Leitmotiv des Kongresses © Jens Kobler / Deutsche Welle

Was bitte ist eine „nachhaltige Welt“? - Das Global Media Forum der Deutschen Welle (2)

Zum Kongress „Culture – Education – Media. Shaping a sustainable world“

„That very educated people may misuse their power can not mean that we give up the education of the poor.“ - Dr. Guido Westerwelle, Bonn, 26.06.2012

 

Europa als Vorbild für kulturelle Vielfalt – Indonesien aber auch

 

Als wüsste er schon, was Guido Westerwelle in seiner keynote sagen würde, betont Jusuf Habibie im ersten Plenum des zweiten Kongresstages die spezifische kulturelle Prägung Indonesiens: Mehr als einhundert verschiedene Kulturen formten das Land seit Jahrhunderten, es ist eine auf Traditionen basierende kulturelle Vielfalt, die Indonesiens Gesellschaft prägt. Für die U.S.A. diagnostiziert der ehemalige Präsident hingegen eine vor allem vom Staat (und der Wirtschaft) geprägte cultural diversity, die nicht unbedingt künstlich, aber doch relativ technokratisch permanent reproduziert wird. Und das über die Grenzen des Staates hinaus, so könnte man fast hinzufügen - und sogar daran denken, dass man ja gerade bei der Deutsche Welle zu Gast ist. Entsprechend kommt die große Rede des zweiten Tages vom Bundesminister des Auswärtigen, Dr. Guido Westerwelle.

„Shaping Globalization – Expanding Partnerships – Sharing Responsibility“ heißt das aktuelle Strategiepapier der Bundesregierung, dem der Außenminister für den Titel seines Vortrages ein „Working together to...“ vorangestellt hat. Als Land ohne klassische Ressourcen müsse sich Deutschland im Wettbewerb der Ideen, und somit auch im Bildungssektor verstärkt engagieren. Freie Medien wiederum seien „Voraussetzung für die Willensbildung und damit die Zivilgesellschaft“ und vermittelten Werte – und gar nicht einmal eine „Kultur“, wie auch Jusuf Habibie vorher sagte. Westerwelle nennt als Beispiele für solche Werte „Freiheit“ und „Demokratie“, betont aber auch die Notwendigkeit „nicht nur guter Regierungskontakte, sondern eines Austausches zwischen Gesellschaften“. Das darf wohl durchaus im Sinne von social networking via Internet verstanden werden.

Speziell die wechselhafte Geschichte der Beziehung Frankreich-Deutschland mit ihrem derzeit hervorragenden Verhältnis sei geradezu exemplarisch für ein Europa der „Kooperation statt Konfrontation“, was ein Modell sei wie man auch mit allen Schwellenländern zusammen arbeiten wolle, ob bei der Frage nach Sitzen im Weltsicherheitsrat, beim Shangri-La Dialog, etc. Fast meint man hier das Prinzip des Interkulturellen herauszuhören, wie es u.a. Claus Leggewie handlungsorientiert versteht (s. Artikel hier), also eine Annäherung durch permanentes Begegnen und Aushandeln auf unterschiedlichsten gesellschaftlichen Ebenen. Dass es jedenfalls nicht nur um „Handelsorientiertheit“ geht, sondern ebenso um Bildung, Menschenrechte, Erziehung, DAS steht schon in dem Strategiepapier, aber nicht zwingend die Gewichtung. Ein Blick u.a. auf die Unterstützung deutscher NGOs wie Goethe-Institut, Böll-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung mag da weiterhelfen. Wissensexport hat aber ja grundsätzlich viele Gesichter.

 

Nicht zu vergessen: Die UNESCO (und andere)

 

Deutschland kann sich mittlerweile vor Weltkulturerben kaum mehr retten, ist aber halt im Rahmen der UNESCO auch schwer engagiert. Welche Bedeutung dies haben kann, zeigte ein weiterer Workshop unter Leitung von Christine Merkel, bei dem entrepreneurs aus Tunesien und Ägypten von ihrer Arbeit berichteten. Gerade weil es in diesen Ländern eben noch keine gelungene „Revolution“ gegeben hat, müssen dort nun kulturelle Institutionen als zivilgesellschaftliche und nicht vom Staat benutzte installiert und gesichert werden, so Chokri Latif. Und Hatem Hassan Salama sekundiert: „If the government doesn't guarantee freedom of expression and cultural diversity, the creative people have to establish a cultural policy themselves.“

Manchmal müssten private Schulen tun, was staatliche nicht leisten. Und es gebe in Ägypten eine Art Solidaritätsfond, so dass nicht bezuschusste Projekte zumindest ein wenig von andernorts bewilligten Geldern mit-profitieren. (Erzählen Sie das einmal der sogenannten freien Kulturszene an der Ruhr!) Öffentlicher Raum wiederum muss gewonnen werden, um kulturelle Vielfalt durch das Einbringen verschiedenster kreativer Kräfte zu verfestigen und nicht nur von einem „Oben“ innerhalb wie außerhalb des Landes fremd-determiniert zu werden. Helfen hierbei müssen eigenständige zivilgesellschaftliche Medien, auch um bildungsferne Menschen zu erreichen, so Christine Merkel.

 

Und an diesem Punkt erhebt zum zweiten Mal in einem Workshop eine Frau aus dem Irak die Stimme. Sie arbeitet dort für das einzige zivile Radio, findet aber offensichtlich weder von Seiten einer institutionalisierten Weltgemeinschaft, noch direkt von ihren kulturell engagierten Kollegen in benachbarten Ländern Unterstützung. Sie sagt, sie äußere sich in Bonn, weil sie dort zumindest gehört wird und frei reden kann – auch wenn sich wohl wieder nichts an ihrer solitären Situation ändern wird. Na, und da fällt es dann doch extrem auf, trotz Soli-Fond, deutschem Bildungsexport und amerikanischen Egozentriker-Massenmedien: Diese irgendwie soften, fast post-materialistischen „Revolutionen“ bringen gerade im Kulturbereich ziemlich viele „best practices“ hervor, an klassischen Dingen wie Eigentumsverhältnissen, mangelnder Toleranz und fehlender Grenzen und Kulturen übergreifender Solidarität ändert sich aber (bislang) zu wenig. Vielleicht braucht es doch etwas mehr Indonesien und weniger … NATO?

Mi, 27.06.2012 0

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