Was bleibt von der "Stadt ohne Geld"? - Kerlin, Voges und Naujokat im Interview (Teil 2)

Wer die inhaltlichen und räumlichen Grenzen des Theaters sprengt, erschließt sich ein neues Publikum. Dem Schauspiel Dortmund ist dies mit der Reihe „Stadt ohne Geld“ gelungen.

Im zweiten Teil des Interviews (zurück zu Teil 1) mit den am Projekt beteiligten Dramaturgen Alexander Kerlin und Nils Voges sowie Produktionsleiterin Kristin Naujokat wird jedoch deutlich, dass die Kraft des Theaters und der Aufgabenbereich von Kunst Grenzen haben.

Beim „Economy Death Match“ habt ihr in einem Film-Trailer die katastrophale Dortmunder Haushaltslage dokumentiert. War das der Ausgangspunkt der gesamten „Stadt ohne Geld“-Reihe?

Kerlin: Das war die Initialzündung. Es war im September 2009, als nach der Kommunalwahl das Haushaltsloch bekannt geworden ist und Kämmerer und Kulturdezernent Jörg Stüdemann bei einer berühmt gewordenen Pressekonferenz die so genannte „Tränenliste“ veröffentlicht hat.

Mit Einrichtungen, die nun geschlossen werden müssten und Dingen, auf die von nun an verzichtet werden müsse: Theater weg, Superweihnachtsbaum weg und so weiter. Stüdemann hat die Drastik der Situation damals geschickt veranschaulicht. Erst hieß es: Das steht alles schon kurz vor der Schließung. Später wurde hinzugefügt: „...wenn nicht dies und das passiert.“

Ich habe damals Fabian Lettow und Mirjam Schmuck die Tränenliste vorgelesen. Fabian meinte: „Das ist ein interessanter Text, den möchte ich gerne einmal auf der Bühne hören. Das klingt wie Dadaismus.“ Die Idee war geboren: Stadt ohne Geld.

Ihr wolltet nicht warten, bis das Fallbeil runtergeht, sondern der Krise eine eigene Reaktion entgegensetzen?

Kerlin: Das Abwenden der Krise ist Aufgabe der Politik. Wir machen Kunst.

Voges: Die katastrophale Situation in den Kommunen geht alle an. Wir wollten das von verschiedenen Seiten aus beleuchten, aber nicht so sehr um Antworten zu geben. Die Medien lieferten dazu nur einen Scheuklappenblick.

Kerlin: Was ist die Aufgabe von Kunst? Es gibt diese schöne Aussage: Das Bekannte ist nicht erkannt. Gerade das, was um am vertrautesten und gegebensten erscheint, ist am schwierigsten zu sehen und infrage zu stellen. Schlingensief hat einmal gesagt, wenn er einen Fehler in der Gesellschaft bemerkt, muss er ihn so groß machen, dass man nicht mehr an ihm vorbeikommt. Das finde ich eine schöne Definition. Unsere Erfindung von Hendrik Feldkamp ist sicherlich ein solcher Versuch, einem bestimmten Denken buchstäblich ein Gesicht zu geben – das wir aber kontrollieren können.

Die Kunst macht Dinge sichtbar: Eine Sache, die jetzt hier im „Institut“ sichtbar ist, ist der ehemals weiße Stern, der bei der Eröffnung von „zwielichten Gestalten“ rot angesprüht worden ist sich später zur Eröffnung des Dortmunder U in der „Bohéme Precaire“-Ausstellung wiederfand. Ist dieser Werdegang eine symbolische Absolution für Vandalismus als Freiheit der Kunst?

Kerlin: „TRIBUTE (Red Star)“ war der Versuch, einen Zusammenhang erlebbar zu machen. Gerade mit linkspolitischer Symbolik aus dem 20. Jahrhundert lassen sich heute hervorragend Vermarktungsoffensiven für Kunst lancieren. Da hat sich irgendwas im kollektiven Unterbewussten abgesenkt – und nun kommt z.B. der fünfzackige Stern positiv konnotiert als Marke oder Logo wieder nach oben gespült.

Voges: Der „Täter“ aus dem Umfeld von UZDO hat sich in unsere Aktionen nicht eingemeinden lassen und den Stern rot angemalt. Unsere zugegebenermaßen zynische Antwort darauf war dann: Verkaufen wir doch diesen Stern und machen daraus wieder Kunst, die gleichzeitig für das Schauspiel wirbt. Was wir kreiert haben ist also ein kreativwirtschaftlicher Durchlauferhitzer in Miniatur. Sein Treibstoff: die Symbolik der toten Ideologien. Aus einer Straftat macht man Kunst, und aus Kunst Geld.

Auf der Pressekonferenz von UZDO, während des kurzen Aufenthalts im ehemaligen Museum am Ostwall hat Alex angeprangert, dass es Dortmund an Orten der Gemeinschaft und der Gegenwart fehle. Wo könnten diese Orte in Zukunft und entstehen und wie sollten sie aussehen?

Kerlin: Das bezog sich erst mal auf die Situation der UZDOler. Die wollen „etwas losmachen“ und müssten im Sinne einer Gentrifizierungspolitik sogar von der Stadt darin unterstützt werden. Das passiert bisher zu sporadisch.

Es müssen fluktuierende Orte entstehen. Das Theater ist ein Ort, an dem zumindest theoretisch die Möglichkeit besteht, dass das passiert. Es ist teilweise gestern bei der „Kapitulation“ oder bei der Diskussion zur „Sozialen Stadt“ entstanden, wo die Gegenwart plötzlich etwas wert ist.

