Weg frei für multikulturelles Theater!

Siberia macht junges Theater – mitten im Norden von Rotterdam

Es ist kein Geheimnis, dass die Theaterwelt in Holland noch genau so segregiert ist wie in den Fünfzigern. Das weiße Publikum bezahlt, um Darbietungen weißer Künstler zu sehen, das marokkanische Publikum geht in marokkanische Theater, und die Menschen aus Surinam bleiben bei ihrer Stand-Up Comedy made in Surinam. Allerdings hat in Rotterdam die multikulturelle Theatergruppe Siberia einige Fortschritte erzielt und Publikum, Theaterstile, Konventionen und Ethnizität ihrer Schauspieler ganz gut durchgemischt.

 

Wir unterhalten uns mit dem Schauspieler Erik van Welzen (rechts im Bild), der in der aktuellen Show der Truppe ‚Kamp Noord’ mitspielt.

 

Siberia arbeitet regelmäßig mit Schauspielern aus Südafrika. Wie beeinflusst das die Proben? 

Erik van Welzen: Beim jetzigen Stück haben wir einen männlichen Schauspieler aus Südafrika, Natando. Ich liebe es, mit ihm zu arbeiten. In seiner Rolle spricht er sehr simples Englisch, das spricht das jüngere Publikum an, das bereits die ersten englischen Worte gelernt hat, wenn es unsere Show sieht. Seine Art zu spielen gleicht fast einem Maskenspiel, weit ausholend und übertreibend, aber sehr präzise. Es ist unglaublich, wie ernsthaft und konzentriert er bei den Proben und Aufführungen ist. Für mich war es sehr inspirierend, mit ihm zu arbeiten.

 

‘Kamp Noord’ ist eine komplexe Mischung aus Tanz, Musik, Text, Spiel, Marionettentheater. Wie fühlt sich dieses Disziplinen-Gemenge beim Spielen an?

Bei den Proben war es manchmal etwas schwierig, als Schauspieler seinen Fokus öfter zu ändern. Die Schauspieler brauchten alle etwas Zeit, um sich und ein angemessenes Energielevel zu finden. Letztlich ist es uns aber gelungen und dann konnten wir auch mit den Disziplinen herumspielen, sie ausloten.
 

Gibt es einen Unterschied zwischen multikulturellem und zeitgenössischem Theater? 
Ich denke, Theater von “weißen” Kompanien bietet oft das an, was sie spielen wollen. Unsere Truppe versucht, sich auf das Publikum zu konzentrieren und Wege zu finden, es in

s Theater zu locken. Bei Teenagern stehen Theaterbesuche nicht gerade hoch im Kurs, aber die Vorstellungen von Siberia sind alle gut besucht – und das ist der Verdienst der Kompanie.

Siberia coacht auch ungelernte Schauspieler. Zuerst lässt man sie in Klassenzimmern auftreten, in kleinen Szenen, die sich um heiße Eisen wie Homosexualität oder Ladendiebstahl drehen. Später dann können sie auch bei einer professionellen Produktion mitmachen – das ist eine großartige Lernerfahrung.

 

 

Wie würden Sie das Theaterklima in Rotterdam definieren?

Rotterdam ist eine Stadt, in der die Leute nicht so kulturell interessiert sind wie zum Beispiel in Amsterdam oder Utrecht. Aber wir haben gute Theaterprogramme und einige Spitzenkompanien wie das Ro theater, MAX, OT, und natürlich Siberia. Ich sehe auch viele neue Kulturinitiativen in der Innenstadt, bei denen ich mir vorstellen kann, das sie noch Publikum von außerhalb anziehen werden. 

 

Wird das multikulturelle Theater jemals aus der Nische, in der es sich befindet, herauswachsen?
In meinem Herzen fühle ich, das kulturelle Verschmelzung möglich ist und auch passieren wird, besonders in Rotterdam. In dieser Stadt leben so viele Kulturen so nah beieinander, dass eine kulturübergreifende Inspiration einfach passieren muss. Allerdings befindet sich der Kultursektor nun, nach den drastischen Förderungskürzungen von staatlicher Seite, in einem Stadium der Unsicherheit. Siberia entstand durch die Fusion dreier kleinerer Theatergruppen, und 2013 fusionieren wir mit zwei anderen Rotterdamer Kompanien. Ich weiß nicht, wie sehr der Fokus der dann entstandenen Truppe dann auf multikulturellen Inhalten liegt.

 

Copyright  Fotos: Siberia.

 

Sa, 07.04.2012 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

23.12.2009

Letzte Kommentare des Autors

vor 33 Wochen 1 Tag
vor 52 Wochen 5 Stunden
The New Monumentality
vor 1 Jahr 7 Wochen
vor 1 Jahr 7 Wochen

Stadt

Rotterdam
Kulturhauptstadt 2001 und City Of Architecture 2007. Die niederländische Hafenstadt ist nicht nur einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der Weltwirtschaft, sondern spiegelt symptomatisch die urbanen Herausforderungen unserer Zeit wider.

Aktuelle Tweets

[DEBATE] Warnhinweise: 'Dem #Urheberrecht droht ein Legitimationsverlust' http://t.co/7GFdWTM3 #kulturzeit /RT @annika_klein
[STUDY] Deutsche daddeln krankhaft http://t.co/hGmfDOzS /RT @schwarzesgold
[RANT] Danke! RT @SIMPLIFYmatters: @LABKULTUR interessante Tweets & Anregungen rund um die #Kulturzeit Sendung, top! BG _cR
[JOB] New Job Circus: Impressionen von der KickOff Veranstaltung @CnBConvention http://t.co/hRs6inwh #njc12 /RT @schwarzesgold