„Es ist Zeit für Turnschuhe“ im Künstlerhaus Dortmund verknüpft zwei Themen: Was man nicht sieht, das aber doch da ist, beziehungsweise, was man sieht, das aber nicht da ist. Dritte Gemeinsamkeit: die Herkunft der Künstler aus Polen - ebenfalls eine der möglichen „Überschriften“, um das Uneinheitliche der Kunst so zumindest geografisch zu verknüpfen.

Anna Molska: W= F*s (works) / P=W:t (power)
Der eigenartige Name der Ausstellung bezieht sich auf die „Beweglichkeit der Kunst“. Künstler sind ungewollt Avantgarde der Arbeitswelt, in der Flexibilität bis zur Erschöpfung Erfolgskriterium geworden ist. Der heutige Künstler ist die Ich-AG in Reinform, künstlerische Arbeit stellt auf paradoxe Weise die neoliberalste Arbeit der Gegenwart dar: kreativ, selbständig, selbstverantwortlich bis egozentrisch, auf jeden fall hochmobil, vielseitig, international und mit dem Zwang zu ständiger Innovation – und der Chance auf viel Geld, wenn es gut läuft.
Arbeit ist out
Konkret mit der Arbeitswelt – und das erstaunt immer wieder bei zeitgenössischer Kunst – setzt sich nur ein Werk, das von Anna Molska, auseinander. Die anderen Kollegen pflegen den notwendigen, ansehnlichen und teilweise witzigen Eskapismus oder die klassische Selbstreflexion. In der Arbeit „W=F x S (works) / P=W : t (power)" lässt Molska alte Arbeiter im Kollektiv mitten im Matsch, irgendwo in der Pampa ein Gerüst aufbauen. Das Kollektiv gibt dem Abstrakten Sinn – das sonst keinen erkennbaren hat. Im Video sieht man die Arbeiter anrücken, aufbauen und dann dastehen. Parallel läuft darunter ein Video von einem Squashcourt, in den unablässig Bälle fliegen. Eigenartig, vieldeutig zwischen Arbeiterklasse und Identifikation über Freizeit und der Aussage „Macht ist gleich Arbeit geteilt durch Zeit“ wechselnd.

Canis Lupus von Jakub Jasiukiewicz
„Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen“ heißt ein sehr düsteres anthropologisches Statemtent. Und wie er sich in einen solchen verwandelt und vor allem FÜR wen, kann man in der spannenden Arbeit "Canis Lupus" von Jakub Jasiukiewicz sehen. Er hat eine Kamera mit Blick auf den Gehweg vor dem Künstlerhaus installiert. Die vorbeigehenden Menschen werden in Wölfe verwandelt. So klar, so einfach und so klug. Denn die Situation simuliert eine Überwachungskamera, die in Städten wie London inzwischen in der Lage sind, fast lückenlos die Bewegungen einer Person zu verfolgen. Die darin enthaltene Paranoia wie vor dem Wolf, dem Hai des Landes, spürt man bei der Betrachtung der Bildschirme klar.
Von Verwandlungen in Stickerei und Keks

Monika Drozynska: Winteraktivitäten, Foto: Caravante
Überzeugend auch die Arbeit von Monika Drozynska: „Winteraktivitäten“. Sie verfremdet Schriftzüge an Wänden oder an Bushaltestellen wie „Winter verpiss dich“ oder "Ich hatte es" oder den Namen einer rechtsradikalen Gruppe: mit Stickereien, traditioneller Winterheimarbeit vom Land. Die Künstlerin geht noch einen Schritt weiter, wenn sie die städtischen und bereits als Stickarbeit verfremdeten Wandschmierereien anschliessend auf große Werbebildschirme im Stadtraum projiziert und so die ursprüngliche Nachricht zwar zurück in die Stadt und den öffentlichen Raum holt, aber noch weiter in die Abstraktion schiebt. The Medium is the message now.

Ciastka Kippenbergera von Karolina Bregula, Foto Caravante
Ebenfalls gut gefallen hat die Arbeit von Karolina Bregula, „Kippenbergers Kekse“. In Bezug auf das medienwirksame, leider unfallhafte Kunstwerkputzen im Museum Ostwall 2011 hat Frau Bregula Kekse gebacken. Die Aktion der Putzkraft im MO hat damals die Frage „Wert und Funktion von Kunst?“ unfreiwillig genial in Szene gesetzt. Bregulas Kekse, die aussehen wie kleine quadratische Pflastersteine, sind essbar. Sauber angeordnet liegen sie in der Ausstellung und die Mutigen greifen zu, verändern und vernichten auf Dauer das Kunstwerk. Das hat aber seinen Zweck dann erfüllt. Wie der Kippenberger zu seiner Zeit ebenfalls. Also Museum Ostwall: Nicht aufregen, sondern ganz im Sinne „Das Museum als Kraftwerk“ die These auch leben und sich lösen vom Bewahren. Stattdessen die performative Teilhabe der Kunst am Leben, ihren Verfall und ihren Verlust akzeptieren. Auch wenn die Versicherungen dann ausflippen.
Trimm dich
Wie nicht anders zu erwarten bei einer Gruppenausstellung, hinterlässt die Schau ein uneinheitliches Bild. Zu sehen ist eine Ausstellung mit jungen Künstlern aus Europa, die sich so ihre Gedanken machen und den Besucher dabei anstupsen, um im Sinn des 70er Jahre Trimm Dich-Trends zu fordern: "Komm, beweg dich, es kann nicht schaden!" Bestimmt nicht.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 17. Juni im Künstlerhaus Dortmund, Eintritt frei. Der sehr schöne Katalog zur Ausstellung kostet 5 Euro.
Titelfoto: A machine for thinking about overloads von Mateusz Sadowski, Foto Caravante