WORM Rotterdam - wie Architektur umweltnützlich wird

Die 2012Architects aus Rotterdam sind bekannt für ihre genialen Designs, bei denen sie Abfallmaterial als Basis für ihre Entwürfe verwenden. Sie sind die Speerspitze der Superuse-Bewegung innerhalb der Architektur. Ein inspirierendes Unternehmen, aber als der deutsche Chemiker Michael Braungart sie in einer Diskussion dazu aufforderte, ihre Design-Methoden zu überdenken, wurde aus dem Designansatz „cradle-to-cradle“ (von der Produktion zur Reproduktion) plötzlich das Gegenteil von Superuse.



Luxus-Benefizveranstaltung


An einer Benefizveranstaltung teilzunehmen ist normalerweise eine etwas langweilige Angelegenheit mit Häppchen und Gratisdrinks, aber wenn WORM eine derartige Party schmeißt, wird es immer ein interessanter Abend. WORM ist ein Institut für avantgardistische Freizeitgestaltung, bekannt für seine Clubnächte und experimentelle Musik-Masterclasses. Jahrelang befand sich der Sitz des Instituts am Stadtrand, aber neuerdings ist man an einem sehr schönen Standort in der Stadtmitte zu finden, einem ehemaligen Museum, an dem noch viel verändert und ausgebessert werden muss – und da kommen die 2012Architects und die Benefizveranstaltung ins Spiel.
 

Superuse


Der 2012-Sprecher Cesare hielt eine aufschlussreiche Rede über die architektonischen Möglichkeiten des Superuse-Prinzips.
‘Warum noch mehr Abfall beim Prozess der Standardbaumaterialherstellung erzeugen, wenn schon so viel Material einfach herumliegt?’
Er verwies auf die Möglichkeiten, Häuser aus alten Autoreifen herzustellen, oder Teile von alten Windmühlen für die Errichtung von Spielplätzen zu verwenden.
Der Unterschied zwischen Superuse und dem altmodischen Recycling besteht in der Produktionskette. Recycling basiert auf dem Prinzip des Herunterbrechens: das Produkt wird dadurch verändert, dass man es in seine Originalbestandteile zerlegt. Dieser Prozess erzeugt zusätzlichen Abfall, also warum nicht die „nutzlosen“ Abfallmaterialien, die schwer zu recyceln sind, nehmen und etwas Neues aus ihnen machen?


Ein aufmerksames Benefizpublikum. Foto: E. Stekelenburg


WORM: Walhalla des Superuse-Prinzips


Der neue Standort von WORM wird komplett gemäß der Philosophie des Superuse-Prinzips renoviert. Die Wände werden mit alten Flugzeugfenstern getäfelt, um eine gute Raumakustik zu erzeugen, die Sitze in der Kino-Sektion werden aus leichten Flugzeugsitzen bestehen, und die Metallstreben werden aus einem alten Frachter geschnitten. Der Garten auf dem Dach wird die Wärme, die der Club erzeugt, für das Pflanzenwachstum verwenden, das Verrieselungswasser wird zur Kühlung des Gebäudes eingesetzt.



WORM-Designpläne:  ehrgeizig und farbenfroh.


Cradle to Cradle


Abgesehen vom Benefizcharakter machte WORM diesen Event durch die Einladung des deutschen Chemikers Michael Braungart als einen der Hauptredner auch zu einer etwas Aufsehen erregenden Veranstaltung für die anwesende „bessere Gesellschaft“. Braungart ist einer der Gründungsväter des Cradle to Cradle-Prinzips - vereinfach erklärt ein holistisches, ökonomisches, industrielles und soziales Rahmenwerk, das versucht, Systeme zu erzeugen, die nicht nur effizient, sondern hauptsächlich frei von Abfallstoffen sind und auf dem Ökosystem der Natur basieren. Also wird alles, was gemäß dem Cradle to Cradle-Prinzip produziert wird, nicht schädlich oder sogar gut für die Umwelt sein, und nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, wird es ohne jedweden zusätzlichen Zerlegungsprozess in seinen Ursprungszustand zurück versetzt.

