Wo nimmt das Theater noch Einfluss auf die Politik?

Die Politik beeinflusst die Theater seit Jahren durch ihre rigorose Haushaltspolitik. Es wird gespart, gekürzt, gespart und nochmals gekürzt, nur um weiter zu sparen durchs Kürzen der Mittel. Es ist schwer verwunderlich, dass sich unter solchen prekären Umständen immer noch Leitungspersonal für die Theaterbetriebe finden lässt. Zwar kämpfen viele Theaterleiter hart mit den Stadträten und einige werfen das Handtuch, um den Kulturbetrieb zu warnen. Viele Intendanten machen dann aber nach einem Streit alles, was die Politik ihnen zum Spardiktat vorsetzt, mit. Haben sie Angst vor dem Verlust ihrer Posten?

Die Städte wollen Hochkultur und Prestige zum Preis von einem Discountprodukt. Die Lobby und Eigenständigkeit der Theater ist schrecklich schwach. Längst sind die vielen Berufe zahlreicher Gewerke, die das Theater mit sich bringt, schlecht bezahlte Jobs. Trotzdem finden sich auch immer noch genug Künstler und Handwerker, die zu diesen Konditionen arbeiten.

Theater sind auf Sponsoring angewiesen

Die ganz großen Häuser können ohne Sponsoring die Kosten für die Güte ihrer Aufführungen nicht mehr selbst stemmen. Im Bereich der Oper und des Balletts, des Tanzes, Tanztheaters und der Choreographie, herrscht im internationalen Geschäft enormer Druck. Man kann ja auch mal eben von Holzwickedes Airport 21 aus nach Barcelona oder Salzburg hoppen.

Längst hat sich der Einfluss der internationalen Wirtschaft über das Kultursponsoring etabliert. Und die Stadt will das auch, weil sie dadurch entlastet wird. Die Diskussion, dass die hundertprozentige Förderung der Theater notwendig ist, um die künstlerische Freiheit zu schützen, findet nicht mehr statt. Vielmehr gehört zum Besuch der Oper oder des Theaters auch die Konfrontation mit einer neuen Luxuskarosse, einer edlen Armbanduhr, die jetzt irgendetwas mit diesem Stück zu tun hat. Kauft man diese Dinge, dann geht es einem noch besser als am Abend der Premiere im Gran Teatre del Liceu an der Costa del Sol.

Die T-Shirtfraktionen - Kunst und Kommerz

Ehrlicher machen es da die Musicalbetriebe und die Comedyshows. Im Theater am Marientor findet sich Duisburgs Veranstaltungsort für Popkonzerte, Musicals, Comedyshows, etc. pp. Hier herrscht das bunte Potpourri, das so volksnah und für viele Bürger ansprechend daher kommt. Des Sommers über findet man sie in allen Straßencafés der Fußgängerzonen des Ruhrpotts, die T-Shirtbesitzer, die während eines guten echt italienischen Milchkaffees Werbung machen.

Da strahlt dann König der Löwen aus Hamburg, das Hafenmusical, das sogar eigene Schiffe für die Besucher bereitstellt, während flussaufwärts stolz und monumental die Elbphilharmonie stetig in den Himmel wächst. Ein wahrer Blickfang und viel teurer als geplant. Und nebenan im Eiscafé auf dem Westenhellweg sitzt Les Misérables, das Werbeshirt zum Musical, das man schon 1990 am Broadway sehen und hören konnte und gerne aus New York mitbrachte. Bei der Konkurrenz müssen alle mit.

Wer war noch nicht beim Starlight Express?

Das Metronom Theater Oberhausen leistet sich für das Jahr der Kulturhauptstadt WICKED – DIE HEXEN VON OZ und das Essener Colosseum Theater beherbergt BUDDY – DIE BUDDY HOLLY STORY. Auf das T-Shirt der Musicalfassung des Zauberers von Oz darf man sicher schon sehr gespannt sein. Wird es vielleicht Regenbogenfarben werden?

Unerwähnt darf natürlich der STARLIGHT EXPRESS in Bochum nicht bleiben. Seit zwanzig Jahren brummt hier der Betrieb. Und es hört nicht auf. Welcher Bundesbürger war eigentlich noch nicht in Bochum zum STARLIGHT EXPRESS?

Musicals - Theater als profitorientiertes Privatunternehmen

Meistens werden heutzutage die Musicals gleich mit einem Neubau aufgestellt. Das ist alles in dem Investmentplan enthalten und amortisiert sich schon in wenigen Jahren. Hier kann von Theater im antiken Sinne schon gar nicht mehr die Rede sein, denn hier ist Theater nur noch Unterhaltungsindustrie, die die Politik nicht beeinflussen kann, da es sich um profitorientierte Privatunternehmen handelt. Schade, dass einige Bürger diesen Zusammenhang gar nicht so sehr vor Augen haben. Wären sie mal schön brav ins Theater gegangen und hätten sich auch über den Stand und Zustand ihres Schauspiels vor Ort einmal in der Tagespresse erkundigt. Vielleicht wäre das mit dem schrägen Mottorradduo, er im König der Löwen, sie im Les Misérables T-Shirt zum ersten Draußen-Bier der Saison am Baldeneysee dann nicht passiert.

Ist Theater für die Stadt nur noch Tourismusfaktor? Und/Oder ist es nicht vielmehr nur noch ein Hort für spezialisierte Kunstliebhaber, die anreisen, um dort einen Abend zu genießen und später dann mit dem letzten Zug weiterreisen?

Foto: nimmersat (Profil bei piqs)
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Sa, 06.03.2010 1

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Kommentare

Woll'n wir nur noch Maushöhe?

Ich bin kein Freund von Zwangsveranstaltungen und ihren Aufrufen. Geht in das Stadttheater! Habt ein Herz mit dem Verwaltungsapparat! Die wollen doch nur spielen! Mich interessiert schon lange nicht mehr, ob es Freie Szene oder Stadttheater ist. Die Inszenierung muss mich reizen. Ich erachte es für wichtig einen beständigen Ort und Raum in den Städten und anderen Landstrichen zu haben, der gepflegt wird. Der benutzbar ist, ohne das die Decke einstürzt. Ob er aber nur einseitig benutzt werden sollte für entweder klassisches Stadttheater mit 150 Reclamheft-Inszenierungen, ein leerer Raum für die Freie Szene, oder Tourneetheater halte ich mittlerweile für überholt. Die starren entweder-oder-SpielortAnsätze wiegen sich nur von kurzer Dauer in Sicherheit. Bei einem größeren Sturm bricht das Gerüst zusammen. Fazit: Entweder auf Maushöhe inszenieren oder eine weiche und intelligente Struktur für vielfältige und dennoch präzise Inszenierungen schaffen. Hauptsache das Theater verkommt nicht zu einem bloßen Vehikel.

Über den Autor

08.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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