
Zum Tod von Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief ist tot. Es ist unwirklich. Dabei wussten wir alle, dass er an einer tödlichen Krebserkrankung litt, er selbst hat sie - und seinen Umgang damit - öffentlich gemacht. Er hat ein Tagebuch seiner Krebserkrankung veröffentlicht, er besuchte Talkshows, er war auf Tour um Spenden für sein letztes großes Projekt, ein Opernhaus - besser: ein Operndorf - in Burkina Faso zu sammeln. Dabei erzählte er von sich, seinem Leben und der Konfrontation mit seinem Tod.
Christoph Schlingensiefs Tod trifft mich wie aus heiterem Himmel. So ist das immer mit dem Tod. Es macht keinen Unterschied ob man wusste, dass dieser Moment früher oder später kommen würde. Dass ein Mensch aus dem Leben entschwindet, nicht mehr da ist, nicht mehr greifbar, Geschichte ist, das wird erst klar, wenn der Moment eintritt. Auf die Nachricht folgt zunächst einmal Leere und Sprachlosigkeit. Innehalten.
Der mediale Umhang
Ich habe am Samstag von Christoph Schlingensiefs Tod erfahren wie so viele - durch das Internet, und ich empfand diesen Moment als unwürdig. Zwischen zwei Terminen will ich am Computer lediglich eine Adresse herausfinden, um mit meinem Wagen zum nächsten Job weiterzufahren.
Wieder einmal ist es Facebook, über das sich die Nachricht in Sekundenschnelle verbreitete. Ein Link zur Schlingensief-Homepage. Doch dort finde ich nichts. Eigentlich auch nicht nötig, denn es ist klar, was dieser Link offenbaren wird. Die Kommentare der User darunter sind eindeutig.
Ich tippe seinen Namen in der News-Suche ein, und werde bestätigt: Es ist soweit. Ich bin traurig, wirklich traurig. Und doch muss ich den Computer herunterfahren, mich ins Auto setzen und weiterfahren.
Während der Fahrt habe ich Zeit darüber nachzudenken, warum mir sein Tod so nahe geht. Ich habe Christoph Schlingensief nie persönlich kennengelernt. Bis vor ein paar Jahren habe ich ihn immer als klugen und gewitzten Kulturschaffenden wahrgenommen, über dessen neue Aktion es zu schmunzeln galt, aber greifbar war er für mich nie wirklich gewesen. Ihn umgab stets ein medialer Umhang, meist den eines sogenannten Provokateurs. Er selbst inszenierte sich als über den Dingen stehend, wirkte bei öffentlichen Auftritten immer unangreifbar.
Auch die Nachricht von seiner Krebserkrankung hatte ich zunächst nur am Rande wahrgenommen. Es ist eine persönliche Sache, dachte ich mir, die auch persönlich bleiben soll. Ich wollte dazu keine Details erfahren, da ich dies als Einbruch in die Privatsphäre empfunden hätte, die von den Medien - nicht nur dem sogenannten Boulevard - viel zu oft durchbrochen wird.
Abseits der Medienglocke
Meine Beziehung zu Christoph Schlingensief begann erst im letzten Jahr. Wir bereiteten gerade unsere Episodenreihe „Das Ruhrgebiet - Aufgenommen und Abgemischt“ vor, und hatten uns dazu entschieden der Stadt Mülheim eine eigene Folge zu widmen. Helge Schneider sollte dabei sein, und die Band Bohren & Der Club Of Gore. So kamen wir auch auf Christoph Schlingensief, der bekanntermaßen in Mülheim an der Ruhr aufgewachsen ist. Als unangepasste, eigenwillige und in keine Schublade passende Persönlichkeit schien er perfekt in unser „Konzept“ zu passen. Und je mehr ich mich mit seiner Person beschäftigte, desto mehr freute ich mich darauf, diesem Menschen einmal im Gespräch gegenüber zu sitzen, mit ihm über das Ruhrgebiet und Kunst zu sprechen, ihn einmal abseits der Medienglocke kennenzulernen.
Ordnung ins eigene Gefühlsleben
Der Kontakt mit seinem Büro war freundlich und entgegenkommend. Man signalisierte Interesse, doch zu diesem Zeitpunkt hielt sich Schlingensief wieder einmal in Afrika auf. Auch bei späteren Anfragen war kein Termin mehr zu finden. Schlingensief hatte wieder aufgedreht, war ständig auf Tour, steckte seine ganze Kraft in das Afrika-Projekt.
Doch die Tür zum Interview stand immer noch einen Spalt offen, und so begann ich mich noch näher mit seiner Person zu befassen, vor allem mit der so öffentlich thematisierten Krankheit. Ich kaufte mir sein Buch und begann es zu lesen. Ein intensives Erlebnis.
