Was bleibt von der "Stadt ohne Geld"? - Alexander Kerlin und Nils Voges im Interview (Teil 1)

Sichtlich erschöpft, aber ebenso stolz sitzen die beiden Dramaturgen Alexander Kerlin (kainkollektiv) und Nils Voges (sputnic) nach einem langen letzten Abend der „(Re-)Kapitulation“ am nächsten Morgen im Schauspiel-„Institut“ des Theater Dortmund.

Gemeinsam mit 2010LAB blicken Kerlin und Voges im Interview, zu dem sich im weiteren Verlauf noch Produktionsleiterin Kristin Naujokat (Anna Kpok) gesellen wird, auf ihre Genre-sprengende Inszenierungsreihe „Stadt ohne Geld“ zurück, die für viel Furore auf und abseits der Bühne gesorgt hatte und landesweite Beachtung fand.

Nach vier Monaten ist das Projekt „Stadt ohne Geld“ mit der Veranstaltung „Kapitulation“ zu Ende gegangen. Im Programmplan habt ihr diesen Ausgang schon vorab angekündigt. War das Zwangspessimismus?

Voges: Vom ersten Pressetermin an war die Fragestellung, wer oder was kapituliert denn am Schluss eigentlich. Das wussten wir nicht. Deshalb auch kein Pessimismus.

Kerlin: Mit einer Kapitulation geht etwas zu Ende und beginnt etwas Neues. Was das Neue ist, lässt man offen. Sonst wäre es nicht neu.

Bei der Kapitulation haben wir die Figur Hendrik Feldkamp (Foto) vom Institut für urbane Krisenintervention (IfuK) über das Verhältnis von Illusion und Realität philosophieren lassen – denn schließlich hat sie im Laufe der Reihe mehrfach erlebt, dass ihr die eigene Existenz abgesprochen wurde, z.B. in der Presse oder auch direkt im Foyer.
Aber das Prinzip des neoliberalen Fortschritts- und Effizienzdenken, dessen Diskurse dieser Charakter bis ins Absurde reproduzierte, ist nicht an irgendeine Person gebunden. Also, Feldkamp kapituliert, er kann nicht mehr. Aber der Kapitalismus geht natürlich weiter, und Herr Gorny wird sein ecce im U eröffnen.

Wird denn das Ifuk nun mit dem Ende der Reihe ebenfalls geschlossen?

Voges: Ob das Institut neue Projekte initiieren wird, werden wir sehen. Es gibt bislang keine Pläne, soweit ich informiert bin.

Die Figur „Hendrik Feldkamp“, die von Schauspieler Philipp Sebastian dargestellt wurde, hatte sich auch in Internetforen zu Wort gemeldet.

Voges (Foto): Muss denn Theater zwingend in einem Haus stattfinden? Oder kann es das nicht auch auf der Weltbühne? Das ist doch alles eine noch viel größere Inszenierung da draußen. Wir haben die Bühne verlassen und sind in der Presse und im Netz auf mehr Fiktionen gestoßen als wir hier im Theater haben. Da hat sich Hendrik natürlich mit Interesse eingemischt. Und unsere Partner vom Unabhängigen Zentrum Dortmund (UZDO) haben unser kleines Verwirrspiel mit einer gehörigen Portion Humor mitgespielt, z.B. als sie als Demonstranten gegen das IfuK bei der Eröffnungsveranstaltung auftauchten.

Ihr habt im Rahmen des Stadt ohne Geld-Workshops „Kunst des Handelns“ ein edles Dinner auf dem Nordmarkt eingenommen. Dann gab’s aber auch Diskussionsrunden, Vorträge und Konzerte. Was waren für euch die Höhepunkte?

Kerlin: So jemanden wie den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl hier zu haben, war schon toll.

