
Was bleibt von der Kulturhauptstadt übrig? - Interview mit Guy Dermosessian, Teil II
Durch die Funkloch-Partyreihe, auf der Unterhaltung und Anspruch zusammentreffen, hat der Wahlbochumer Guy Dermosessian dem Bochumer Nachtleben eine neue Facette hinzugefügt. Zuletzt sorgte er mit dem 'Rundlauf' für frischen Wind in der hiesigen Kulturlandschaft. Ich sprach mit ihm über seine Projekte und die Kulturhauptstadt.
Was bedeutet die Kulturhauptstadt für Dich und Deine Arbeit? Hast Du eine Meinung dazu?
Guy: Eine Meinung nicht direkt, weil ich ehrlich gesagt von der Kulturhauptstadt bisher nicht viel mitgekriegt habe. Ich habe mich nicht davon angesprochen gefühlt und ich weiss auch nicht, wo die Kulturhauptstadt gerade stattfindet. Für mich hat sich nichts an der Stadt geändert und wenn, dann wurde das nicht für mich als Bürger geändert. Ich glaube, die Leute, die sich dafür interessieren, sind nicht die Leute, die jeden Tag durch die Straßen laufen. Und da eröffnet sich die Frage, ob man die Kulturhauptstadt als politisches Statement benutzt oder wirklich als kulturelle Bereicherung. Mir kommt die Kulturhauptstadt eher vor wie ein politisches Ereignis, als der Versuch, etwas neues zu schaffen für die Menschen im Ruhrgebiet. Meine größte Kritik ist, von dem was ich bisher mitgekriegt habe, dass die Nachhaltigkeit gar nicht gegeben ist.
Ich habe momentan den Eindruck, dass seit Anfang dieses Jahres unheimlich viel passiert. Es werden viele Projekte der unabhängigen Szene vorangebracht, man vernetzt sich, entwickelt Perspektiven. Teilst Du diesen Eindruck?
Guy: Ja, aber ich glaube nicht, dass das nur mit der Kulturhauptstadt zu tun hat. Ich glaube das Potential war immer da. Das kriegt man auch mit, das war auch die Motivation für alle Veranstaltungen die wir bis jetzt auf die Beine gestellt haben. Also man merkt, dass da Potential ist; man merkt, dass da Motivation ist und man merkt, dass auch eigene Initiative überall in Bochum steckt. Für viele Leute war das vielleicht ein Tritt in den Arsch, um jetzt was hinzukriegen. Allerdings wurden sie auch nicht gefördert, deshalb stelle ich die Kulturhauptstadt in Frage: Weil sie sich mit Eigeninitiativen schmückt, die sie von Anfang an abgelehnt hat. Für mich ist es sehr fragwürdig, wenn Leute was machen, dann dahin zu kommen und zu sagen „Ja, ist ja klar, wir sind ja Kulturhauptstadt“, aber es ist gar nicht klar, denn wäre es letztes Jahr passiert, dann wäre es allen am Arsch vorbeigegangen.
Ich glaube, dass die Kulturhauptstadt auch ein Motor ist, weil gerade in der Abgrenzung dazu, oder in so einer Frustration, aus Trotz viel passiert. Viele Leute sind enttäuscht, weil sie nicht wahrgenommen oder gefördert, sondern oft gebremst werden, und machen jetzt quasi trotz Kulturhauptstadt etwas.
Guy: Definitiv. Allerdings glaube ich, dass da viele Leute mitziehen, deren Arbeiten vielleicht noch nicht reif sind, wo es dann nur noch darum geht, aus der Reihe zu tanzen, oft ohne Konsistenz. Wie gesagt, meine Hauptkritik betrifft die Nachhaltigkeit, daran mangelt es völlig. Wenn ich für einen Tag die A40 sperre, ist das Morgen wieder vergessen, nächstes Jahr spätestens. Was bleibt von der Kulturhauptstadt übrig? Ich fürchte, nicht viel. Das ist auch das, was ich oft an Stadtfestivals kritisiere: Dass für einen gewissen Zeitraum irgendwas über die Stadt gestülpt wird, was sie kurzzeitig anders aussehen lässt – zwei Tage später ist alles wieder vergessen. Die Grundidee des Rundlaufs war, die Bochumer Infrastruktur in den Vordergrund zu stellen und mit dem vorhandenen Potential zu füllen. Denn wir haben etwas zu zeigen, das Potential ist da. Das ist meine Kritik: dass man das gar nicht wahrgenommen hat und einfach im Rahmen der Kulturhauptstadt etwas drübergesetzt hat, um zu zeigen, dass man soundso viele Luftballons über Essen schweben lassen kann. Und wenn man durch Essen läuft, dann guckt man automatisch hoch – und kriegt von Essen gar nichts mit.
Das ist ein Kritikpunkt, den viele äußern. Aber Du machst Dir um 2011 trotzdem keine Sorgen, oder?
Guy: Nö, gar nicht. Denn dadurch, dass das alles eigene Initiativen sind von Leuten, die wissen, was sie machen, und dadurch, dass ihnen keine Plattform geschaffen wurde seitens der Städte oder der organisatorischen Kulturhauptstadt, brauchen sie auch keine Hilfe. Das wird immer so sein, dass die Leute, die hier was auf die Beine stellen das weiterhin so machen, weil sie es alle aus eigener Motivation und eigenen Mitteln machen. Keiner hat die dahin gebracht, sie haben sich selber dahin gebracht. Und da finde ich es auch wichtig, diesen Leuten mal 'Danke' zu sagen für das, was jetzt passiert.
Vielen Dank.
Zum ersten Teil des Interviews geht's hier.
Fotos: Sven Neidig
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