Herr Braungart sagt, wie es ist.
‘Warum’ fragte Braungart, ‘fühlen wir Menschen uns so schlecht damit, auf diesem Planeten zu sein, dass wir einfach versuchen, die Auswirkungen, die wir durch unser Dasein erzeugen, zu minimieren?’
Als er die Aufmerksamkeit der Anwesenden hatte, fuhr er fort: ‘Anstatt unsere persönliche CO2-Bilanz zu reduzieren, sollten wir eine positive als Ziel haben. Wir sind nicht zu viele, aber wir sind zu dumm, um unsere Existenz für den Planeten nützlich zu machen. Man muss sich nur die Ameisen anschauen: sie übertreffen den Menschen, was ihre Anzahl betrifft, milliardenfach, und wenn man ihre Kalorienaufnahme auf ihre Körpermasse bezogen betrachtet, ist sie enorm – und doch sind sie nützlich für den Planeten. Warum ist das so?’


Profit ist Privatsache - Risiko Staatsache


Sein Appell an alle: eine Menge zu ändern – zum Beispiel technische Maschinen zu mieten anstatt sie zu kaufen. Ein einziger Fernsehapparat hat mehr als 40 giftige Chemikalien in sich, die weder der Verbraucher noch die Umwelt gebrauchen können. Wenn diese in einem geschlossenen System, bestehend aus technischen Apparaturen, bleiben, können diese schädlichen Abfallstoffe in zukünftigen Projekten des Vertreibers verwendet werden und werden so von unserem Ökosystem ferngehalten.
Wir sollten die vorhandene Marktstruktur ändern, so Baumgart. Zur Zeit wird der Profit privatisiert und die Risiken für die Umwelt durch die Verwendung von giftigen Materialien in Produkten trägt der Staat bzw. die Gesellschaft. Das sollte umgekehrt werden.
‘Aber die wirkliche Herausforderung liegt in der Kommunikationsstrategie’, meint Braungart, ‘wir gierigen Menschen möchten unsere Dinge nicht vermieten oder freundlich zur Natur sein, wir wollen unser Eigentum behalten und die bestmögliche Ausrüstung haben – die nicht notwendigerweise auch die umweltfreundlichste sein muss.’
 

Achtung beim Recycling


Danach sorgte Braungart für einige Verstimmungen, indem er der Cesares Rede (in der für die Verwendung von Abfallmaterial wie Plastik und Autoreifen für den Häuserbau plädiert worden war) widersprach: ‘Wenn man die falschen Dinge für perfekt erklärt, werden sie erst recht falsch für den angedachten Zweck.’
Autoreifen zum Beispiel, zerfielen nur langsam und würden dabei die Luft mit kleinen, giftigen Chemikalienpartikeln durchsetzen, die anhaltende Atemtraktprobleme und eine verringerte Fruchtbarkeit zur Folge hätten.
‘Was ihr von 2012 tut, ist schön, ihr erzeugt Bewusstsein für eine Problematik durch spielerisches Design, aber ihr seid immer noch Teil des Abfall-Systems. Diese Designs sind noch immer nicht nützlich für den Planeten. Warum nicht ins System eingreifen und nützliche Designs entwerfen?’
Cesare antwortete: ‘Was ist mit den Abfallstoffen, die bereits da sind? Einfach wegwerfen?’



Cesare und Braungart in der Diskussion. Foto: E. Stekelenburg.


Spenden mit gemischten Gefühlen


Braungart schien keine definitive Antwort darauf zu haben, was mit den bereits vorhandenen Abfallstoffen zu tun sei – die Diskussion wurde vom Gastgeber unterbrochen, der meinte, es wäre Zeit, dass die Anwesenden nun ihre Spenden abgeben könnten, was sie auch taten - aber vor dem Hintergrund der Diskussion mit gemischten Gefühlen, denn außer einem Beitrag für ein „schönes“ Design für eine der derzeit prominentesten kulturellen Institutionen blieb der Schluss, dass es realistisch gesehen sehr hart ist, umweltnützlich anstatt einfach umweltverträglich zu sein.

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Mi, 09.02.2011 0

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23.12.2009

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Rotterdam
Kulturhauptstadt 2001 und City Of Architecture 2007. Die niederländische Hafenstadt ist nicht nur einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der Weltwirtschaft, sondern spiegelt symptomatisch die urbanen Herausforderungen unserer Zeit wider.

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