Wie Phönix aus der Asche

Von Werner Busch.

Filmische Antike

Der Subkontinent Europa kennt viele einflussreiche Kulturnationen. Aber keine hat so früh, grundlegend und vielfältig auf unsere heutige Welt gewirkt wie die der Hellenen. Griechenland ist die vielzitierte Wiege Europas. Ihre in zypressenhainduftender Sonne gefundenen Errungenschaften aus der Antike haben nicht nur für Studenten der Geisteswissenschaften bis heute fundamentale Bedeutung. So blickt die gesamte Welt alle vier Jahre auf ein weiteres besonderes Kulturgut des Landes, die Olympischen Spiele. Es ist wohl kein Zufall, dass einige der ersten kinematographischen Aufnahmen, die in Griechenland entstanden, eine Olympiade festhielten: die Spiele von 1906. Im selben Jahr begannen in Makedonien die Brüder Yiannis and Miltos Manakia weitere kurze dokumentarische Aufnahmen ihrer Heimat festzuhalten. Zwar entstand 1915 mit GOLFO ein erster Langfilm, doch kurze dokumentarische Arbeiten bestimmten bis Ende der 1920er Jahre die eher spärliche Filmproduktion des Landes. Zu den herausragendsten dieser dokumentarischen Zeugnisse gehört THE DESTRUCTION OF SMYRNA aus dem Jahr 1922, das die verheerende Endstufe des Konfliktes zwischen Griechen und Türken im heutigen Izmir festhielt. Der Regisseur dieses Films, Dimitris Gaziadis, der in Deutschland studiert und hier im Stummfilm Erfahrungen gesammelt hatte, gründete 1927 mit DAG FILM die erste größere Filmproduktionsfirma. Häufig wird dieses Jahr als erster Wendepunkt der griechischen Filmgeschichte begriffen. An die Stelle vereinzelter Pioniere traten nun gut organisierte Firmen, die durch eine florierende Kinowirtschaft bis in die späten 1930er Jahre große Erfolge beim inländischen Publikum hatten.

Das goldene Zeitalter

Die zweite Phase des griechischen Kinos beginnt mitten in der Okkupationszeit durch die Nazis. Statt in die vielzählig angebotenen deutschen und italienischen Filme in den Lichtspielhäusern, drängte es das Publikum 1943 in VOICE OF THE HEART von Dimitris Ioannopoulos, den man als einen der ersten modernen griechischen Filme begreifen kann, als den Beginn eines neorealistischen Trends. Produziert wurde der Film durch die neu gegründete Finos Film, die bis zu ihrem vorläufigen Ende 1977 die größte und bedeutendste Filmproduktionsfirma des Landes war und unter deren Namen mehr als 150 Filme entstanden. 1943 erhielt außerdem die Schauspielerin Katina Paxinou als erste Griechin für ihre Rolle in WEM DIE STUNDE SCHLÄGT einen Oscar. Eine weitere Brücke in die USA schlug bald darauf der Regisseur Grigoris Thalassinos (Gregg C. Tallas), der durch THE BAREFOOT BATTALION 1953 auf sich aufmerksam machte.

Die 1950er und 60er gelten als die goldene Ära des griechischen Films. Mehr als 50 Filme entstanden in jedem Jahr, und einige der Regisseure und Schauspieler konnten internationale Anerkennung gewinnen, darunter Nikos Tsiforos, Ellie Lambeti und Irene Papas. Auch Mihalis Kakogiannis startete in den 1950ern seine Karriere mit dem Film STELLA, der wie viele andere Produktionen dieser Jahre ein reinrassiger Film Noir war. Durch die Hollywood-Produktion ALEXIS SORBAS mit Anthony Quinn schuf er Anfang der 1960er eine der Ikonen für das, was wir bis heute unter den Stichworten Film und Griechenland verbinden, den Sirtaki. Ein reiner Kunsttanz, der erst für diesen Film choreographiert wurde und der untrennbar mit der Musik des Komponisten Mikis Theodorakis verbunden ist.

Smell the ashes…

Theodorakis arrangierte auch eine Reihe anderer prominenter Soundtracks, etwa zu Sidney Lumets SERPICO oder dem Politthriller Z, der 1969 unter der Regie von Constantin Costa-Gavras entstand. Auch ein anderer griechischer Komponist trug die Fahne seines Landes weit über die Ländergrenzen hinaus: Evangelos Odysseas Papathanassiou, besser bekannt als Vangelis, der sich durch seine Kompositionen für CHARIOTS OF FIRE, BLADE RUNNER oder 1492 – DIE EROBERUNG DES PARADIESES – auch in deutschen Boxhallen – unsterblich machte. Nur wenige Regisseure waren im ausgehenden 20. Jahrhundert über die Landesgrenzen hinaus bekannt und die prominentesten Namen darunter früh emigriert. Neben Costa-Gavras ist hier auch Georgios (George) Pan Cosmatos zu nennen, der in den 1980ern und 1990ern mit Filmen wie RAMBO II – DER AUFTRAG oder TOMBSTONE erfolgreich große Hollywoodproduktionen realisierte. Das Kino in der Heimat war unterdessen aber in einer künstlerischen und kommerziellen Krise, die erst zur Jahrtausendwende endete.

Neuanfänge

SAFE SEX, eine frivole Komödie aus dem Jahr 1999, wurde unerwartet zu einem der kommerziell erfolgreichsten griechischen Filme überhaupt und konnte in hellenischen Kinosälen sogar mehr Eintrittskarten verkaufen als James Camerons TITANIC. Weitere – nun auch besser budgetierte – Filme konnten in den Folgejahren das Publikum ähnlich begeistern, darunter A TOUCH OF SPICE oder NYFES. Der Trend zum populären Film hielt an und ließ die Produktionslandschaft des Landes florieren. Denn wie seit den frühesten Beginnen konnten heimische Filme auf ein treues Publikum hoffen, das seine Produktionen mit europaweit herausragenden Anteilen bei den Kartenverkäufen bedenkt.

Mit DOGTOOTH von Yorgos Lanthimos gewann 2009 erst zum dritten Mal ein griechischer Film mit dem Prix Un Certain Regard einen Hauptpreis bei den Filmfestspielen von Cannes. Lanthimos steht mit diesem Preis in einer Linie mit Costra-Gavras und Theodoros Angelopoulos und gilt als einer der Hoffnungsträger für ein auch künstlerisch neu erstarktes Filmland Griechenland.

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Di, 07.09.2010 0

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29.01.2010

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