Nicht nur, weil ich mich dem Menschen Schlingensief plötzlich sehr nahe fand, weil es ihn als verletzbar und ausgeliefert zeigte, aber auch zuversichtlich und voller Lebenswillen.
Es brachte auch Ordnung in mein eigenes Gefühlsleben. Ein Familienmitglied, nur ein paar Jahre älter als Schlingensief war ebenfalls an Krebs erkrankt, und zu diesem Zeitpunkt war bereits abzusehen, dass eine Besserung seines Zustandes mehr als unwahrscheinlich war, das Unausweichliche bevorstand.
Der Betroffene thematisierte seine Gefühle innerhalb des Familienkreises nicht, blieb stumm, was besonders seinen unmittelbar Verbundenen zu schaffen machte. Durch Schlingensiefs Buch konnte ich nachempfinden wie es ihm gehen musste, gerade weil ich durch die räumliche Distanz von einigen hundert Kilometern immer erst verspätet von den Entwicklungen erfuhr, ich fühlte mich außen vor. Das Tagebuch machte mich traurig, gab mir aber auch die Kraft mich dem Thema zu stellen.
Unausgesprochenes zur Sprache gebracht
Am selben Morgen, an dem ich Schlingensiefs Buch zu Ende gelesen hatte, erfuhr ich vom Tod meines Verwandten. Es traf mich immer noch unvorbereitet. Doch hatten mir Schlingensiefs Worte die Möglichkeit gegeben auch meine eigenen Gefühle zu kanalisieren. Seit diesem Moment fühlte ich mich auch unmittelbar mit seinem Schicksal verbunden.
Bereits einige Monate später erfuhr man, dass es auch Schlingensief wieder schlechter gehe. Es gab keine öffentlichen Auftritte mehr, anscheinend war ein neuer, schlimmerer Krankheitsschub daran Schuld. Auch hier schien das Unausweichliche unumgänglich, und dennoch traf mich - wie so viele - die Nachricht seines Todes gestern eiskalt und unvorbereitet.
Die Nachrufe auf Christoph Schlingensief sind bereits jetzt in großer Zahl vorhanden. Man würdigt den Menschen und sein Werk, beides ist ohnehin untrennbar miteinander verbunden.
Doch was er durch den öffentlichen Umgang mit seiner Krankheit und der Angst vor Tod für viele tausend Menschen erreicht hat darf in diesem Kanon nicht untergehen.
Er hat ein Tabu berührt, das als solches auch mir nicht wirklich bewusst gewesen war, und er hat damit mehr als nur einen von unzähligen Diskursen geschaffen, mehr als ein dankbares Themenfutter für Talkshows, er hat bislang Unausgesprochenes zur Sprache gebracht und damit Betroffenen Wege der Auseinandersetzung mit einem Thema aufgezeigt, das bislang überwiegend durch Gedanken- und Gefühlschaos und hilflose Sprachlosigkeit bestimmt wurde.
Ich bin mir sicher, ich bin nur einer von vielen, die ihm dafür immer dankbar sein werden.Ähnliche Beiträge:
- Ein Theater in der Wüste - Schlingensiefs Traum wird wahr
- Why are you creative? - Ein Interview mit Christoph Schlingensief
- Schlingensief auf der unvermeidbaren Wolke
Kommentar hinzufügen
Kommentare
Ähnliche Beiträge
Branche
Aktuelle Tweets



























tod und text
Sehr persönlicher Text, wohl dem Anlass entsprechend, denn getrauert (und erst recht gestorben) wird allein, auch wenn andere ähnliches fühlen. Schlingensief war von seinem Werk aber nicht zu trennen und sogar seine Krankheit hat er inkorporiert im wahrsten Sinne des Wortes. Würde also nicht sagen, dass sein Krebsbuch droht unterzugehen im "Kanon". Im Gegenteil: es wird jetzt nochmals gelesen.
Ich hatte mich auf sein "Smash" bei der Triennale gefreut und als das vor wenigen Wochen abgesagt wurde, ahnte man schon nichts gutes. Per SMS wurde ich in den Alpen von einem Freund informiert, mit dem ich vor Jahren bein einem grandiosen Theater/Performance/Kunst Abend in Neuhardenberg bei Berlin von C.S. war, dem Animatographen. Schlingensiefs wilder, witziger Einführungsvortrag unvergessen. Seine hohe Kunst der mäandernden Assoziationsketten, der Humor und das sich nicht so wichtig nehmen, dabei alles was er machte sehr ernst nehmen, das mochte ich. Und das Kunst ist, was man macht und andere berührt, nervt, erfreut, zum denken und fühlen, am besten beides, anregt. Einige Volksbühneninszenierungen bleiben als Bilder, Freakshow 3000 oder ein bunter Abend mit ihm am HAU in Berlin, der sich um die in seiner Hand befindliche Axt drehte...
So long man mit den verrückten Haaren - wirst fehlen.