
Emscherkunst.2010 - Warten auf die Insel
Die Emscher-Insel kenne ich inzwischen wie meine Westentasche. Bei Regen, Schnee und Sonnenschein habe ich diesen Streifen Land zwischen Castrop-Rauxel und Oberhausen in den letzten Monaten immer wieder durchfahren und durchwandert, denn meine Aufgabe war es, für EMSCHERKUNST.2010 über die Zwischenräume zwischen den einzelnen Ausstellungsräumen zu schreiben. Die Insel erstreckt sich in Ost-Westrichtung über 35 km, und so hat ein Radfahrer auf dieser Strecke denn auch mehr mit Zwischen-, denn mit Ausstellungsräumen zu tun. Mit diesen Zwischenräumen beschäftigt, habe ich die Kunstwerke eigentlich auch erst jetzt, zur Eröffnung der EMSCHERKUNST kennengelernt.
Gewiss, strenggenommen ist die Emscher-Insel gar keine Insel. Auch ihre 6000 Bewohner fühlen sich nicht als Insulaner. Aber zwischen dem Wasserkreuz in Castrop-Rauxel-Henrichenburg und Oberhausen verlaufen Rhein-Herne-Kanal und Emscher parallel und schließen einen Streifen Land ein, der manchmal nur 30 Meter breit ist, manchmal mehr als 3 km. Die Emscherzone ist die zentrale Achse des industriellen Ruhrgebiets. Als der Bergbau an der Ruhr längst schon an sein Ende gekommen war, machte die Montanindustrie an einem anderen Fluss das Ruhrgebiet zu dem, als was wir es heute kennen. Die Emscher wurde begradigt und zum offenen Abwasserkanal ausgebaut. An ihren Ufern ließen Industrie und Bergbau keinen Stein auf dem anderen, die Städte wandten dem stinkenden Gewässer ihre Rücken zu.
Mit dem Emscher-Umbau kommen seit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park Visionen von einem Neuen Emschertal ins Spiel, einem Landschaftspark im Herzen des Reviers. Roland Günter veröffentlichte 2008 ein Buch mit dem Titel Der Traum von der Insel im Ruhrgebiet, in dem er in fiktiven Gesprächen diese "konkrete Utopie" entwickelt. Er schreibt: "Die Emscher-Insel muss als Insel wahrnehmbar werden. Die Insel ist das Herzstück des neuen Emschertals. Sie zur Insel zu erklären, ist eine positive Provokation. Zu erkennen ist sie in ihren Widersprüchlichkeiten, in ihren Unterschieden: Vielfalt und Leere, Enge und Weite, Ordnung und Wildheit, Offenheit und Funktionalität."
Viele der Beiträge zur Emscherkunst sind nachhaltig
An dieser Insel-Utopie zu arbeiten, das ist natürlich eine Aufgabe für Künstler. Ich habe die Insel als einen unglaublich spannenden und kontrastreichen Raum wahrgenommen. In scharfen Schnitten folgen aufeinander wilde Brachflächen, Kleingärten, Yachthäfen, Schrottplätze, Bergarbeitersiedlungen, Kläranlagen, Autobahnbrücken. Was mich jetzt an den einzelnen Beiträgen zur von Florian Matzner kuratierten EMSCHERKUNST frappierte, war die Intensität der Auseinandersetzung mit dieser Landschaft. Sie ist eine so starke Herausforderung, daß ein Künstler hier nicht einfach ein Artefakt aus seiner Produktion abladen kann, wie es so oft auf Biennalen und schlecht durchdachten Aktionen mit Kunst im öffentlichen Raum passiert. Ganz anders auf der Emscher-Insel! Exemplarisch dafür steht die Arbeit der niederländischen Gruppe Observatorium, die an der Schwarzbachmündung in Essen-Karnap eine minimalistisch-elegante Brückenarchitektur realisiert hat, in der man auch übernachten kann: "Warten auf den Fluss" ist der Titel der Arbeit – Warten auf die Emscher, die in diesem Bereich ein neues Bett bekommen wird. Auf der anderen Kanalseite in Altenessen hat Ayşe Erkmen mit einem berückend simplen Eingriff einen ehemaligen Kohlebunker zum Kunstwerk gemacht. Sie hat das Geländer auf dem Dach vergoldet. Der Kohlebunker wird jetzt vielleicht doch nicht abgerissen. Überhaupt sind viele der Beiträge zur EMSCHERKUNST nachhaltig und werden der Region erhalten bleiben.
Abgerissen wird auch der Faulturm der stillgelegten Kläranlage Herne nicht, auf dessen Außenhülle Silke Wagner ein Moasik zum Thema Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet anbringen hat lassen. Jochen Stemplewski, der Vorstandsvorsitzende der Emschergenossenschaft, wies darauf hin, daß ein Abriß des Turms mindestens ebenso teuer gekommen wäre, wie das aufwendige, aus 5 Millionen Steinchen bestehende Kunstwerk.
Die Besucher strömten in entlegene Ecken der Emscherinsel
Ein Stück weit schien die "konkrete Utopie" am Eröffungstag bereits verwirklicht. Die Besucher strömten in entlegene Ecken der Insel, waren verblüfft vom Emscher Community Garden von Marjetica Potrč und Ooze Architects, die symbolisch, aber auch praktisch funktionierend eine Wasserreinigungslinie gebaut haben – von der Emscher zum Kanal, von den Toiletten bis zu einer Trinkwasser-Entnahmestelle. Oder von Mark Dion, der in Herne einen alten Gastank in ein Clubhaus für Ornithologen umgebaut hat. Angeregt wurde er dazu vom Vereinsheim des Angelsportvereins Herne, der in einem barackenartigen Gebäude eine improvisierte Kneipe unterhält.
Der sich in Herne-Holsterhausen durch ehemalige Zechenhäfen etwas weitende Rhein-Herne-Kanal wird volkstümlich schon lange Herner Meer genannt – eine Bezeichnung, die jetzt von der EMSCHERKUNST aufgegriffen wurde. Wenn das nicht die Formulierung einer Utopie ist! Noch sind nicht alle Kunstwerke fertig, etwa die spektakuläre Brücke von Tobias Rehberger am Schloß Oberhausen. Aber weder der Emscher-Umbau, noch die Arbeit an der Wahrnehmung der Insel sind mit Aktionismus und Events zu schaffen – sondern nur mit Beharrlichkeit und langem Atem.
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