
Warhols Friedrich und die jüdischen Mädchen: Neue Umverteilungen in Berlin
Wer eröffnet und wer schließt – Aktuelles zur Hauptstadtentwicklung
Die Michael Fuchs Galerie, die Camera Work Contemporary Gallery und diverse Gastronomien öffneten just die Pforten in der Auguststraße. Derweil verabschieden sich nebenan alternative Kulturinstitutionen wie der Schokoladen. Und auch im Wedding und in Pankow darf von Gentrifizierung gesprochen werden – aber anders. Ein aktueller, natürlich verkürzender Überblick.
Thema Mitte

Das „wesentlich bessere Angebot“ gab den Ausschlag zur Vergabe der neuen Nutzung, alternative Konzepte verschwinden hingegen zusehends aus dem Inneren der Hauptstadt. So wird sich am 22. Februar der Schokoladen wohl endgültig verabschieden, und damit heißt es mehr denn je: Alternatives? Go East! Aber wer nicht gerade Kontakte zur Volksbühne oder dem Kaffee Burger hat, wird mit einem nicht an Schick und Glitter orientierten Programm auch in Mitte-Ost kaum mehr einen guten Platz finden – oder muss im Bassy auf „Prä-69“ machen (dass das überhaupt erlaubt ist!) oder auf Ami-Folklore im White Trash. Von Berlin wird nie wieder eine Russendisko ausgehen! Bestimmt sehr beruhigend für viele im Westen.
Zum Beispiel Wedding und Pankow

Stattdessen kurz noch ein Blick in den Wedding: Hier gibt es 48-Seiten starke türkisch-sprachige Hochglanzmagazine, manches fast schon arg vorsichtig selbst Gemachtes von Kulturinitiativen, aber vor allem Phänomene wie „ecke müllerstraße“: Ein wie für den Glaubwürdigkeits-Appeal einer Obdachlosenzeitung designtes Gentrifizierungsblatt, gefördert von der Senatsabteilung „Stadtentwicklung“, dem Bezirksamt Mitte und sogar dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Einkaufsmöglichkeiten, Galeriebesuch und Fortbildung werden hübsch gepriesen, aber es gibt auch Image-News wie „Bezirksamt Mitte scheitert mit dem Versuch, in der Wilhelmstraße die Umwandlung von Wohnungen in Ferienwohnungen zu verhindern“. Und: „Leerstand zwischennutzen! – Die Initiative a-dding bringt künstlerische Verkaufsaktionen in die Nebenstraßen“. Guter Wedding, schlechter Wedding? Na klar will niemand den Kunst- und Kulturkollegen verbieten, sich an solchen Aktionen zu beteiligen. Aber dass all das letztlich auf Wertsteigerung und Verdrängung hinausläuft, sollte ebenso klar sein. Mitmachen und Hochdienen will (früh) in der Peripherie gelernt sein, dann klappt’s vielleicht irgendwann auch in Mitte, wenn dasselbe Spielchen von vorne losgeht. Vielleicht halt.
Thema Ruhr
Bevor sich nun alle Stadtverwaltungen an der Ruhr ein Beispiel an Berlin nehmen, wie man Gelder für Kulturzentren am bequemsten eben nicht kürzt, sondern sofort weglässt. Bevor nun in Bottrop-Ebel ein Blatt namens „ecke Prosperstraße“ auftaucht. Bevor das Kunstmuseum Bochum als letzte Hoffnung vor der Schließung noch schnell einen Spitzweg und der HMKV sicherheitshalber mal Brian Enos Krawatten aufhängt. Bevor die Freiraum-Initiative beginnt, Gaukler-Zeichen an verdächtige Bars zu malen, die irgendwie einen Deal mit der Stadt zu haben scheinen, weil sie viel zu teuer aussehen für ihren Standort. Und bevor dieser Artikel hier wieder zu lang wird: Berlin hat Probleme. Manche kompensieren das mit alten preußischen Gemälden und manche mit Großmannssucht im kleinsten Keller. (Gibt’s ja auch an der Ruhr in anders.) Muss man sich echt kein Beispiel dran nehmen. Auch nicht im Negativen. Vielleicht sollte man einfach ein paar Leute da raus holen, zum Beispiel Brüssel weiter stärken und die Peripherien erst recht. Und folgendes Tabu muss wirklich einmal weg: Berlin darf tatsächlich aufgegeben werden! Und wird natürlich 2020 endlich mit Brandenburg wiedervereinigt. Hamburg und Bremen, bitte vormachen!
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