Bühne der Kulturen, früher Arkadas, in Köln-Ehrenfeld

Was guckst du? - Na, dies und das halt!

Die kulturellen Interessen von Migrantinnen und Migranten sind – ach was – verschieden

Man hätte sich das auch denken können, denn: Warum sollten Menschen mit Wurzeln in den verschiedensten Ecken der Welt, mit und ohne Glauben an diesen oder jenen Gott, Frauen und Männer, Akademikerin oder Analphabet oder umgekehrt, sich verdammt noch mal für die gleichen Sachen interessieren? Es fällt einem nicht ein einziger guter Grund ein. Und alles, was Wissenschaftler dazu ermittelt, Szenekenner beobachtet und Journalisten notiert haben, belegt diese zwar einleuchtende, aber trotzdem ja erst mal theoretische Annahme: Eine "Migrantenkultur" gibt es nicht, noch nicht mal EINE Kultur der Menschen gleicher Herkunft. Eigentlich ist ja auch das nur … logisch.

 

Das 1986 gegründete Arkadaş Theater in Köln war lange Zeit die einzige deutsch-türkische Bühne in Nordrhein-Westfalen, die sogar ein eigenes Haus und Ensemble hatte. Angesichts von etwa 100.000 Kölnerinnen und Kölnern mit türkischen Wurzeln sollten die 127 Plätze des Theaters im migrantisch geprägten Stadtteil Ehrenfeld nicht sooo schwer auszulasten sein … denkt man, aber weit gefehlt: Trotz des ambitionierten Programms strömten weder sie in das ehemalige Kino an der Platenstraße, noch die übrige Dreiviertelmillion Einwohner Nordrhein-Westfalens gleicher Herkunft. Im zwanzigsten Jahr des Bestehens und im zehnten mit der eigenen Spielstätte ging es dann auch trotz öffentlicher Zuschüsse so nicht mehr: Aus dem türkischen Arkadaş wurde 2006 die Bühne der Kulturen (BdK), ein Gastspielhaus für Künstlerinnen und Künstler jeglicher Herkunft; das eigene Ensemble musste aufgelöst werden. Der Vereinsvorstand ist zwar weiterhin überwiegend türkisch besetzt, im Büro wirkt aber ein deutsch-russisches Duo. Und die neue Intendantin Shirin Boljahn trägt einen iranischen Vornamen – allerdings nur, weil der ihren Eltern so gut gefiel; die Rösratherin hat keinen Migrationshintergrund. Bisher sind auf der BdK neben türkischen und russischen auch spanische, italienische, portugiesische oder arabische Inszenierungen und Auftritte zu sehen, etwa ein Drittel davon nicht auf Deutsch. Die studierte Tanz- und Theaterpädagogin Boljahn will das Haus künftig noch stärker öffnen. Das jüngste Highlight auf dem Spielplan der BdK: ein Jiddischer Konzertabend im Rahmen des Iranischen Theaterfestivals im November. "Und der war voll, darunter viele Iraner", sagt Bühnensprecher Thomas Traeder stolz. "Die leben allerdings oft hier und nicht in ihrer Heimat, weil sie liberale Einstellungen vertreten und im Iran deshalb Probleme hatten – und sie sind kulturell sehr interessiert". Wie in so vielem sind die Migranten in Deutschland aber auch darin sehr verschieden.

Sozialstatus und Bildung bedingen Kulturinteressen

Acht verschiedene Milieus hat eine Sinus-Studie von 2009 bei Menschen mit Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen ermittelt, deren Mitglieder sich jeweils in vielem ähnlich sind (allerdings nicht in

der Herkunft). Die reichen, stark vereinfacht ausgedrückt, von religiös-heimatverbunden bis hin zu echten Kosmopoliten (s. Grafik). Letztere stellen gut zehn Prozent aller Migranten, sind überdurchschnittlich gut verdienend wie (aus)gebildet, sprechen ausgezeichnet Deutsch, zudem meist ihre Herkunfts- und viele noch eine weitere Fremdsprache. Ihre kulturellen Interessen (Schauspiel, Musik, Ballett, Oper) unterscheiden sich kaum von einem recht ähnlichen Milieu bei den Einwohnern deutscher Herkunft, aber dafür eklatant von Migranten mit beispielsweise einer starken religiösen Verwurzelung (Anteil an allen Migranten: 7%). Die gehen selten aus und interessieren sich laut Studie dann eigentlich vorwiegend für Konzerte mit der Musik ihrer Heimat.

"Sie halten Theater und Museen mehrheitlich für eine fremde Welt und eher für die 'Hochgestellten' geeignet", resümierte die Kulturabteilung der NRW-Staatskanzlei damals in ihrem Bericht zu

der "Lebenswelten"-Studie. Nicht nur an dieser Untersuchung beteiligte Soziologen erklären, das hänge allerdings kaum bis gar nicht mit der Herkunft, sondern eindeutig mit dem Bildungsstand und der sozialen Situation dieser Menschen zusammen. Unter ihnen gibt es viele Analphabeten, von allen Migrantengruppen haben hier die wenigsten einen Schul- oder Berufsabschluss, sie arbeiten oft als an- oder ungelernte Hilfskräfte und verdienen wenig. Ihr Kulturinteresse ähnelt strukturell übrigens weitgehend einer anderen Gruppe in der Wohnbevölkerung: Schlecht ausgebildeten und sozial schwachen Menschen OHNE Migrationshintergrund.

