Zu Lande & zu Wasser - Hauptsache immer unterwegs: Leseabende mit Dortmunder Autoren

Aus einer betrunken gefassten Idee, die sofort umgesetzt wurde, schipperte Holger Steffens von einer Bohrinsel per Anhalter mit Polizeibooten, Holländern, DLRG Schnellbooten und Schlammfrachtern von Cuxhaven nach Dortmund (na ja, fast Dortmund, das Schicksal ließ ihn nicht ganz nach Haus kommen...). Über die eigentliche Unmöglichkeit einer solchen Reise, Reisegefährten und Gastgeber sowie Zufallsbekanntschaften, von komfortablen Bugkabinen und bösen Schleusenwärtern erzählt er in seinem Buch Hand gegen Koje.

Thomas Müller, in Dortmund bekannt als Taxi Tom, erzählt in Der Bingo Man deutlich erdverbundener über seine 20 Jahre währende Reise in einem Taxi und dem eigenen, wahrlich bewegten Leben, von den Nachtgestalten, mehr oder weniger begabten „Tänzern des Lebens“ (Zitat Müller) u.a. aus Dortmund und am Tegernsee, die in seinen Wagen stiegen, von kaputten Körpern, Seelen und Beziehungen, von Fluchtversuchen, Drogen, Perversion, Resignation und dem Tod. Nicht gerade „feel-good“ Lektüre, schnörkellos und unzweideutig.

Tandem - Lesungen

Die beiden Dortmunder Autoren traten dieser Tage zu mehreren gemeinsamen Lesungen an. Das gebotene Kontrastprogramm aus launiger Reisereportage und melancholisch bis bitterer Rückschau auf 20 Jahre Taxi-Nacht ergänzt sich gut und hinterlässt am Ende die Erkenntnis: es gibt „so‘ne und so‘ne“ Menschen. Außerdem: wer Hilfe sucht, findet meist auch welche, wer sich aber drauf verlässt, fällt auf die Schnauze.

Im Ruderclub Hansa in Dortmund fanden sich am ersten gemeinsamen Leseabend des Duos nicht allzu viele Zuschauer ein, dafür um so wasseraffinere. Diese verspeisten nicht nur vor der Lesung Rollmops, sondern kannten natürlich auch das winzige niedersächsische Schleusendorf Hilter, in dem Steffens eines Abends strandete. Für den Korrespondenten dagegen war schon der Begriff „Bundeswasserstraße“ eine Bereicherung seines Wortschatzes sowie die Information, dass Seemannsheime und miesepetrige Norddeutsche auch in dieser Welt noch ihren Platz haben.

Steffens erzählte begleitet von Dias über seine einwöchige Fahrt auf diversen Kähnen Richtung Süden, von den Schwierigkeiten des Wasser-Anhalterfahrens und den Mühen der Ebene nach einer zunächst brillant klingenden Idee: ohne Geld und ohne Hilfe landgebundener Fahrzeuge reisen und dafür eigene Arbeit anbieten; Hand gegen Koje eben. Er las neben dem Vortrag kurze Passagen aus seinem Buch, das zwischen Reportage, fiktionalen Exkursen und humorigen Berichten über das Warten und Scheitern changiert.

Von Schlamm und Menschen

Unbeantwortet blieb die Frage, warum ein riesiger Frachter mit Schlamm aus Bremerhaven beladen den weiten Weg bis Duisburg schippert, um dort Kiesgruben aufzufüllen. Schlammmangel in Duisburg - auf die Bildzeitungs-Schlagzeile warte ich jetzt täglich.

Die anschließende kurze Lesung von Thomas Müller, der drei Stücke aus seinem Buch „Bingo-Man“ vorstellte, war Kontrastprogramm: Zwischen an die Wand genagelten Siegerurkunden des Ruderclubs und dem idyllischen Blick auf den Sonnenuntergang über dem Dortmund-Ems Kanal erzählte Thomas Müller die knappe und dabei um so traurigere Geschichte von Anna, die sich planvoll zu Tode soff und von einem Banker, der sich für 3.000 Euro den Abend lang als nackiger Hund durch einen Sexclub führen ließ, während Müller selbst mit 30 Euro Feierabend machte.
Zum Schluss die Polemik „Ihr da oben“, inspiriert durch Pinks Song Dear Mr. President. Müller hat sich darin den Frust über Finanzkrise, korrupte Politiker, die den „kleinen Mann“ schröpfen, die Verlogenheit der Hartz 4 Gesetze, Nazidemos sowie Baubetrug und den Zerfall der Mittelklasse von der Seele geschrieben. So recht zu sagen wusste keiner etwas anschließend. Weil man einerseits dachte, Recht hat er ja irgendwie, und andererseits dachte: aber die Dinge sind doch ein bisschen komplizierter. „Die da oben“ und „wir hier unten“ ist eben auch eine Vereinfachung, die den angesprochenen Problemen nicht gerecht wird.

In Onkel Toms Lesezirkus

Eine weitere Kooperation fand als Heimspiel von Thomas Müller im „Onkel Toms“ (Nomen es omen) statt - was schon von der Örtlichkeit her für andere Gäste und Stimmung sorgte als beim Ruderclub Hansa einige Tage zuvor. Begleitet wurde Taxi Tom von zwei Musikern, die Coverversionen von Elton John bis Police boten; die Kneipe war voll, man trank und redete auch während der Lesung, Kloverkehr, die Kellner in Eile - kurz: die geschäftige Stimmung einer Dortmunder Kreuzviertel Kneipe.
Nachdem zur Auflockerung gemeinsam ein Lied abgesungen worden war, folgten Müllers Texte u.a. über den verstorbenen Türsteher des Spirit und Müllers Bratpfannen-Aufruf gegen Nazi-Demonstrationen.
Das Erstaunliche: auch in dieser Atmosphäre kommt die ruhige Empörung des Autors über den Zustand der Welt an.

Den ersten Gastauftritt des Abends legte der Musical Sänger Eddy hin, der einen Song aus „Tanz der Vampire“ zum Besten gab. Holger Steffens als zweiter Gast las nach kurzer Beschreibung seines Projekts die wilde Piraten-Fantasie vom Seemansheim in Cuxhaven - Cut - Musik, dann übernahm nochmals Tom mit weiteren Texten aus „Der Bingo-Man“.

Ein bunter Abend im wahrsten Sinne des Wortes, so unterhaltsam wie melancholisch. Eine Kooperation von thematisch und stilistisch gegensätzlichen Autoren, die beide ihre Werke nicht nur im Selbstverlag herausgebracht haben, sie bewerben und verkaufen, sondern denen vor allem eines gemeinsam ist: sie sind immer unterwegs. Und sie wollen erzählen, was gelang, was alles schiefgehen kann auf Reisen und im Leben; und warum am Ende doch alles immer so richtig war, wie es passiert ist: weil in der Bewegung selbst der Sinn von‘s Janze steckt.

Fotos: Anna Brandt und Christian Westheide

So, 02.05.2010 0

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25.03.2010

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