Im Rückblick war das „Economy Death Match“ wirklich bemerkenswert. Was an einem Abend so alles geschehen kann: die Demos, die WDR-Liveschaltung, der Stern auf dem Dach, der rot angesprüht wurde. Aber auch die „Kapitulation“, bei der wir einen ausführlichen filmischen Rückblick gezeigt haben, u.a. auf die ganzen Inszenierungen, das war toll.

Voges: Der Wahnsinn auf jeden Fall, der in diesem „Economy Death Match“ gesteckt hat, auf wie vielen Ebenen das auch schon im Vorfeld gespielt hatte. Da ist die ganze Institutsgeschichte mit rein geflossen, die dann einen Tag vorher aufgeflogen ist. Das war am Anfang eine ganz intensive Zeit. Dann kam noch der WDR, der nicht so richtig wusste, ist das jetzt richtig oder falsch. Dazu die Prügeleien. Die Stürmung der Bühne mitten im Vortrag.

Gab es Veranstaltungen, von denen ihr euch im Vorfeld mehr versprochen habt?


Kerlin: Sicherlich. Es gehört dazu, dass es Höhepunkte gibt und Sachen, aus denen man dann eher lernt. Aber mit einer guten Vorbereitung, etwas Glück und den super Zuschauern wird es plötzlich so etwas Tolles wie gestern die „Kapitulation“. Manchmal funktioniert die Kommunikation besser, mal schlechter. Aber das ist normal, das ist Theater.

Welche Reaktion hat es während der Reihe von Seiten der Zuschauer gegeben?

Kerlin (Foto): Bei der Kapitulation wurde mir gesagt: „Dieses Publikum ist von „Stadt ohne Geld“ ins Theater geholt worden. Das war vorher nicht da.“ Darauf bin ich stolz, dass kainkollektiv und sputnic mit dieser Reihe viele neue Leute erreicht haben.
Mein heimliches Vorbild für’s Institut war der Prater der Volksbühne Berlin. Das ist natürlich ein wahnwitziger Vergleich, bei all dem was die dort geleistet haben in den letzten Jahren. Die haben da auch ganz andere Möglichkeiten.

Unerschlossenes Publikumspotential


Aber ich bin davon überzeugt, dass ein entsprechendes Publikum für solch ein Theater auch in Dortmund existiert. Das will Experimentelleres sehen, Abgefahrenes, Politisches, auch gerne etwas, das sich nicht sofort vollständig erschließt. Der Zuspruch, den wir z.B. auch für Martin Laberenz’ Inszenierung von „Visitor Q“ im Studio erhalten, ist für mich ein Anzeichen.
Nils hat das Finale von bei „Abriss, Ruin, Erlösung“ mit einem Frauen-Kirchenchor inszeniert, der total hinreißend war. Die Frauen, teilweise weit in den 70ern, waren hier, haben gesungen und sind dann auch zur „Kapitulation“ gekommen. Sie sagten: „Das ist so toll, was ihr hier macht. Es ist für Alt und Jung. Diese ganzen Themen gehen uns auch etwas an.“ Da war ich schon baff.

Voges: Die Leute geben sich eben nicht damit zufrieden zu sagen: Es gibt also die liberale Marktwirtschaft, die Globalisierung, den Kapitalismus und das war es dann. Es bleiben immer Restfragen, egal bei wem. Nach Gemeinschaft, nach Gegenwart, nach etwas anderem als Konkurrenz, nach einem anderen System.

Kerlin: Letztendlich bleibt das Theater in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext natürlich machtlos. Aber was man der Schnelligkeit des Marktes und dem Entzug von Gegenwart in allen Lebensbereichen entgegensetzen kann, sind Theaterabende, im Jetzt. Wir haben bei „Stadt ohne Geld“ immer versucht, nicht repräsentativ zu inszenieren, sondern im Hier und Jetzt mit den Zuschauern Fragen zu verhandeln.

(Weiter zu Teil 2)

Fotos: Michael Blatt

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05.01.2010

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