Das Westfalen Gourmetfestival – ein mutiges kulinarisches Statement

Lünen/Westfalen. Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Wenn man in diesem Jahr nicht damit anfängt, groß zu denken, wann dann? Das gilt für Bauvorhaben in unserer Region, für kommunal- und landespolitische Entscheidungen – und auch für die Gastronomie.

Die Gastronomie ist sich oft nicht ihrer wichtigen Rolle bewusst, die sie als so genannter weicher Standortfaktor für den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte und Firmen spielt. Umgekehrt trägt auch oft der Amtsschimmel Scheuklappen, wenn er mit seinen Regeln und Verordnungen eine lebendige Gastro-Infrastruktur be- oder gar verhindert. Selbst das Publikum weiß oft gar nicht, was es an seinen Kneipen, Clubs und Restaurants hat – bis wieder mal ein Traditionshaus aufgibt oder ein pfiffiges neues Konzept nicht genug Luft zum Überleben hat, und dann ist das Gejammer wieder groß.

Warum diese zähe Einleitung? Weil „eigentlich“ ausgerechnet in diesem gefühlten Krisenjahr 2010 viele Voraussetzungen gegeben sind, von denen früher immer mal eine fehlte. Nordrhein-Westfalen genießt in diesem Jahr eine bundesweite mediale Aufmerksamkeit wie kein anderes Bundesland. Die wichtigen Landtagswahlen im Mai spielen dabei eine ebenso prominente Rolle wie der Status als Kulturhauptstadt 2010, der dem erweiterten Ruhrgebiet zig Feuilleton- und Buchveröffentlichungen und gestiegene Besucherzahlen beschert. Selbst die Gründung einer eigenen Westfalenpartei ist, wenngleich schmunzelnd, bundesweit zur Kenntnis genommen worden, kurz: Man schaut auf NRW. Auch für die hiesige Gastronomie stehen die Sterne günstig. Zählt man allein die ausgezeichneten Lokale der Kulturhauptstadt zusammen, wie HIER geschehen, hat man Deutschlands drittgrößte Genussmetropole vor sich, während sich im Hinterland von Ruhr.2010 der Trend zur frischen, saisonalen Regionalküche mit ihren landestypischen Produkten und Spezialitäten Bahn bricht.

Vernetzung der westfälischen Gastronomie

Diese Gemengelage zu erkennen und die Gunst der Stunde zu nutzen, ist nicht jedem gegeben. Gerhard Besler allerdings hat genau das getan. Der Seniorchef der Futec Agentur & Verlag mit Sitz in Lünen gibt nicht nur das Westfalen Magazin heraus, sondern hat im vergangenen Jahr auch das Westfalen Institut gegründet mit der Zielsetzung, die gehobene westfälische Gastronomie besser zu vernetzen und die Entwicklung einer eigenen westfälischen Küche voran zu treiben. Ein Offspring dieser Bemühungen ist der Westfälische Gastronomiepreis, ein Publikumspreis, mit dem die beliebtesten Restaurants Westfalens geehrt werden.

In diesem Jahr gipfeln die Vernetzungs- und Vermarktungsgedanken des Feinschmeckers und ambitionierten Hobbykochs Besler und seines Sohnes Marcus in der Idee, im Herbst dieses Jahres (2. September bis 14. November) ein rein westfälisches Gourmetfestival über zweieinhalb Monate zu veranstalten. Mit großen, eingeführten Vorbildern wie dem Schleswig-Holstein Gourmet Festival oder dem Rheingau Gourmet Festival im Kopf putzte Besler die Türklinken in seinem Beritt – und siehe da, ihm wurde aufgetan. Kaum eins der angesprochenen gehobenen Häuser im Westfälischen, das die Teilnahme an der großen Idee verweigert hätte.

Mehr als Pfefferpotthast & Pumpernickel

Und so findet es also nun statt, das Westfalen Gourmetfestival 2010. Kürzlich der Presse und den Sponsoren vorgestellt (in gourmetträchtiger Umgebung: in Stefan Maniers Show- und Eventlocation B1* im Dortmunder Inhouse), präsentiert sich das Festival als dezentrales kulinarisches Spektakel, das sich über neun Spätsommer- und Herbstwochen in neun westfälischen Städten erstreckt. Dabei steht nicht nur das in der jeweiligen Woche gastgebende Haus im Mittelpunkt, sondern auch der jeweils dorthin eingeladene Gastkoch, jener meist mit einem oder gar zwei Michelinsternen dekoriert. Nicht, dass die Häuser nicht von sich aus die Kraft hätten, sich ihrem Stammpublikum und neugierigen Gästen von weiter weg zu stellen! Denn wie sagt Gerhard Besler: „Auch wenn die westfälische Küche in den großen Feinschmecker-Magazinen noch eine eher untergeordnete Rolle spielt, entwickelt sich zwischen Münster-, Sauer und Siegerland eine echte Genussregion. Schließlich reicht Westfalen kulinarisch betrachtet weit über Pfefferpotthast, Pillepauken und Pumpernickel hinaus.“

Bühner kommt! Und Biolek!

Zu den Sterneköche aus der ganzen Republik, die das Spektakel mit ihren Ideen und Rezepten bereichern werden, gehört der für drei Michelin-Sterne gehandelte und in Dortmund nach wie vor schmerzlich vermisste Thomas Bühner aus dem La Vie in Osnabrück, der ins Restaurant Gabriel’s im Hotel Kaiserhof zu Münster geladen wurde. Björn Freitag vom Goldenen Anker in Dorsten beehrt Hagen, der Sylter Sternekoch Holger Bodendorf kocht in Schmallenberg, während in Dortmund (Zweisternekoch Stefan Steinheuer von der Ahr bei Overkamp), Waltrop (Alexander Dressel, Holger Stromberg und Stefan Neugebauer im Gasthaus Stromberg) und Schwerte (Alfred Biolek in der Rohrmeisterei) weitere Küchenstars Kochlöffel und Schneebesen schwingen werden.

Das Ganze ist ein großes, mutiges Experiment, durchaus auch ein Weckruf und ein Statement sowieso. Wieso gibt es eigentlich kein Ruhrgebiet Gourmetfestival?!

www.westfalen-gourmetfestival.de

Foto (Hillenbach): Der Initiator des Westfalen Gourmetfestivals Gerhard Besler (r.) und Küchenchef Stefan Manier (B1, Gasthaus Stromberg)

So, 02.05.2010 0

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13.12.2009

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