Das Leitmotiv der Konferenz © Jens Kobler

Was bitte ist eine „nachhaltige Welt“? - Das Global Media Forum der Deutschen Welle (1)

Titel des Kongresses: „Culture – Education – Media. Shaping a sustainable world“

Quote vs. Qualität, kulturelle Vielfalt vs. Globalisierung, Zivilgesellschaft vs. Monokultur... Bei der dreitägigen Konferenz in Bonn ließ sich mit dem Einlassen auf die Probleme anderer Kulturkreise vieles über den eigenen erfahren. Aber Mercedes Bunz und Guido Westerwelle waren auch da.

 

Können globale Medien kulturell vielfältige Zivilgesellschaften mit ökologischem Bewusstsein schaffen?

Bereits in den Eröffnungsreden tun sich verschiedene Sprachregelungen auf: Da gibt es den Gegensatz von der „developed world“ (hier und vor allem weiter westlich) und der „developing world“ (Schwellenländer, Armutsregionen, noch nicht mit allen westlichen Wassern gewaschene Gegenden). Folgt man diesem Bild arbeitshypothetisch, tut sich bei einigen Rednern bald die Globalisierung (via Handel und andere Kooperationen/Interventionen) als höchst effektives Vertriebsmodell von Bildung/Erziehung, Demokratie, Zivilgesellschaft und Menschenrechten auf. Das passt dann gut zu von manchen so gern verbreiteten Bildern wie der sogenannten „Facebook Revolution“ und dem „Arabischen Frühling“. Diesen Bildern wird erst später im Laufe der Tagung energisch widersprochen werden.

Neben dieser Terminologie gibt es eine ähnlich operierende Sprachregelung, die den Fokus mehr auf die sprichwörtliche „Nachhaltigkeit“ richtet. Es lassen sich also grob drei Strömungen ausmachen: Die „Humanitären“, die mit Erziehung, Bildung und Medien demokratisieren wollen. Die „Ökonomen“, die u.a. daran verdienen wollen. Und die „Ökologen“, die den „nicht ganz so entwickelten Teil der Welt“ so mitgestalten wollen, dass er nicht völlig dem Primat der Wirtschaft unterworfen wird. Alle drei Strömungen benutzen dabei dieselben Termini, diagnostizieren einen digital divide und „Bildungsnotstand“ und sind natürlich für den weltweiten Aufbau von Zivilgesellschaften inklusive kultureller Vielfalt. Wobei die Art der Vielfalt z.B. wieder völlig unterschiedlich gesehen wird (s.a. Artikel hier).

 

Ministerialdirektor Volker Rieke nennt als Ziel für die Entwicklung der angesprochenen Länder „sozialen und kulturellen Wohlstand mit einer ökologischen Komponente“, und das passt durchaus zum sich recht grün gebenden weltpolitischen Kurs der derzeitigen Zweidrittelmehrheit im deutschen Bundestag. Es ist Prof. Franz Josef Radermacher überlassen darauf hinzuweisen, dass sich aber UN und WTO nun einmal selten einig sind, was zum Beispiel die Eindämmung von Kinderarbeit betrifft – wodurch sich weltweit auf Formulierungen wie obige geeinigt werden kann, in der Praxis aber keine bindenden Regelungen gelten. Ist es nicht auch slavish work, wenn Achtjährige als prosumer gehalten werden?

Aufschluss über solche Fragen versprach ein Workshop unter dem Titel „An Algorithmic View of the World: How Google and others Shape Awareness and Education“. Leider ging es darin aber vor allem um Buchpräsentationen von Falk Lüke und Dr. Mercedes Bunz. Vielleicht sozusagen aus diplomatischen Gründen. „Das Netz tendiert zum Monopol“, weiß Lüke zwar, sagt aber nicht, dass das Internet an sich schon ein ganz klar in einer bestimmten historisch-kulturellen Situation entstandenes Phänomen ist, das kulturell anders geartete – und ihm externe – Formen von Kommunikation verdrängt, auch durch Prägung. Hierzu führte Mikhail Shvydkoy im ersten Plenumsgespräch in guter russischer Tradition aus: „Free floating information does harm to sophistication“, während Lynne Weil wie stellvertretend für weite Teile von media U.S.A. offen zugibt: „We want our audience to come back for more“ und sogar „You can feel the quality of a transmission“. Irgendwie erinnert das gerade in einem Plenarsaal in der ehemaligen Bundeshauptstadt an ganz finstere Zeiten und hinterlässt einen üblen Beigeschmack in all der demonstrierten und diplomatischen deutsch-amerikanischen Freundschaft. (Auch der Hinweis, ihre bildenden Sendungen seien nutrition, fehlt von Seiten Lynne Weils nicht.)

