Weltpremiere der Wasserschütter

 

1. Oktober 2010

Es ist soweit. Der Countdown läuft. Noch sieben Stunden zur Premiere. Es gibt nur noch 30 Karten an der Abendkasse, 170 sind vorbestellt, das Wetter ist okay. Die Techniker arbeiten rund um die Häuser, auf den Dächern, im Keller. Bei Rewe ist die Kaffeemaschine immer noch defekt. Habe einen günstigen Parkplatz erwischt. Ich laufe rum und rauche. Die meisten halten mich sicher in Erinnerung als denjenigen, der rumläuft, rumsteht und raucht – unentwegt. Sobald ich einen Raum verlasse, rauche ich. Das ist kompletter Blödsinn, aber ein Reflex, an dem ich arbeiten muss.

Piraten

Hoch oben auf dem Hochhaus flattert die Piratenfahne vor sich hin. Auf den Balkonen stehen Anwohner, die sich nicht bewusst sind, Teil der Inszenierung zu sein. Ihre Haltungen sind perfekt. Das Publikum versammelt sich und die Glocken läuten. Man weiß nie, ob alle Mitwirkenden tatsächlich da sind. Es sind so viele. Es ist, als würde gleich die Kamerafahrt losgehen – nonstop an allen vorher gesetzten Bildern vorbei. Es gibt kein Zurück. Die Anwohneroper kann beginnen. Die Piraten sind bereit.

Spekulanten und Dachsteher

Die Spekulanten erscheinen auf dem Dach, bereit sich des Projektes anzunehmen. Aus dem 3. Stock fliegt Wasser auf den Tenor. Die Ordnungskräfte bilden die Rampe zum Showroom. Auf einer Treppe tanzen zwei Frauen in schwarz. Hinter den Scheiben sieht man Gesichter aus Holz. Das Baustellenfahrzeug steht still wie die Ostsee. Ein Paar scheint den Überblick verloren zu haben. Die „Dachsteher“ begründen einen neuen Kult, das Dachstehen.

Phantom der Operette

Helikopter erscheinen über dem Carrée. Soldaten werfen Scheinwerfer hinab. Feuerwehrleute marschieren ein und werden von der Mafia begleitet. Drei Junganwohner bemächtigen sich des Sandkastens. Ein Privat-Cellist ist eins mit Bach wie ein Fels in der Brandung, auf einem Küchentisch, umrahmt von Gummibäumen und mexikanischen Kakteen. Hunderte von Frauen begießen ihren Balkon. Zwei Furien teilen die Räume, eine Diva vom Roten Meer liegt seit Jahren in einem roten Kleid und träumt von italienischen Opern. Das Operettensyndikat schickt seinen Botschafter ums Carrée, um die Damenwelt zu bezirzen.

Gefährliche Räume

Im zweiten Stock sind die Wohnungen mit grün-giftigem Gas vernebelt. Ein Anwohner, der Kapitän, harrt aus. Seine Fingernägel zerkratzen die Scheiben. Gegenüber brennt ein Hut. Überall Überlebende. In einer Küche kocht was über. Der Trompeter löscht den Flächenbrand mit improvisiertem Tattern. Tief in den Katakomben saugt eine 100-jährige Tänzerin ihren grünen Teppich. Fahrzeuge werden an die Wand geschmettert, Hasen-Hausmeister schlagen mit ihren Besen auf Kakerlaken und fegen das Ungeziefer unter den Teppich. Revolutionäre Seniorinnen führen ihre Habseligkeiten in eine andere Welt. Pittoreske Gestalten hadern mit der Realität. Alles ist alt, nichts ist neu.

Russische Kinderarbeit

In den Gängen zum ewigen Licht stehen russische Jungmänner mit den Instrumenten der Poesie. Eine Nachbarin hat die Liebe zu einer Glasscheibe entdeckt, durch die sie ein Licht erkennt, das näher kommt. Der Operettist lässt nicht von den Furien ab. Das Trio wird verklebt. Draußen schweben Beine und Arme über die Dächer, Gesichter erscheinen als schwache Schwaden in den Spiegelungen der Wohnzimmerfenster. In der Höh heben Träume ab, eine Trompete spricht mit dem Donnergott und die Sonne verspricht, morgen wieder zu scheinen. Alles verbeugt sich. Am Ende gibt es Tango mit Funghi.




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Sa, 02.10.2010 0

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