 

Mehr und das von allem

Diese Menschen trifft man nicht in den großen Kulturtempeln, ganz unabhängig von ihrer Herkunft. Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe: Einerseits ein – bildungsbedingtes – Desinteresse, andererseits die Preise. In der Pilotstudie zu kulturellen Interessen und Gewohnheiten von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Dortmund wurde von über 60% der Befragten die "Senkung der Eintrittspreise" als wichtigste Bedingung für einen häufigeren Besuch von Kulturveranstaltungen angegeben. Bei den Migranten lag der Wert noch mal zehn Prozentpunkte höher, und fast 40 Prozent äußerten darüber hinaus den Wunsch, mehr Angebote in der Heimatsprache zu haben.

Diesen Wunsch erfüllt die Kölner Bühne der Kulturen in diesem Monat mit der Sitcom "Bahtsiz Bedevi" über einen türkischen Mann, der sein Leben lang Probleme mit Frauen hat. Insgesamt sind – jenseits der (Weltmusik-)Konzertbranche – solche Angebote aber äußerst rar, erst recht an den öffentlich finanzierten oder zumindest geförderten Häusern. Auch im NRW-Landesverband der Amateurtheater ist kein fremdsprachiges Ensemble Mitglied. Migranten gebe es in vielen, allerdings nicht entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil, erklärt der Vorsitzende Franz-Josef Witting: "Einen polnischen oder russischen Akzent hören Sie oft in den Inszenierungen, Leute mit türkischen oder arabischen Wurzeln kommen dagegen selten bis nie zu uns." Er selbst hat nur ein Mal mit einem türkischen Jugendlichen gearbeitet, bei Ionescos "Der König stirbt" am Paderborner Theater der Jugend. Dessen Schwester habe noch in der Premierenpause sehr erbost nachgefragt, warum sich ihr Bruder auf der Bühne eigentlich ständig von irgendwelchen Frauen anfassen lassen müsse … Später erzählt Witting dann von einem deutsch-polnisch-tschechischen Theaterprojekt, bei dem er als 66-Jähriger noch einmal unglaublich viel gelernt habe: über die eigenen Wahrnehmungen und die anderer, über Klischees und wie man selbst bei bester Absicht auf sie reinfallen kann. Viel besser lässt sich der Nutzen interkultureller Arbeit kaum beschreiben – auch und gerade für Menschen ohne Migrationshintergrund.

 

Epilog: Es gäbe noch so viel zu sagen. Zum Beispiel darüber, was Migranten im vielleicht wichtigsten Kulturvermittler interessiert, dem Fernsehen (Privatsender!). Oder dass es herausragende Theaterprojekte und auch -Ensembles mit Migrationshintergrund gibt: Vorneweg Roberto Ciullis Theater an der Ruhr in Mülheim, oder Die Fremden, das Migranten-Ensemble der Freien Bühne Fletch Bizzel in Dortmund. Oder das Wupper Theater, vor 20 Jahren in Wuppertal gegründet von Lilay Huser und Vedat Erincin, die man zuletzt im preisgekrönten Kinofilm "Almanya – Willkommen in Deutschland" sehen konnte. Oder, oder, oder … aber dann wäre das hier eine Auf-, keine Erzählung.

 

Fotos/Grafiken: Bühne der Kulturen Köln (1), Landesregierung NRW (3), interkultur.pro (1)

So, 18.12.2011 1

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Kommentare

Infografiken

Interessante Grafiken, nur die Bilder sind etwas klein. Ich würde mich in das Milieu Multikultiperformer einordnen. Egal für welche Analysen (wissenschaftliche?) diese Untersuchungen geführt werden. Letzlich ist alle Kunst (Musik, Film, Theater, bildende, Literatur...) ein Hilfsmittel für den Menschen um auf einer anderen Ebene durchs Leben zu gehen. Was das nun mit der Herkunft zu tun hat, ist mir schleierhaft. Was hat Kunst damit zu tun ob man Migrant ist? Egal auf welcher Seite man auf der Bühne steht. Entscheidend ist immer ein vielfältiges Angebot. Wenn im Ruhrgebiet viele russischstämmige Leben, und der Bedarf/Nachfrage da ist, ist es doch wunderbar wenn die Aufführungen in russisch geführt werden. Warum sollte Kunst zwangsläufig in deutsch sein? Ich bin Migrant, halte mich für gebildet und bin Kunstinteressiert. Wenn mich eine Kunstform berührt, beschäftige ich mich damit. Das kann dann mal Jahre dauern, bis ich z.B. wieder ins Theater gehe. Das hat mit Zeit, Ort, Herkunft, Geld nichts zu tun. Ich vermute eher mit dem passenden Inhalten.

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19.10.2011

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