 

Wie finden eigentlich der Islam, Asien und Afrika die medialen Erziehungsversuche des Westens?

Aber Bonn kann auch anders inspirieren: Wie Mercedes Bunz gut diagnostiziert, sind Algorithmen eine „Kulturtechnik“, die eine spezifische Art des Wissens von der Welt verwaltet. Leider lobt sie etwa eine Stunde später dann Twitter als eine Menschen-zentrierte Alternative zu Suchmaschinen. Dass „Datenfitness“ nicht „intellektuelle Selbstständigkeit“ bedeutet, dass ein Export dieser Kulturtechnik immer auch das Schaffen neuer (Generationen von) Programmierer(n), Prosumer(n) etc. bedeutet, fällt in diesem Workshop mit rein deutscher Beteiligung etwas auffällig unter den Tisch. Umso wichtiger, den Vertretern von anderen Kontinenten gut zuzuhören. Travor Ncube stellt heraus, dass mehr „Vielfalt“ für viele bedeutet, auf verschiedene Weise im Rahmen der selben Grundstruktur zu manipulieren. Und dass man genau so wie man nicht nicht kommunizieren kann, auch nicht nicht manipulieren kann. Im Grunde könnte man ihn knackig so zusammen fassen: Dürfen wir uns bitte auch selbst verarschen?

 

In einem Workshop des ersten Kongresstages betont Dr. Sarhan Dhouib, dass die Menschenrechte auf einem universalistischen Prinzip unter Berücksichtigung von Unterschieden beruhen – und nicht zum Beispiel auf einer Überbetonung von Individualität. Man muss also nicht bei asiatischer Philosophie nachschlagen, um einen Ego-Zentrismus westlicher Kultur(techniken) zu diagnostizieren, bei dem individuelle Rechte oft über soziale Rechte gestellt werden. (Auch hier wieder: Nein, man will aber auch kein „Aufgehen in der Masse“!) Dass der Islam wie Christentum, Judentum, Buddhismus etc. ganz klare Schnittmengen mit der Demokratie-Idee wie der der Menschenrechte hat, stellt Dhouib ebenso heraus. Er unterstreicht aber auch – und hier geht es tatsächlich von der Interkultur fast in Richtung Kreativwirtschaft: „Art is needed to bring up mutual respect for different views and ways of living“.

 

Und so betont das gesamte Plenum die Wichtigkeit der Aktion vor Ort in Ländern wie Tunesien und Ägypten. Amal Ramsis sieht in einer Anzeige im Programmheft der Tagung selbst von Seiten der IGFM ein fatales Bild widergespiegelt, wie man es eigentlich nur von Marketingstrategen der Internet-Lobby kennt: Ein Repräsentant undemokratischer Strukturen hat Angst vor technischen Errungenschaften des Westens, aber nicht vor der Kreativität und Vielfalt im eigenen Land (s. Foto). Sie selbst steht nach wie vor vor dem Problem, wo sie ihre emanzipatorisch agitierenden Filme vor Ort überhaupt zeigen kann, während die westliche Industrie sich selbst für eine gewonnene Revolution feiert – in diesem Fall vertreten durch eine „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“. Dr. Ala Al-Hamarneh diagnostiziert passend: „Everybody is using a term like human rights – but with very different meanings.“ Und das kann natürlich auch mit Begriffen wie „Demokratie“, „Freiheit“, "Bildung" und „Nachhaltigkeit“ passieren. It's the singer, not the song. (Teil 2 folgt hier.)

Sa, 14.07.2012 0

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04.12.2009

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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