter dieser Bezeichnung eine Reihe bedeutender Filme, die durch ihre nihilistisch-anarchische Haltung provozierten. Auch Aleksandar Petrović, dessen Drama I Even Met Happy Gypsies (1967) für eine Goldene Palme in Cannes und einen Oscar nominiert wurde, zählt zu den bekannteren Aktivisten der Schwarzen Welle.
Die Prager Gruppe
Ähnliche Berühmtheit erlangte ab Mitte der 1980er Jahre die sogenannte Prager Gruppe, deren Mitglieder eine Ausbildung an der tschechischen Filmakademie FAMU absolviert hatten. Srdjan Karanovic, Goran Marković, Goran Paskaljević und anderen war die Haltung gemeinsam, zeitgenössische Themen in kritischer Weise zu behandeln, jedoch deutlich weniger radikal als ihre Vorgänger. So erzählt Goran Marković in seiner erfolgreichen Komödie TITO AND ME (1992) aus der Perspektive eines Zehnjährigen von den Widersprüchen, mit denen die jugoslawische Gesellschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu kämpfen hatte. Srdjan Karanovics VIRDZINA (1991) ist düsterer: die Geschichte eines Mädchens, das Ende des 19. Jahrhunderts zur Rettung der Familienehre von seiner bäuerlichen Familie als männlicher „Stammhalter“ ausgegeben wird.
Mit den Fortgang der Kriege verschärfte sich auch der Tonfall der Filme: Goran Paskaljevićs POWDER KEG (1998) ist eine bitterböse Abrechnung mit der zerfallenden Zivilgesellschaft, in der sich eine Grausamkeit an die andere reiht. Und auch der berühmteste Regisseur aus den Reihen der Prager Gruppe, Emir Kusturica (WHEN FATHER WAS AWAY ON BUSINESS, 1985; SCHWARZE KATZE, WEISSER KATER, 1998), drehte mit Underground (1995) eine wahnwitzige Groteske, deren degenerierte Charaktere einander durch ihre Egomanien ins Verderben stürzen. Das Bild einer selbstgerechten und machtblinden Männergesellschaft setzt sich – zuletzt allerdings in ernsterem und melancholischen Tonfall – in neuesten Produktionen fort, wie in dem Thriller KLOPKA – DIE FALLE (2007) von Srdan Golubovic oder dem leisen Drama LOVE AND OTHER CRIMES (2008) von Stefan Arsenijevic. Und Srđan Dragojević probiert nach seinem Weltkriegsepos wieder etwas Neues aus: Sein nächstes Projekt handelt von der serbischen „Gay Pride Parade“, die 2001 durch gewalttätige Ausschreitungen in Belgrad verhindert wurde. Erst 2009 wagten die Veranstalter einen zweiten Versuch, der jedoch aufgrund massiver Gewaltandrohungen durch rechtsextreme Organisationen im Vorfeld vom serbischen Innenministerium verboten wurde.
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