
Wenn Industrie verschwindet - Prof. Wehling über den europäischen Strukturwandel
De-Industrialisierung in Großbritannien und dem Ruhrgebiet
- Serie: INTERVIEWS
Was ist das Spezifische am derzeitigen Strukturwandel des Ruhrgebietes? Und was ist daran gar nicht einmal so anders als in Staaten wie England? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Hans-Werner Wehling, Spezialist für geographische Landeskunde von Altindustrieländern und gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der EGGG (Essener Gesellschaft für Geographie und Geologie).
LABKULTUR.tv: Die EGGG veranstaltet regelmäßig Exkursionen in Ballungsräume Europas. Was schauen Sie sich dort an?

Prof. Dr. Hans-Werner Wehling
Es findet sich in jeder Stadt der Welt, in der Migration vorkommt, ein Ort an dem die Einwanderer zunächst geballt Fuß gefasst haben. In Whitechapel ist dies die Brick Lane, auf der sich zunächst die Hugenotten ansiedelten, sich dann etablierten und fortzogen. Um den zweiten Weltkrieg herum folgten die Juden – und aus der Methodistenkirche wurde eine Synagoge. Heutzutage gibt es dort aus dieser Zeit noch viele Bagel-Geschäfte, und aus der Hugenottenzeit ein starkes Textilgewerbe. Nach dem Fortgang der Juden in ein anderes Viertel kamen Bangladeschi, und aus der Synagoge wurde eine Moschee. All dies ist diesem Gebäude heute noch anzusehen. Im Jahr 2008 erschien dann der Roman „Brick Lane“ von Monica Ali, und der Ort wurde ein quasi literarischer Ort, der in jedem Touristenführer für London auftaucht.
Neben solchen – teils sicher gut übertragbaren – Einzelphänomenen: Inwieweit lässt sich an anderen Ländern studieren, wie sich die innerstaatlichen Funktionen von Regionen ändern?
Es gibt Primatstädte – London in England, Paris in Frankreich, Dublin in Irland. In einem gewissen Abstand zu diesen erst tauchen dann weitere größere Städte auf. Das entwickelt sich in der Regel historisch weiter, nur in den Niederlanden passierte das planerisch: Dass es viele Zentren mit unterschiedlichen Funktionen gibt. Wegen der hiesigen föderalistischen Struktur arbeiten diese Zentren teils gegeneinander, in den Niederlanden wesentlich mehr komplementär und funktional. Seit etwa vier Jahren beginnt England ähnlich zu denken und sagt sich: Wir müssen in der Mitte des Landes einen Ballungsraum hinbekommen. Das könnten Birmingham, Manchester, Liverpool, Sheffield, Bradford und Leeds bilden. Und eine „grüne Mitte“ des Landes soll es weiterhin geben. Das sieht planerisch alles sehr schön aus. Nur sind die genannten Städte alle gebeutelte Industriestädte, die aber ein Gegengewicht zu London bieten sollen – und das nicht unbedingt schon können.
Das erinnert mich an hiesige Reden, wie von Wolfgang Clement vor einigen Jahren: Dass das Ruhrgebiet ein Gegengewicht zu Berlin bilden soll.
Von der Konstruktion her ist es hier nicht viel anders gestrickt. Und auch daher bin ich in Bezug auf die Entwicklung des Ruhrgebietes gar nicht so pessimistisch wie viele andere. Es gibt aber Unterschiede. Manchester zum Beispiel hat sich durchaus als Industriestadt verstanden und daraus seinen Stolz als neuer Stadttypus bezogen. Diese Haltung hat es im Ruhrgebiet bisher nicht oder fast nicht gegeben, auch weil sich Industrielle zu wenig für ihre Städte und deren Entwicklung interessierten und ein technisch-industriell interessiertes Bürgertum fehlte. So hat die Industrialisierung im Ruhrgebiet nicht viel an Stadtbildung hervorgebracht.
Dominant an der Ruhr sind, wie im Jahr 1860, immer noch Duisburg, Essen und Dortmund. Und das entspricht einer Theorie, die besagt, dass Stadtbildung und Industrialisierung parallele Prozesse waren, einander aber nicht bedingen. Der Industrielle dieser Region hatte Interesse, dass sein Werk funktioniert. Daher: Zeche, Arbeitersiedlung, 500 Meter Land, Zeche, Arbeitersiedlung. Daraus wurden dann Castrop und Rauxel und Wanne und Eickel, die zusammen gewachsen sind als sie groß genug waren.Bergbau ist eh eine schlechte Leitindustrie für Stadtentwicklung, weil immer den Kohlenschichten auf das flache Land gefolgt wurde. Prägend sind diesbezüglich eher Stahlindustrie und Hafengebiete.
Welche Unterschiede gibt es in Bezug auf die Stadtplanung?
Britische Kollegen reden hinter vorgehaltener Hand manchmal vom „Segen des Bombardements“, weil die Gebäude hier oft erst aus den Siebzigern sind. In England bedeutet Altbaubestand „vor 1890“. In Großbritannien herrschte außerdem zu den Zeiten der Industrialisierung eine Goldgräbermentalität, wegen der Städte ganz einfach verlassen wurden, als sie ihren Dienst getan hatten. Solche Dinge gab und gibt es hier nicht. Und in Großbritannien wiederum gibt es keinen Strukturwandel. Da werden Städte verlassen oder neu gegründet.
Was Regionalplanung betrifft, ist zunächst festzuhalten, dass die De-Industrialisierung einen ähnlichen Weg gegangen ist wie die Industrialisierung: Zunächst England, dann Frankreich und Deutschland, schließlich der Osten Europas. Typisch neoliberal ist es, diese Orte dann ihrem Schicksal zu überlassen. Das ist allein aufgrund der Größe des Ruhrgebiets und der Menge seiner Einwohner nicht möglich. Das macht den einmaligen Charakter dieser Region aus und fördert den Charakter einer Modellregion für die ganze Welt.

Fotos:
Großes Bild (Docklands London): London Pictures
Profilbild: Universität Duisburg-Essen
Mittleres Bild (Duisburg Hafen): Müller-Slany
Logo: EGGG
Großes Bild (Docklands London): London Pictures
Profilbild: Universität Duisburg-Essen
Mittleres Bild (Duisburg Hafen): Müller-Slany
Logo: EGGG
Sa, 21.04.2012
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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.
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