Ist es denn zu einem echten Dialog zwischen unterschiedlichen Gruppen und Individuen gekommnen?

Naujokat: Ja, zum Beispiel bei unserer Diskussion zur „Sozialen Stadt“. Da waren vielleicht so 40 Leute da. Wir hatten vier Gäste und das Publikum hat sich die ganze Zeit eingemischt. Am Ende gab es Applaus – von allen, für alle. Noch ein Beispiel: Gestern bei der „Kapitulation“ waren auch zwei BODO-Verkäufer hier, Gerd und Günther. Von sich aus. Die hatten einfach Spaß, waren mit vielen verschiedenen Leuten im Gespräch und haben am Ende mit uns die Stadtkarte bereichert.

Was muss sich in der Stadt im Sinne von Kunst & Kultur verändern?

Kerlin: Erstmal müssen innerhalb des Rings alle Autos weg und alle Straßen gepflastert werden. Dann muss unbedingt das Beschriftungs-, Bekleb-, Bühnen- und Kunstverbot, das überall herrscht, aufgehoben werden. Und das Verbot, sich öffentlich spontan zu versammeln, um zu reden, gemeinsam zu essen, zu spielen, zu rauchen oder Kunst zu machen. Es ist total absurd, dass Grafitti- und Street-Art-Künstler unsere Städte nicht gestalten dürfen und dass nicht viel mehr Theater und Musik in den Winkeln, Höfen, Zwischenräumen und Straßen existiert.

Man darf heute die Flächen nur in dem Moment beschreiben, wo es zu Marketingzwecken dient. Deswegen ist alles so hässlich und überall diese Lichtverschmutzung. Also, meine Idee ist einfach: Es gibt keinen Ort, an dem nicht Kunst gemacht werden darf. Kunst ist überall!

Voges: Lasst die Leute machen, gebt ihnen Orte und ein bisschen finanzielle Mittel für Produktionsmittel. Das Problem bei einer Gruppe wie UZDO ist aber, und darüber wissen die selbst sehr gut Bescheid: Sobald du ihnen eine großzügige Subvention gibst, zerstörst du, was sie eigentlich sind. Die Gefahr von Konkurrenzkämpfen und Hierarchiebildung (das nennt man gemeinhin „Professionalisierung“) liegt auf der Hand. Die UZDOler sind deshalb so gut, weil man sie nie richtig greifen kann. Wer ist das eigentlich? Was planen sie als nächstes? Wo tauchen sie als nächstes auf?


Kerlin: Meine Vorstellung setzt neben Humor und besserem Wetter natürlich voraus, dass man einige Grundannahmen, wie die Welt so funktionieren sollte, auf den Kopf stellt: Akzeptanz von Segregationsprozessen im Gegensatz zu Anstrengungen von Integration, Vertrauen auf  künstlerische Querköpfe mit krimineller Energie eher als auf institutionalisierte Stadtplanung (die total versagt hat), Innenräume als Außenräume denken und umgekehrt, Abenteuer über Sicherheitsdenken und Paragraphen stellen. Darüber hinaus die ständige Konfrontation mit dem Fremden zulassen. Mehr und freier verteilte Subventionen, vielleicht als bedingungsloses Grundeinkommen.

Realität und Illusion nicht mehr als Gegensätze verstehen. Und vor allem den Innenstadtraum wieder als öffentlichen Raum zu verstehen, mit dem Theater als einem Knotenpunkt, genau wie die Museen und Konzerträume. Weg also vom Primat des Umsatzes und der Standortfaktoren, der die Städte zu Orten gemacht hat, in denen kein Mensch von Verstand und Gefühl mehr leben kann. Die Innenstadt gehört dann nicht mehr Saturn, sondern der Kunst.

(Fortsetzung folgt) - (Zurück zu Teil 1)

Fotos: Jennifer Bunzeck (Text 1, Text 3, Text 4 (aus "Economy Death Match")), Michael Blatt (Teaser, Text 2 (Stern))
Video: Stadt ohne Geld/Theater Dortmund

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Do, 17.02.2011 2

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Kommentare

Ach ja...

Abgesehen vom "Theater als Knotenpunkt" komme ich da schon mit. Oder? Ich habs: Die Theater sollten ihre gesellschaftpolitische Verantwortung mal beim Wort nehmen. Das Theater in die Stadt bringen- das heißt doch: den öffentlichen Raum ästhetisieren. Wann gehts los? Oder vertue ich mich und das Theater schließt sich in sich selbst und selbst und in sich ein und der Selbstwiderspruch ist so beschämend, dass ich bei Theater eigentlich stets gegen die Wand springe. Wie wär`s mit statt: "Stadt ohne Geld" mit "Theater ohne Ensemble". Wie wärs mit "Wir machen Kunst, statt Politik" mit "Wir verdienen hier Geld und Wirklichkeit findet woanders statt". Wie wärs mit; "Solange ich mich im städtischen Theater bewege, habe ich das, wogegen ich vermeintlich ankämpfe, längst durch meine Anwesenheit ad absurdum geführt." So sehr ich diese Worte liebe, so sehr treibt mich die fröhliche Konsequenzfreiheit in den Wahnsinn. Alllerdings- wer weiß....

Also dann Herr Kerlin

Ich würde sagen: hervorragendes politisches Programm, welches sie da formulieren, auf zur Parteigründung. Ich bin, unter Vorbehalt, dabei.

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05.01.2010

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