
Wozu Innovationsökologien?
Ein Vorschlag für ein neues Innovationsparadigma
- Serie: Innovation
Brauchen wir wirklich einen neuen Begriff? Und was hat Ökologie überhaupt mit Innovation zu tun? Der Begriff Innovationsökologien ist nicht neu, er hat es aber bisher nicht aus der Nische heraus, in den breiteren Mainstream und die Fachdiskussion über Kreativwirtschaft geschafft. Um es kurz zu machen: Wir meinen, dass Innovationen in komplexen Systemen entstehen, die jenen Ökologien in der freien Wildbahn ähneln.

Weitergehende Potentialitäten zur Lösung von städtischen, sozialen und technischen Problemen fielen dabei allerdings unter den Tisch. Ähnlich erging es anderen Professionen, die in das starre Gerüst der Teilbranche gezwängt wurden, um der Idee des neuen Branchenkonzepts „Kultur- und Kreativwirtschaft“ zum zweifelhaften und nur teilweise vorhandenen Erfolg zu verhelfen. Der anhaltende Widerstreit um die Akzeptanz des neuen Branchenkonzepts resultiert ganz wesentlich aus der rigiden Zuordnung von Gleichem zu Gleichem.
Überraschungen erwünscht!
In jüngster Zeit bemühen sich viele regionale Förderer, junge Kreativagenturen und institutionelle Promotoren, die erweiterten Potentiale und Dienstleistungsfähigkeiten der kreativen Protagonisten zu entwickeln. Man hat erkannt, dass sich Arbeit und Wertschöpfung entlang komplexer Koordinaten in kreativen Milieus vollziehen: Maßgeblich sind kulturelle und soziale Diversität, Arbeit in Netzwerken und der Bedeutungsgewinn von neuen Orten des Austauschs und der Kollaboration. Dort verschränken sich die digitale und die analogen Sphäre. Diese Orte ähneln chaotischen, unbestimmten und oft uneinsehbaren wilden Biotopen.
Der britische Berater John Howkins hat vor einigen Jahren das Konzept der Innovation Ecologies im Kern daraufhin ausgerichtet, dass schöpferisch-kreative und innovative Prozesse und Praktiken als Austauschkreisläufe und komplexe Stoffwechselsysteme zu entwerfen sein müssen. Zentral ist ihm der Verweis auf die Bedeutung von sozialer und kultureller Vielfalt als Umgebungsbedingung. Diese Idee wirft nicht Gleiches mit Gleichem in einen Topf und gaukelt nicht vor, statistische Ordnung ins Chaos zu bringen. Sie interessiert Austauschprozesse zwischen gänzlich unterschiedlichen Akteuren. Überraschungen sind dabei erwünscht! Es geht darum, Orte in den Blick zu nehmen, bei denen unübersichtliche Nachbarschaften aufeinanderprallen. Es wird davon ausgegangen, dass gerade aus Irritationen neue Ideen entstehen.
Soziale Innovation und DIY-Labor
Das junge Paradigma der Innovationsökologien als Verständnisbrille für die Wirkmächtigkeit der kreativen Akteure verbündet sich aktuell mit zwei weiteren Trends:
Zum einen verbindet sich diese mit der Forderung, Auswege und Lösungen aus den aktuellen gesellschaftlichen Krisen nicht nur der technologischen Innovationen oder den etablierten Entscheidungskadern zu überlassen: Soziale Innovation lautet daher das Schlagwort. Es geht um Selbstorganisation und neue Nutzungsformen von urbanen Raum, neue Betreiberstrukturen und die Selbstermächtigung professioneller Amateure durch Plattformen des Web 2.0.
Zum anderen erweisen sich Metropolen mehr und mehr als Verhandlungskontexte und Praxislabore, um vor der Nase der etablierten ideenarmen Entscheidern die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Urban Gardening, Nischenökonomien, private Bildung, Baugruppen und selbstorganisierte Werksstätten vernetzen sich zu Aktionsfeldern und Ideengeneratoren. Die Stadt wird als Innovations-Laboratorium wichtiger denn je.
Der von uns vorgeschlagene Perspektivenwechsel der Innovationsökologien löst die Kreativwirtschaft endgültig aus ihren kulturpolitischen und kulturalistischen Verankerungen und rückt sie stärker als bisher ins Zentrum gesellschafts- wie wirtschaftspolitischer Suchprozesse nach Quellen des Neuen. Für die etablierten Entscheider bedeutet dieser Perspektivwechsel erst einmal Umdenken. Müssen sie sich doch auf ein wenig planbares, kollaboratives und unbestimmtes oder gar wildes Handlungsfeld begeben, eben ein schwer zu überschauendes Terrain, das sich immer nachhaltiger ausbreitet.
Foto (Teaser): Bohman (Flickr)
Abbildung im Text: Der Blog Digital Humanities Specialist der Stanford University zeigt eine mittels Grafiktool Gephi erstellte visualisierte Datenbank
Autoren: Prof. Dr. Bastian Lange und Dipl.-Soz. Malte Bergmann (www.Multiplicities.de Berlin)
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