
Was bleibt von der "Stadt ohne Geld"? - Kerlin, Voges, Naujokat im Interview (Teil 3)
- Serie: Kunst
Die „Stadt ohne Geld“ ist am Ende. Und das Theater? Zum Abschluss des Interviews erörtern die beiden an der SoG-Reihe des Schauspiel Dortmund beteiligten Dramaturgen Alexander Kerlin und Nils Voges zusammen mit Produktionsleiterin Kristin Naujokat die Frage: „Wofür überhaupt noch Theater?“ und geben ganz am Ende einen Einblick in die kommenden Projekte ihrer jeweiligen Künstlerkollektive.
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Ein Satz, der im Kontext von „Stadt ohne Geld“ häufig auftauchte, war die Aufforderung „Wer Theater will, muss sagen wofür“. Welche Antwort habt ihr auf das „wofür“?
Kerlin: Das war natürlich ironisch gemeint. Der Satz parodiert den Legitimationsdruck, mit dem ein Künstler andauernd beschäftigt ist. „Kunst, ok, wenn es dir Spaß macht, aber wo ist der Nutzen?“ Dieser Druck hat in den deutschen Theatern einen regelrechten Diskurs der Rechtfertigung erzeugt. Man spricht von „einem anderen Mehrwert“, von „kultureller Bildung“, von „sozialem Potential“. Diese Rede dient in erster Linie der Aktualisierung der eigenen Existenzberechtigung.
Wenn man genau hinsieht, argumentiert sie aber – wie jede Tagespolitik oder Unternehmung – mit Zweckmäßigkeit. Die mag sich zwar anders artikulieren als rein ökonomisch, bleibt jedoch auf einen zukünftigen Nutzen konzentriert. Nun müsste man aber Kunst darüber definieren, dass sie im Zweifelsfall völlig nutzlos sein darf.
Kunst hat a priori keinen Nutzen, sonst wäre sie keine Kunst. Sie darf, aber sie muss nicht. Und genau deswegen ist der Raum der Kunst für eine Gesellschaft so wichtig, die nach etwas anderem als der Zweckmäßigkeit zu fragen verlernt hat.
Voges: Man kann aber trotzdem auch eine positive Definition finden. Es geht in der Kunst darum, Themen zu behandeln, die in dieser Form in der Öffentlichkeit nicht vorkommen, oder Themen aus einem schrägen Winkel zu beleuchten. Eine Anregung zum Nachdenken zu geben, Ideen vorzustellen. Weniger, um Antworten zu geben, sondern um Streiflichter zu setzen.
Kerlin: Okay, dann versuche ich die Zweckfrage nochmal an das Theater zu richten. Die langweiligste Antwort ist für mich, dass das Theater zeigen soll, was ist an diesen oder jenem Stück heute noch aktuell ist. An „Die Perser“ von Aischylos zum Beispiel ist nichts aktuell. Trotzdem ist es toll, sich das im Theater anzusehen. Warum? Weil man fragen kann: Wie hat uns Aischylos oder wahlweise Shakespeare oder Lessing zu dem gemacht, was wir heute sind? Das ist spannend!
Die sogenannte Aufklärung und die Nationaldichter sind wie die Psychoanalyse fest in den westlichen Konzepten von Ich und Welt integriert – dafür muss man nichts von Lessing oder Freud gelesen haben. Aber die Kunst kann sich damit auseinandersetzen und im geglückten Fall etwas scheinbar Selbstverständliches als Konstruktion darstellen.
Gerade deshalb ist es aber wichtig, eine breitere Klientel ins Theater zu bekommen, weil der Diskurs ansonsten auf das „Bildungsbürgertum“ beschränkt bleibt.
Kerlin: Das Interessante ist, dass das Theater in seiner Entstehung eine bürgerliche Einrichtung gewesen – und gewissermaßen geblieben ist. Es hat sich von Anfang an als Schauplatz der bürgerlichen Emanzipation dargestellt. Hier wurden bestimmte Werte nicht nur vermittelt, sondern ausgefochten. Nun brauchen wir heute keine bürgerliche Emanzipation mehr und erst recht nicht die Verteidigung der bürgerlichen Werte.
Es stellen sich komplett andere Fragen, z. B. wie man in einer Gesellschaft überlebt, die sehr hybrid geworden ist. Das Theater hat uns aber vieles vererbt, die ganzen Stücke, die Architektur und vor allem eine Vorstellung darüber, was Theater ist. Und das macht es strukturell schwer, das „breitere Klientel“ hierher zu bekommen und sie mit unserem Diskurs zu konfrontieren. Aber es gelingt ja dann doch immer wieder.
Naujokat: Ein Theater muss Fragen nicht nur stellen, sondern sie auch so verhandeln, wie es in anderen Bereichen nicht möglich ist. Das Theater ist nicht mehr dafür da, Antworten zu finden, sondern einen Raum zur Verhandlung anzubieten. Es gibt ja auch nicht auf jede Frage eine Antwort, sonst wäre das alles nicht so kompliziert.
Voges: Das Besondere am Theater ist und bleibt letztendlich seine Gegenwärtigkeit, die als Zeitform per definitionem nicht um Antworten bemüht sein kann. Antworten zu geben ist wie gesagt Aufgabe der Tagespolitik. Die hängt in einer Zeitstruktur fest, die immer auf die Zukunft ausgerichtet ist.
Kerlin: Selbstredend fällt ein großer Teil der Arbeit am Theater auch in den Bereich der Politik. Wir waren bei Stadt ohne Geld ständig damit beschäftigt, innerhalb der Institution und nach Außen hin Politik zu machen. Und auch dieses Interview ist Politik. Aber wenn dann das Theater wirklich losgeht, wird die Frage nach dem Zweck als Bewertungsmaßstab ungültig. Denn sie ist es, die die Gegenwärtigkeit selbst durchstreicht.
Bleibt noch der Ausblick auf eure kommenden Projekte.
Kerlin: Mirjam Schmuck und Fabian Lettow von kainkollektiv entwickeln gerade die Uraufführung Skinology – 58 Indizien über den Körper am Ringlokschuppen Mülheim, FFT Düsseldorf und Pumpenhaus Münster.
Naujokat: Als Studentin habe ich viel Zeit in „Stadt ohne Geld“ investiert. Jetzt muss ich mich mal wieder mehr dem Studium widmen. Mit meiner Gruppe Anna Kpok gibt es Überlegungen, sich mit dem Stück In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit für Festivals zu bewerben.
Voges: Mit sputnic widmen wir uns erstmal wieder dem Kerngeschäft. Wir kommen ja eher aus der Richtung Design und Film. Gleichzeitig sind wir Dozenten an zwei Hochschulen, so dass es vermutlich 2011 kein neues Großprojekt mehr geben wird.
Kerlin: Kainkollektiv wird in der nächsten Spielzeit wieder am Schauspiel Dortmund vertreten sein, und auch die sputnics werden hier und da sicher wieder mitmischen. Ich persönlich bin als Dramaturg bereits mit der Planung der nächsten Spielzeit beschäftigt und kann nur sagen: Es wird spannend! Mit vielen aufregenden Sachen. Es wird viel passieren an diesem Haus.
Fotos: Michael Blatt
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