Zebralution - Wie der Musikvertrieb aus Duisburg den Weltmarkt erobert

Der Musikmarkt 2010 und was die Ruhrstadt am Rhein damit zu tun hat. Ein Gespräch mit Kurt Thielen vom digitalen Musikvertrieb Zebralution.

Jens Kobler: Wollen wir zunächst Zebralution kurz vorstellen: Wie begann es und wo ist man heute?

Kurt Thielen: Die Ursprünge liegen nach meinen 20 Jahren bei Rough Trade und Zomba Records vor allem in meiner Zeit als Berater bei Vodafone, die einen Musikdownload anbieten wollten und denen ich die Kontakte in die Musikbranche geebnet habe. Dabei habe ich gemerkt, dass so eine Firma dabei überfordert wäre, mit allen Indies einzeln zu verhandeln. Da gab es 5 Majors, die etwa 80% des Marktes ausmachten, aber mit mehr als 1000 Mitgliedern des VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmen) würde das Verhandeln nicht so schnell gehen, also kam mir die Idee, dass es hier wie im Markt der physikalischen Tonträger auch einen Vertrieb geben müsste, der hier einiges bündeln, aufbereiten, organisieren kann. Und das musste erstmal alles aufgebaut werden, denn es gab keinerlei digitalisierten Tracks, es mussten alle einzelnen Shops gewonnen, Veträge und Technik entwickelt werden. Im Jahr 2004 konnte dann alles online gehen. Vorher gab es seit 1998 zwar OD2 von Peter Gabriel, aber selbst iTunes USA hat erst 2003 angefangen, und durch deren Repertoire wurde der Download dann richtig Thema.
Mittlerweile hat sich vor allem das Volumen stark entwickelt. Früher gab es vielleicht eine Million Tracks in den großen Shops zum Verkauf, inzwischen sollen es elf Millionen sein. Davon gehen 600 Labels und 300.000 Tracks über Zebralution, begonnen hatten wir mit 5.000. Dann haben wir inzwischen über 400 Shop-Outlets, wovon es damals vielleicht zwei Hände voll gab. In der Zeit von 2004 bis 2009 ist der gesamte Download-Markt um 940 Prozent gewachsen.

JK: Und nun in die Tagespolitik und zu einem der aktuellen Themen, Tim Renners Vorschlag einer nationalen Flatrate für Musik. Es gibt zumindest eine gewisse Zugriffs-Inflation auf Musiktitel, die Preise sinken dennoch nicht spürbar, und da ist noch die Frage internationaler Gesetzeslagen bei Musikrechten. Wie kann da eine rein deutsche Lösung vorgeschlagen werden, wenn es im Grunde um weltweite Tantiemen und Märkte geht?

Kurt Thielen: Das ist in der Tat etwas kompliziert, auch da es schon Flatrates gibt. Wenn ich Tim aber richtig verstanden habe, geht es ihm um eine Download-Flatrate, wogegen bei Napster nur Streams als Flatrate zu haben sind. Andere Einwände sind meiner Meinung nach: Solange es illegale Angebote gibt, wird kaum jemand 12 Euro monatlich für eine Flatrate bezahlen. Und die Verteilproblematik, die ja auch von der GEMA her bekannt ist, ist ein weiteres großes Problem: Ein wahnsinniger administrativer Aufwand ist zur Berechnung nötig, und dann bekommen letztlich die großen mehr ab als die kleinen.

JK: Könnte der Ansatz nicht eher sein, Einzelabrechnungen der jeweiligen Seiten, gerade der Streams, zu überprüfen und Prozente direkt via Vertrieb oder Management an die Künstler abführen zu lassen, als sich so einen Bürokratieapparat aufzuerlegen?

