Wo die Metropole auf Halde liegt

Die Halde ist das Produkt immenser Kraftanstrengung unter Tage. Jetzt können die Ruhris vom Gipfel aus auf ihre Heimat schauen.

Nirgendwo sonst lässt sich das Ruhrgebiet besser überblicken als auf der Halde Hoheward. Von dort oben aus sieht man, dass die Gegend zusammengehört.

Ob Udo Lindenberg weiß, dass es nur noch zwei Privatbrauereien im Ruhrgebiet gibt? Immerhin macht er sich für den Erhalt der einen stark. So hat es zumindest den Anschein, auf dem Foto, das ihn unter den großen Bögen der Horizontalsonnenuhr auf der Halde Hoheward zeigt, mit einer Bügelverschlussflasche von Fiege in der Hand. Die muss ihm irgend jemand geschwind in die Hand gedrückt haben, bei seinem offiziellen Besichtigungstermin neulich auf Standortsuche für sein geplantes Rock-Pop-Museum „Panik-City“.

Ob das Projekt nun auf diese Halde nach Herten kommt, nach Hamburg oder anderswohin, letztendlich bestätigt Lindenberg mit seinem Planspiel bereits die Bedeutung des windigen Hochplateaus über dem Ruhrgebiet als Fluchtpunkt der Metropolenbildung. Darauf kann er ruhig mal ein Fiege-Pils trinken. Schließlich bemüht sich das Unternehmen nach Kräften, die gemeinsame Ruhrgebietsidentität zu beschleunigen. Wenn auch im eigenen Interesse.
 

Hoheward ist der perfekte Ort

Für mich ist die Halde Hoheward der perfekte Ausgangsort für eine Art Nationbuildung der Metropole Ruhr. Warum? Weil dies der einzige Ort ist, von dem aus man das Ruhrgebiet großflächig überblicken kann: Hinter Recklinghausen-Hochlarmark türmt sich die größte Haldenlandschaft Europas über dem Ruhrgebiet auf – wie ein Tafelberg. Ihr höchster Punkt liegt etwas über der Aussichtsplattform des Dortmunder Fernsehturms auf 142 Metern.

Vom nördlichen Gipfelplateau der Halde aus kann man diesen Turm bei klarer Sicht gut erkennen: Im Südosten steckt er dann ganz unten links wie ein Streichholz in der Fläche, die sich wie das Modell einer Industriemetropole unter dem Beobachter ausbreitet. Man kann von hier oben aus nicht sehen, dass die meisten Gerätschaften, die da in der Landschaft herumstehen, nicht mehr im Einsatz sind. Die Fördertürme und sonstigen Industrieanlagen. Aber man kann es schließen – die Luft ist nämlich klar.



Die Mystik über den Fördertürmen

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Udo nicht die 529 Stahlstufen von der Nordseite aufgestiegen ist, sondern hochgefahren wurde. Mit dem Fahrrad die Serpetinen hoch ist – im niedrigen Gang – auch das eine schöne Herausforderung, nach deren Bewältigung am Ende die tolle Aussicht wartet. Bei klarem Wetter ist dieser Ort für mich inzwischen der Abschluss eines jeden Besucherprogramms für Auswärtige, auch für Einheimische, von denen die meisten wohl noch nicht hier oben waren. Das liegt wohl auch daran, dass der Weg dorthin sehr schlecht beschildert ist.

Dennoch besitzt dieser Ort für mich eine gewisse mystische Aura. Wahrscheinlich weil ich ihn mit meinem Heimatgefühl belade. Möglicherweise auch wegen des meterhohen Obelisken, der dort herum steht, als Sonnenstandsanzeiger einer großen Horizontalsonnenuhr. Deren beide riesigen Stahlbögen spannen sich über eine runde, plattierte Fläche, die man aus dem Zugfenster auf der Fahrt von Dortmund-Mengede nach Gelsenkirchen sehen kann – oder aus dem Autofenster von der A2 aus. Die beiden Bögen teilen den Himmel in eine Ost- und Westhälfte sowie in Nord- und Südhalbkugel. Tagsüber dienen sie als Sonnenkalender – nachts als Orientierungshilfe am Sternenhimmel.



Silvester auf der Halde


An Silvester ist die Fläche unter den Bögen längst ein beliebter Treffpunkt, um von hier aus das Feuerwerk über dem Pott zu bestaunen. Ist der Himmel dicht, sieht man leider nichts – außer den anderen, die sich mit einer Flasche Freixenet hier eingefunden haben. Jedenfalls ist der Berg das Produkt einer immensen Kraftanstrengung, die Menschen aus Oberhausen, Duisburg, Gelsenkirchen, Essen, Bochum, Recklinghausen, Herne, Hamm oder Dortmund jahrzehntelang unter der Erde vollbracht haben. Diese Arbeit hat die regionale Mentalität geprägt.

Die Arbeit ist heute eine andere, die Mentalität wandelt sich. Jetzt können die Ruhris von hier oben aus auf ihre Heimat schauen. Nicht mehr nur von unten – oder eben von unter Tage. Von hier oben aus haben sie einen Blick für die Zusammenhänge der Region. Und irgendwann kommen sie vielleicht zu dem Schluss, dass es eine Metropole ist: In deren einer Ecke steht ein Fernsehturm. In einer anderen ein riesiges Fußballstadion, das man dort, wo der Fernsehturm steht, die "Stehbierhalle von Gelsenkirchen" nennt. Von hier oben kann man das alles gut sehen.



Die Botschaft der Halde heißt "Ruhr"

Sollten sich die 5,3 Millionen Menschen irgendwann mal darüber im Klaren sein, ob sie nun in einer gemeinsamen Metropole leben wollen, dann wäre dies der rechte Ort, um diesen Entschluss zu manifestieren. Sodass sie künftig sagen können, sie kommen aus der Ruhrstadt, aus Ruhr-City, aus der Ciudad de Ruhr. Oder am besten gleich aus „Ruhr“, das ist einsilbig und klingt fast wie Rom. Eine ewige Stadt. Bis es soweit ist, trägt jede öffentliche Veranstaltung, die hier oben, auf der Halde Hoheward, stattfindet - und sei es bloß der Besuch von Udo Lindenberg - ebendiese Ortsmarke.
 



 

So, 22.01.2012 0

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11.02.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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