Rundlauf und Funkloch-Parties wandeln die Kulturszene - Interview mit Guy Dermosessian, Teil I

Mit der Funkloch-Partyreihe und dem 'Rundlauf' hat der Wahlbochumer Guy Dermosessian frischen Wind in die hiesige Kulturlandschaft gebracht. Im Interview sprich er über die Philosophie des Funklochs, die feinen Unterschiede beim Party-Publikum und die Energie, die gemeinsame Kreativität freisetzen kann.

Du bist bisher vor allem durch die Funkloch-Parties in Erscheinung getreten. Was ist die Idee dahinter?

Guy: Die Funkloch-Parties sind Plattform für eine Nischenmusik. Es hat damit angefangen, dass man in den 80ern elektronische Musik mit Gospel verbinden wollte. Mittlerweile ist aus dem Gospelprojekt nicht mehr soviel übrig geblieben, aber die Deephouse-Geschichte hat sich mit den Einflüssen von Disco und Soul fortsetzen können, ohne dabei Pop-Status zu erreichen. Deswegen kommt vom Scheuklappen-Publikum auch manchmal negative Resonanz, weil diese Leute mit ihrer Vorstellung von einer Tanzveranstaltung enttäuscht werden. Sie kriegen im Funkloch weder Ballersound noch Schnelles, Hartes, Lautes. Es geht um etwas ganz anderes. Das erste Plakat zur Funkloch-Party war ein weißes Plakat, auf dem stand: „You can't hide the Soul forever.“ Das ist glaube ich auch die Message hinter dieser Musik.

Dein letztes Projekt war der Bochumer Rundlauf, bei dem Kunst, Musik und außergewöhnliche Locations miteinander verbunden wurden. Die Veranstaltung war ziemlich erfolgreich – wie ist Dein Eindruck im Nachhinein?

Guy: Das Beste an den zwei Tagen waren die Leute, die da waren. Man hat gemerkt, dass alle Beteiligten gemeinsam eine krasse Energie entwickelt haben. Jeder hat anders gearbeitet, anders auf alles reagiert. Die Leute hinter der Theke beim Funkloch-Abend waren total locker, weil sie wussten, dass die Gäste es nicht eilig hatten und total zufrieden waren. Und auch dass wir zwischendurch einen Einlass-Stopp gemacht haben, war kein Problem. Die Gäste haben entspannt im Hof gewartet und gequatscht und es war völlig unkompliziert. Irgendwann hat mir sogar jemand 50 Euro angeboten um rein zukommen. Der meinte, in München ginge das. Da regte sich dann der Bochumer Patriotismus da draussen: „Du bist doch hier nicht in München, wir sind hier nicht im P1!“ Insgesamt war es einfach sehr entspannt, du hast nie so ein ekstatisches, unangenehmes Feiern mitbekommen, wo diejenigen gestört wurden, die nur in ihrer Ecke ein bisschen tanzen wollten. Es wurde natürlich auch getanzt, es gab eine Energie und Dynamik in dem Raum, aber nie anstrengend und störend.

Du sprichst mit Deinen Veranstaltungen ja auch ganz bestimmte Leute an ...

Guy: Das bin ja nicht ich, das ist die Musik, die diese Leute anspricht. Als wir mit dem Funkloch in der Evebar gastierten, sind viele Leute, die normalerweise dorthin gehen, auch zu uns gekommen. Die haben sich aber nach einer Stunde unwohl gefühlt, weil sie gemerkt haben: Die Musik ist ihnen nicht hart genug, nicht laut genug, es sind vielleicht nicht genug junge Mädels da ... Das ist für mich eigentlich ein perfekter Filter – wenn das nur über die Musik läuft, haben wir nie Diskussionen an der Tür. Wir haben bis jetzt nie jemanden abgewiesen, weil man den Musikgeschmack und das Verhalten nicht am Aussehen festmachen kann. Es ist aber auch nie jemand unangenehm geworden, obwohl wir ein sehr gemischtes Publikum haben. Viele Veranstalter hängen von den Einnahmen des Abends ab und wollen einfach die Mehrheit bedienen. Genau das wollte ich nie, denn darunter leidet die Qualität.

Man hat beim Rundlauf die lockere, entspannte Atmosphäre gespürt. War das bei den Vorbereitungen auch schon so?

Guy: Es gab so viel Engagement von den Beteiligten, da brauchte es keine übergeordneten Anweisungen. Jeder konnte spontan entscheiden, was er jetzt gerade macht. Zum Beispiel hatten die Leute im Theater an der Rottstraße vergessen, Schnaps zu besorgen – das war Ok, dann eben ohne. Die Leute vom FKT haben genauso mitgearbeitet wie Animalism oder die Leute vom Videofestival. Es gab nicht den üblichen Stress: „Um Eins muss das stehen!“ Wenn es nicht um Eins fertig war, dann eben um Drei. Und das lag auch an den Gästen, weil sie nicht fordernd waren. Keiner hat gesagt: „Ich hab Acht Euro bezahlt, ich will jetzt was sehen!“ Die Leute wollten einfach nur eine schöne Zeit haben. Und wir wollten auch keine Revolution starten. Die Idee dahinter war, statt rumzumeckern, weil man in Bochum nicht vernünftig ausgehen kann, sich einfach hinzusetzen und selber was zu machen.

Und wie war dein Eindruck vom Samstag? Hat alles gut funktioniert?

Guy: Das ging alles von ganz allein. Der Martin aus dem RNDM Store hat die Leute mit versteckten Infos im Vorfeld gelockt und alle wollten dann unbedingt zuerst dahin, um zu gucken was dahinter steckte. Dann war für viele Leute auch die Goldkante mit der Ausstellung von Marion Stephan interessant, weil sie vielleicht „Kommt gucken“ verpasst hatten. Viele haben im Ehrenfeld angefangen und sind dann über die Rottstraße 5 in Richtung FKT gelaufen und dort hängengeblieben. Da gab es Kaffee, Bier und irgendwann das unerwartete Unplugged-Konzert von den Chicks. Für mich war es total interessant, dass sich auch die älteren Leute für Streetart interessiert und Hip Hopper den Chicks zugehört haben. Das meinte auch Sam von den 2SickBastards: Das interessanteste an dem Tag sei das Publikum gewesen, weil normalerweise zu seinen Ausstellungen immer reines Szenepublikum komme. Er war total überrascht, dass ältere Leute, von denen man nicht annehmen würde, dass sie sich für Streetart interessierten, auch dort ihre Fragen gestellt haben und sich für die Aussagen interessiert haben. Das war meiner Meinung nach der Rundlauf: Weder das Angebot, noch die Arbeit die dahinter steckt – der Rundlauf ist eigentlich in diesen zwei Tagen entstanden.

Zum zweiten Teil des Interviews geht's hier.

Fotos: Sven Neidig

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Mi, 26.05.2010 1

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Kommentare

keine revolution

guy will keine revolution - macht nichts. dann ist er eben revolutionär ohne besseres wissen. das nächste mal muss ich auch hin!

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19.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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