Zehra Yilmaz, Leiterin der Begegnungstätte der Merkez-Moschee in Marxloh

Was soll das überhaupt sein, Integration?

Ein Gespräch mit Zehra Yilmaz, Leiterin der Begegnungstätte der DITIB-Moschee in Duisburg-Marxloh

„Das, was wir mit dem Begriff Integration meinen, sollte abgeschafft werden und durch Soziale Arbeit ersetzt werden“, sagt Zehra Yilmaz, 48, Leiterin der Begegnungsstätte der DITIB-Moschee in Duisburg-Marxloh.


Zehra Yilmaz, die mit zwei Jahren nach Deutschland kam, studierte auf Wunsch der Eltern Germanistik und Anglistik und war an ihrer Universität die einzige Frau mit Kopftuch. Die Eltern hofften, die Tochter hätte mit der Beherrschung zweier Fremdsprachen gute Chancen auf einen Job in der Türkei, wohin sie, wie die meisten Türken in Deutschland, zurückkehren wollten.

Doch die Heimkehr ins Mutterland (im Türkischen ist das Heimatland die Mutter) blieb, wie bei den meisten Türken, ein glorifizierter Wunsch. „Einer der wichtigsten Gründe, die das richtige Ankommen in Deutschland verhindert“, kritisiert Yilmaz. „Diese Lebenslüge, dass man zurückkehren wird in die sogenannte Heimat, muss aufhören. Wir müssen endlich anfangen, uns mit um die hiesige Gesellschaft zu kümmern – und nicht ständig unser Hauptinteresse auf die Türkei richten. Dann hört das Fremdheitsgefühl auch auf.“

Hilfe für Menschen, die Hilfe benötigen
Bevor Zehra Yilmaz zur Leiterin und Dialogbeauftragten der Begegnungsstätte der DITIB-Moschee wurde, absolvierte die alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern mit 40 Jahren noch ein zweites Studium: Soziale Arbeit und Evangelische Theologie.

Zehra Yilmaz hat viel Erfahrung mit sozialer Arbeit und tut täglich Dinge, die im Gewand der „Integrationsarbeit“ daher kommen, aber letztendlich einfach Hilfestellungen sind für Menschen, die Hilfe benötigen.

Sie und ihr Team kümmern sich um die Alten, immerhin sind die Hälfte der Moschee-Mitglieder Senioren. Sie organisieren „Kaffeefahrten“ durch ganz Europa, laden Gesundheitsexperten ein, die zum Thema Alter beraten, helfen bei der Bewältigung von Anträgen und Formularen und sind einfach da für die alltäglichen Sorgen betagter Menschen.
Das hätte ich auch gerne für meine Oma! Dummerweise ist sie Christin und muss nicht integriert werden.

„Ich bin eine deutsche Muslima“
Was soll das überhaupt sein, „Integration“? „Sind Sie integriert?“, fragt Zehra Yilmaz mich, und ich frage mich schon seit längerem, ob ich mich zu irgend etwas richtig Deutschem zugehörig fühle und was genau Deutschsein ausmacht – und blicke sie ratsuchend an.

„Deutschsein heißt jedenfalls nicht mehr nur blond und blauäugig. Ich bin eine deutsche Muslima. Bei meinem Ägyptenurlaub gehörte ich zu der deutschen Reisegruppe – und nicht zu den ägyptischen muslimischen Frauen, nur weil auch ich ein Kopftuch trage und zum selben Gott bete.“

 

„Der Wille, dazu zu gehören, ist da“

Zehra Yilmaz wohnt im Duisburger Süden, in einer guten Gegend, weil sie dort aufwuchs und weil sie wollte, dass ihre Töchter gutes Deutsch lernten. Doch fühlt sie sich nachts im vermeintlich gefährlichen Marxloh sicherer als abends in ihrer deutschen, gutbürgerlichen Nachbarschaft.

Sie erzählt von üblen Beschimpfungen eines vorbeifahrenden Radfahrers aus der Nachbarschaft und ihrer Empörung, dass ihre Tochter im Kindergarten automatisch an einem Sprachförderprogramm für ausländische Kinder teilnehmen sollte, obwohl sie besser sprach als viele der deutschen Kinder.

"Der Wille, dazu zu gehören, ist da. Aber wenn ich aufgrund meines Kopftuchs nicht in eine deutsche Nachbarschaft ziehen oder meine Kinder nicht in einen Kindergarten geben kann, in dem vor allem deutsch gesprochen wird, dann kann ich nicht teilhaben an diesem Land."

Nach dieser Aussage überlege ich, ob die Integrationsforderungen nicht eigentlich auf Assimilation zielen. Die „Anderen“ sollen sich irgendwie auflösen.


Von hintenrum durchs Auge
Ich frage sie nach „positivem Rassismus“ und ob es sie nicht stört, ständig als Beispiel für eine Türkin, „die es geschafft hat“, herzuhalten. Doch sie möchte Vorbild sein, Aufklärungsarbeit leisten und ganz praktisch Gelegenheiten schaffen, bei denen sich Muslime und Nicht-Muslime begegnen.


Alle paar Monate initiiert sie ein interkulturelles Frühstück mit deutschen und türkischen Hausfrauen zu einem „Frauenthema“ wie Mode, Kinder, Ehe oder Emanzipation.

Gerade die älteren deutschen Damen erinnern sich nur zu gut an die Zeit in den 1950ern, als ihnen das Tragen von Hosen, das Eröffnen eines Bankkontos oder, bis ans Ende der 1970er, die freie Berufswahl ohne Erlaubnis ihres Mannes untersagt war.

Die Frauen erleben, dass sie Gemeinsames teilen und dadurch verbunden sind – über ihre Kultur oder religiösen Ansichten hinweg. Der simple Trick funktioniert „von hintenrum durchs Auge“, und bei niemandem kommt das Gefühl auf, dass er integriert wird!

Integriertsein lässt sich nicht herstellen oder abfragen. Besonders nicht in Integrationskursen oder anhand von Einbürgerungstests.
Sich verbunden zu fühlen mit Menschen oder einem Ort, dafür bilden positive Erlebnisse die Grundlage. Den viel zitierten Integrationswillen vorausgesetzt. Und der ist laut Zehra Yilmaz definitiv da.


Fotos: Urban Rhizome

Do, 02.02.2012 0

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02.12.2009

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