
Dortmund trägt Trauer: Fahnen vor dem Rathaus auf Halbmast
Der Tod des langjährigen Dortmunder Oberbürgermeisters Günter Samtlebe erinnert an die starke Verbindung zwischen Russland und dem Ruhrgebiet.
Es gibt kundige Menschen, die behaupten, dass die enge Partnerschaft zwischen dem Ruhrgebiet und Russland, die Jahrzehnte und Systeme überdauert hat, einen gehörigen Teil zum Gelingen der deutschen Einheit beigetragen hat, die von den beiden Staatsmännern Michail Gorbatschow und Helmut Kohl vollendet und von Willy Brandt auf den Weg gebracht wurde. Zu diesen Menschen gehörte auch der langjährige Dortmunder Oberbürgermeister Günter Samtlebe, der am 7. Juli – 85-jährig – gestorben ist. Samtlebe hinterlässt ein reiches politisches Erbe, das beizeiten von Lokalhistorikern bewertet werden wird. Ganz sicher aber hat er maßgeblich daran mitgewirkt, dass das Ruhrgebiet eine starke Bande nach Osteuropa, insbesondere nach Russland, unterhält, die oft sträflich unterschätzt wird. Denn gerade im größer gewordenen Europa lohnt sich von hier aus der Blick in den Osten, mit seinen heftigen Umwälzungen und dynamischen Entwicklungen. Der Tod von Günter Samtlebe bietet Gelegenheit, daran zu erinnern, dass die deutsche Ostpolitik auch eine kommunale Basis hatte.
Als die Ostpolitik ins Ruhrgebiet kam

Ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Dortmund: Günter Samtlebe
In einer rückblickenden WDR-Dokumentation beschrieb Samtlebe noch vor wenigen Jahren den Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Gorbatschow im Dortmunder Stahlwerk Hoesch vor 7000 Belegschaftsmitgliedern am 15. Juni 1989 wie folgt: „Die waren glücklich, die Hoesch-Malocher. Diese große Freude spürte man. Es gab keine Vorklatscher oder Fähnchenschwenker, alles kam impulsiv – das ging mir genauso. Ich hab geklatscht, hab mich so gefreut und der Willy neben mir auch. Da hab ich ihm noch gesagt: Willy, jetzt trägt deine Arbeit Früchte.“ So kam die Ostpolitik ins Ruhrgebiet. Gorbatschow begeisterte die Welt damals für Perestroika und Glasnost. Und Dortmund pflegte zu dieser Zeit schon über zwölf Jahre eine Städtepartnerschaft mit Rostow am Don, die einst von dem sowjetischen Botschafter in Bonn eingefädelt wurde. Diese Partnerschaft trug auch diesen Auftritt in einer riesigen Werkshalle: „Egal, wie schwer es uns ergehen wird, werden wir diesen Weg unbeirrt weitergehen“, rief der russische Staatschef den Stahlarbeitern zu, die mit einem Begeisterungschor aus „Gorbi, Gorbi“-Rufen antworteten. Hoesch-Betriebsratschef Werner Nass schlug Gorbatschow gleich für den Friedensnobelpreis vor.
Nobelpreiskomitee folgt Hoesch Betriebsrat

Landmaschinenwerk Rostselmash in Rostow am Don
Elf Tage später schnitten die Außenminister aus Österreich und Ungarn eine symbolische Öffnung in den Eisernen Vorhang bei Sopron. Die Wende nahm ihren Lauf, der ehemalige sowjetische Botschafter, der die Städtepartnerschaft Dortmund-Rostow angestoßen hatte, Valentin Falin, wirkte nun als Deutschlandbeauftragter von Gorbatschow, der das Zustandekommen des Zwei-plus-Vier-Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland erst ermöglichte. Am 3.Oktober 1990 wurde einer Dortmunder Schülergruppe, darunter der Autor, bei ihrem Besuch im Landmaschinenwerk Rostselmash in Rostow am Don spontan und aufs Herzlichste zur Deutschen Einheit gratuliert – und Gorbi bekam tatsächlich den Friedensnobelpreis. Das ist der Hintergrund, auf dem die Städtepartnerschaften im Ruhrgebiet bis heute wirken.