Willkommen in der Hölle

Von Cornelis Hähnel. Samstagabend, kurz nach acht. Joscha sitzt gelangweilt in seinem Zimmer und spielt mit seiner Handykamera. Die Wände sind dicht mit Filmpostern tapeziert, ein riesiger Stoffalligator erklimmt die kleine Couch, und über dem Schreibtischstuhl hängen ein paar Sportsachen.

„Ihr werdet alle sterben“, flüstert der 13-Jährige in die Kamera und schleicht sich durch den Flur in die Küche. Ein Topf Erbsensuppe wird zum „Fraß des Grauens“, und sein Vater, der sich ein Bier holt, gibt dem Grauen sogar ein Gesicht. Im Wohnzimmer läuft „Wetten, dass...?“ und der neun Jahre alte Alex macht sich bereit für die Badewanne. Ein ganz normaler Abend. Und während die Eltern es sich vor dem Fernseher bequem machen, verschwinden die beiden Jungs im Badezimmer. Alex soll für Joschas Horrorfilm ein Monster spielen und furchterregend aus den Fluten der Wanne auftauchen. Was als harmloses Spiel beginnt, gerät zunehmend außer Kontrolle. Und bleibt dabei doch alltäglich.

Ein Handy bringt die Normalität kurzzeitig ins Wanken

Bruder, Bruder schaut mit präzisem Blick in das Leben einer normalen Familie. Ein ganz alltäglicher Abend, irgendwo im Jetzt. Die Eltern genießen ihren Feierabend, die Jungs ärgern sich mit den üblichen Sticheleien. Einzig ein Handy bringt die Normalität kurzzeitig ins Wanken. Das Handy, mit dem der Zuschauer Joscha kennenlernt und sieht, was er sieht. Schon die erste Einstellung, in der Joscha sich selbst filmt, verweist auf die Relevanz der zwei Erzählebenen, die nicht nur Teil des ästhetischen Konzepts sind, sondern zugleich die treibende Kraft des Films. Die unscharfen und verwackelten Bilder schaffen sofort eine unmittelbare Verknüpfung mit der Lebenswelt des jungen Protagonisten. Und doch geht es weit über eine intendierte Medienkritik hinaus. Im Handybild laufen die komplexen Strukturen der Familie zusammen und ermöglichen eine – ebenso intime wie distanzierte – Innensicht. Denn trotz der spürbaren Vertrautheit schafft es der Film, seinen klaren Blick auf das Geschehen zu behalten. Das Miteinander der Brüder steht dabei im Mittelpunkt. Was als spielerische Kabbelei beginnt, wird immer mehr zum bedrohlichen Machtspiel. Und letztlich zum Lernprozess. Kreyßig inszeniert einen kleinen Schritt in die Erwachsenenwelt, eine Erkenntnis der Verantwortung für das eigene Handeln, auf dramaturgisch wirksame, aber völlig undramatische Weise. Auch wenn der Film fast beiläufig und mit einer lapidaren Geste endet, scheint ein Teil der Leichtigkeit verflogen. Durch das Vermeiden von Schuldzuweisungen, auch gegenüber den Eltern, bleibt am Ende etwas ebenso Einfaches wie Elementares: das Sammeln von Erfahrungen. Und das transportiert Bruder, Bruder mit genau beobachteter Unaufgeregtheit.

 

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Fr, 29.01.2010 0

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29.01.2010

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