Kurt Thielen: Die Beträge auf diesen Abrechnungen haben oft mehrere Nullen, gerade hinter dem Komma. Ich bin als Ergänzung auch für Streams, aber die alleine werden die Künstler nie ernähren. Und das auch, wenn wie bei Spotify Künstler an den Erträgen der Bannerwerbung beteiligt werden. Viele Markenartikler wollen zudem auch nicht auf Plattformen wie YouTube schalten, da sie keinen Einfluss haben auf den Content, in dessen Nachbarschaft sie dann erscheinen. Die Werbeerlöse sind also derzeit sehr gering. Und was auch bedenkenswert ist in diesem Zusammenhang: Egal ob YouTube an Google, MySpace an Murdoch oder LastFM an CBS verkauft wurde, es sind Hunderte von Millionen an Dollar geflossen wegen eines Repertoires von Musikbands, die im Endeffekt dafür so gut wie nichts bekommen. Jede einzelne dieser Seiten bietet einen tollen Service, aber was dabei für den Künstler herauskommt: Das ist ein krasses Missverhältnis. Bei aller Kritik an der GEMA sollte so etwas auch bedacht werden. Was mich amüsiert ist, wie auf der Musikwirtschaft in dieser Beziehung herumgehackt wurde, aber weder Film, noch Presse, noch Buchmarkt selbst haben auf diese Fragen bisher eine Antwort gefunden, die besser wäre als das, was die Musikbranche sich bisher einfallen lässt. Und das obwohl diese anderen Branchen zehn Jahre mehr Zeit hatten! Es gibt nach wie vor kaum ein profitables Geschäftsmodell für das Internet.

JK: Also zurück auf die Erde: Zebralution hat seinen Hauptsitz in Duisburg, aber einige Dependancen. Welchen Blick hat man von Duisburg aus auf diese anderen Standorte?

Kurt Thielen: Wir sind im Moment 17 Leute an sieben Standorten: Duisburg, Rösrath bei Köln für die Technik, Berlin, Los Angeles, London, Paris und Barcelona. Das ist für die weltweite Kommunikation schon sinnvoll, andererseits wünscht man sich schon manchmal, dass man sich einfach öfter trifft. Dieser internationale Aspekt war uns schon früh wichtig, um einerseits Repertoire zu erschließen, aber auch weil die USA und England nunmal die größten Digitalmärkte sind. Der Standort Berlin ist für uns schon wegen der Vielzahl der dort ansässigen Labels wichtig, aber die größten Shops in Deutschland haben ihren Sitz woanders: iTunes und Amazon in München, Musicload in Darmstadt, Napster in Frankfurt. Und 24-7, die Media Markt und Saturn machen, sitzen wiederum bei uns in Berlin direkt gegenüber. Für Labels und symbolisch hat also Berlin eine Wirkung, aber in punkto Verkauf ist dieser Standort nicht so relevant für uns.

 

JK: Und damit zu einem weiteren Mythos: War denn dieses „goldene Zeitalter“ Anfang der Achtziger, wie es gerade in der Hauptstadt, aber auch am Rhein oder der Elbe verklärt wird, wirklich so ein Aufbruchsmoment damals, also Punk, NDW und die Folgen bzw. die große Zeit der Indies? Hatten da die Künstler und Kleinlabels mehr in der Tasche?

Kurt Thielen: Es gab da schon einen gesünderen Markt. Inzwischen ist die Mitte weggebrochen. Wenn Du hier von einem Smiths-Album 100.000 Alben verkauft hast oder von den Pixies 80.000, dann erreichst Du diese Zahlen mit Get Well Soon oder anderen Sachen heutzutage nicht mehr. Es gibt eine vergleichbare Resonanz in den Medien für solche Themen, das führt aber nicht mehr zu solchen Zahlen.

JK: Konnte da vielleicht auch etwas entstehen, weil über neue Kontakte auch in die USA und nach England da in eine Lücke gestoßen wurde, die der Mainstream popkulturell und technisch nicht bedient hat?

Kurt Thielen: Diese Lücke war eher in den 70ern auszumachen, und die wurde dann von den Majors verspätet vehement ausgefüllt. Wichtiger war tatsächlich, dass Künstler und kleine Labels wirklich ihre Potentiale voll ausgelebt haben. Und natürlich gab es durch die Indies für die Bands, die selbstbestimmt arbeiten wollten, erstmals passende Outlets. Manche der großen Labels hätten diese Bands auch einfach nicht verstanden.

JK: Und heutzutage? Ist es bei dieser unglaublichen Fülle an schon irgendwie in der Öffentlichkeit stehenden Bands nicht umso wichtiger, Scouts, A&Rs zu haben, die Talente sichten und begleiten?

Kurt Thielen: Das ist nunmal kein leichter Job. Und in Bezug auf die via Internet aufgetauchten Acts: Da wird dann gerne Arctic Monkeys genannt – was mittlerweile fünf Jahre her ist. Und vielleicht noch Lily Allen. Das ist es dann aber auch schon. Ohne jemanden, der Dich früh fördert und begleitet, wird also nicht viel funktionieren. Dafür ist das Angebot einfach zu groß.

