
Wie merkt man Heimat?
Meine Frage, was er denn mit Heimat verbinde, beantwortet ein in tiefe Reflektion gefallener junger Mann nach einigem Hin und Her in seinem Kopf mit: „Meine Omma.“ Da hat er plötzlich was gemerkt. Da stand die Oma vor ihm, die ihn im Geiste auch auf seinen Reisen nach Amsterdam oder seine neue Heimat, Wiesbaden, begleitet hatte. Wie merkt man denn Heimat? „Das ist eine interessante Frage“, sagt sie und schweigt. „Da, wo ich wohne, wo ich gemeldet bin?“ „Where ever I lay my hat, that’s my home“, hat jemand gesungen. Aber das Wort Heimat ist nicht ins Englische zu übersetzen. Er ist rein Deutsch und hat oder hatte damit immer schon ein Problem.
Foto: Heimatliche Landschaft

My home is my castle
Der Filmregisseur Adolf Winkelmann hat mal gesagt, er mache Heimatfilme. Auch Fatih Akims Film „Solino“ kann man als Heimatfilm betrachten, zeigt er doch wie die Heimat wechselt und doch nicht wirklich zu einer neuen wird. Das Ruhrgebiet strengt sich an, ein Heimatbild zu vermitteln – als Ganzes. Man soll nicht mehr „Gladbeck“ denken, sondern Metropole Ruhrgebiet, wenn man nach seiner Heimat gefragt wird. Aber die Frage lautet wohl eher: „Wo kommst Du her? Oder „Wo wohnst Du?“ Früher antworteten viele: „In der Nähe von Köln.“
Je älter der Mensch wird, desto mehr erinnert er sich zurück zu seinem Ursprung. Der junge Erdenbewohner ist da noch wacker unterwegs, hinaus in die Welt, und wenn es nur ein paar Ecken weiter die andere Straße ist. Erst später wird er die Currywurst-Bude, die er unbekümmert alltäglich ansteuert, für Heimat halten.
Foto: Pommes und Ball
Wettbewerb befeuert das Wir-Gefühl
Ich sitze in einem Pub auf Malta. Im Sportfernsehen läuft die Champions-League. Der Laden ist voll mit Italienern. Mailand gegen Schalke und ich merke nach kurzer Zeit, welch ein unbezwingbares Heimatgefühl in mir aufsteigt. Ich sehe in Litauen die Meisterschaftsfeier von Borussia Dortmund und bemerke meine Freude, als ich dem Kellner sage: „Das sind wir!“. Ist das möglich? Ja, geboren in der einen, gelebt in der anderen Stadt. Die Geburtsstadt verursacht jedoch die heftigere Emotion.
Sitzt beim Fernsehquiz jemand auf dem Stuhl aus dem Ruhrgebiet, fiebert der landsmannschaftlich nahe Stehende mit. Im Urlaub blättern sich viele sofort durch zur Regionalseite, falls es solche Druckerzeugnisse dort gibt. Oder wir sitzen im Hotelzimmer vor unserem Notebook oder beugen uns über das Smartphone, um zu schauen, was in der Heimat gerade so abläuft. Vertraute Schlagzeilen, vertraute Ärgernisse. Das braucht der Mensch.
Foto: Heimatdesign
Metropolengefühle im Nebel
„Der kommt aus’m Pott!“ sagt der Berliner, der selbst mal aus dem „Pott“ rüber gemacht hat, zu dem anderen Berliner, der sich mit Klischees vollgepfropft hat und seinen norddeutschen Dialekt immer noch nicht hat ablegen können. Er ist in die Hauptstadt gewechselt, der einzigen deutschen Metropole, um irgendwann Berliner zu werden. „Cool ist es bei Euch da unten“, sagt er, “was macht ihr da den ganzen Tag? Bierpullen sammeln?“
Noch bis in die 70er lag das Ruhrgebiet im Nebel. Es war aber nicht der Londoner Nebel aus Edgar-Wallace-Krimis. Es war stinkender Qualm, der Arbeiternebel. Aber man wusste: „Hier ist Oberhausen, hier bin ich zu Hause. Ich rieche Heimat.“ Heute ist der Nebel eine diffuse Mischung aus Identitätskompott und Provinz-Mus. Die Metropole ist auf lange Sicht ein virtueller Setzkasten. Und je tiefer man in das weltweite Netz eintaucht, je länger man surft und chattet, postet und twittert, desto ferner rückt auch die Straße, in der man wohnt.
Currywurst
Heimat merkt man dann, wenn der Briefträger klingelt und fragt, ob man der sei, der hier angegeben sei, bevor er eine handgeschriebene Ansichtskarte überreicht. Sabine schreibt aus Australien: „Freu mich schon auf die erste Currywurst, wenn ich zurück bin.“
Foto: heimatlos

Fotos: Dman
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Wo ist zu Hause, Mama?
Charmant, charmant, Herr Blogerant!