JK: Bei manchen hört es ja noch weit vor der Booking Agentur einfach beim eigenen Mischer oder Merchandise auf. Da nutzt dann auch der Applaus via Posting auf der MySpace-Seite nur wenig. Viele Bands versuchen es erst einmal auf eigene Faust, und gleichzeitig gehen immer weniger Musiker überhaupt vor die Tür.

Kurt Thielen:
Ja, der Trend geht zur Hausmusik. Eine der Mythen in diesem Zusammenhang, die für mich unergründlich sind, ist folgende: Es heißt immer, die Majors würden ja so getroffen von der Situation in der Branche. Dabei machen unglaublich viele Indies ihre Läden zu und andere pfeifen aus dem letzten Loch. Und es gibt ja auch nicht mehr den einen Megatrend nach z.B. Punk, HipHop oder Techno. Aber was nach so einer Sendung wie „Unser Star für Oslo“ passiert, das ist umso bemerkenswerter. Mehr Marketing geht nicht.

JK: Und wenn Tocotronic mal direkt auf 1 geht,…

Kurt Thielen: ,… dann wären die früher nur auf 5 eingestiegen, hätten aber wahrscheinlich mehr verkauft. Das waren früher 70-80.000 Alben, die wir verkauft haben. Und wenn die mit dem neuen 40.000 machen, dann ist das gut.

JK: Ist denn die Exportfähigkeit nicht für Vertrieb wie Künstler auch ein gutes Verkaufsargument? Und ist gleichzeitig nicht eine gewisse Szene- und Wirtschaftsbasis der Band sinnvoll – die es im Ruhrgebiet nur bedingt gibt?

Kurt Thielen: Booka Shade zum Beispiel verkauft bei uns täglich weltweit, auch mit dem alten Repertoire. Und das ist nicht untypisch, dass es im elektronischen Bereich passiert, instrumentale Musik ist. The Whitest Boy Alive hingegen ist von den Verkäufen her ähnlich gelagert, aber einfach ein betont internationaler Act mit einem Standbein in Berlin. Und selbst da gibt es eine Verbindung zum elektronischen Lager. Wenn Du Dir dagegen anschaust, wie wenig international renommierte Bands im Ruhrgebiet spielen: Das sind nicht viele, Du bekommst kaum gute Support-Jobs,…

JK: ,… kannst nicht Nick Cave in einer Kneipe anquatschen, ob er nicht mal Backing Vocals machen will…

Kurt Thielen:
Genau. Das ist ein klarer Nachteil. Ich bin ja schon fußballmäßig Lokalpatriot, aber darüber muss man sich nicht allzu viele Gedanken machen: Booka Shade hätten sich auch von hier aus durchgesetzt, Herbert Grönemeyer hat es von hier aus geschafft, aber die meisten werden es nicht schaffen. Und vielleicht ist das auch gar nicht schlimm.

JK: Abschließend: Wo ist die Plattenfirma in dieser Zukunft aus Vertrieben, Online-Anbietern und Künstlern, die sich mittels eigener Infrastruktur zum Teil auch selbst kümmern?

Kurt Thielen: Es gibt ja das Modell Künstlerlabel als Vorreiter, und das seit vielen Jahren: Die Toten Hosen, Die Ärzte, Die Fantastischen Vier. Und das gibt es in diesem Maße in keinem anderen Land, dass Künstler Unternehmer werden. Du brauchst also die Funktionen eines Labels, so dass Marketing, Touren, Merchandise und anderes organisiert werden. Das kannst Du als Künstler nicht alleine; selbst Paul van Dyk, ein absoluter Vielflieger als Künstler und Labelinhaber, braucht jemanden, der ihm das organisiert. Du brauchst nicht dringend jemanden, der sagt, wie Du Deine Platte zu machen hast – obwohl das schon oft sinnvoll ist. Gebraucht wird eine Struktur, die Dir ermöglicht, in Leben und Karriere die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Keyplayer im Musikbereich sind nicht mehr Labels, sondern das Management. Und für welche Struktur die sich entscheiden, ganz individuell, das ist das Entscheidende. Ohne diese Strukturen aber wird es nicht gehen.

JK: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

http://www.zebralution.com

Fotos: Zebralution

Mi, 24.03.2010 1

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Tolles Interview! Ich bin

Tolles Interview! Ich bin gespannt wie es mit EMI und Co. weitergeht.

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04.12.2009

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