Einladungsmotiv der Galerie © Galerie Michael Fuchs / Jens Kobler

Warhols Friedrich und die jüdischen Mädchen: Neue Umverteilungen in Berlin

Wer eröffnet und wer schließt – Aktuelles zur Hauptstadtentwicklung

Die Michael Fuchs Galerie, die Camera Work Contemporary Gallery und diverse Gastronomien öffneten just die Pforten in der Auguststraße. Derweil verabschieden sich nebenan alternative Kulturinstitutionen wie der Schokoladen. Und auch im Wedding und in Pankow darf von Gentrifizierung gesprochen werden – aber anders. Ein aktueller, natürlich verkürzender Überblick.

 

Thema Mitte

Michael Fuchs und die Architekten Grüntuch/Ernst machten das Rennen, die Initiative c/o Berlin guckte in die Röhre: Am 9. Februar wurde die ehemalige Jüdische Mädchenschule ihrer neuen Bestimmung zugeführt, und das mit koscherem Finger Food, einem echten Spitzweg und zwei Varianten von Andy Warhols Friedrich dem Großen als vier von einigen Stars zur Vernissage. „Hang On“ heißt die Ausstellung der Galerie Michael Fuchs und zeigt neben den genannten 18 weitere Künstler, teils erfrischend in Zusammenhänge gesetzt, manchmal etwas arg kapriziös wirkend. Zudem gibt es Blicke auf nobelste Innenarchitektur von Adelshäusern in der ersten Etage, bestimmt ab sofort schwer gefragte Plätze in Pauly Bar und Saal und bald auch einen „Kosher Classroom“ im Erdgeschoss. Glänzendes Mitte.

Das „wesentlich bessere Angebot“ gab den Ausschlag zur Vergabe der neuen Nutzung, alternative Konzepte verschwinden hingegen zusehends aus dem Inneren der Hauptstadt. So wird sich am 22. Februar der Schokoladen wohl endgültig verabschieden, und damit heißt es mehr denn je: Alternatives? Go East! Aber wer nicht gerade Kontakte zur Volksbühne oder dem Kaffee Burger hat, wird mit einem nicht an Schick und Glitter orientierten Programm auch in Mitte-Ost kaum mehr einen guten Platz finden – oder muss im Bassy auf „Prä-69“ machen (dass das überhaupt erlaubt ist!) oder auf Ami-Folklore im White Trash. Von Berlin wird nie wieder eine Russendisko ausgehen! Bestimmt sehr beruhigend für viele im Westen.

 

Zum Beispiel Wedding und Pankow

Knappe Kassen und „Aufwertungen“ sind aber bei Weitem kein Privileg des Zentrums. So wurden in Pankow von heute auf morgen dem Theater unterm Dach alle Zuwendungen entzogen. Haushaltsstop – da braucht dann nicht mehr diskutiert werden, sondern die Apokalypse kommt schön auf einen Schlag. Shock and Awe. Dagegen engagiert sich in Pankow die Initiative „Gegen den Kulturabbau Pankow“. Auch zu nennen ist in diesem Zusammenhang das „Aktionsbündnis Berliner Künstler“. Es ist mehr als merkwürdig, wie unabhängige Kulturschaffende wie Vieh von hier nach da getrieben werden, immer wieder neue schnell instrumentalisiert, ausgesaugt und bei Nichtgefallen eben fallen gelassen werden. (Aber dazu mehr im Artikel zur „radius of art“-Konferenz der Böll-Stiftung.)

Stattdessen kurz noch ein Blick in den Wedding: Hier gibt es 48-Seiten starke türkisch-sprachige Hochglanzmagazine, manches fast schon arg vorsichtig selbst Gemachtes von Kulturinitiativen, aber vor allem Phänomene wie „ecke müllerstraße“: Ein wie für den Glaubwürdigkeits-Appeal einer Obdachlosenzeitung designtes Gentrifizierungsblatt, gefördert von der Senatsabteilung „Stadtentwicklung“, dem Bezirksamt Mitte und sogar dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Einkaufsmöglichkeiten, Galeriebesuch und Fortbildung werden hübsch gepriesen, aber es gibt auch Image-News wie „Bezirksamt Mitte scheitert mit dem Versuch, in der Wilhelmstraße die Umwandlung von Wohnungen in Ferienwohnungen zu verhindern“. Und: „Leerstand zwischennutzen! – Die Initiative a-dding bringt künstlerische Verkaufsaktionen in die Nebenstraßen“. Guter Wedding, schlechter Wedding? Na klar will niemand den Kunst- und Kulturkollegen verbieten, sich an solchen Aktionen zu beteiligen. Aber dass all das letztlich auf Wertsteigerung und Verdrängung hinausläuft, sollte ebenso klar sein. Mitmachen und Hochdienen will (früh) in der Peripherie gelernt sein, dann klappt’s vielleicht irgendwann auch in Mitte, wenn dasselbe Spielchen von vorne losgeht. Vielleicht halt.

 

Thema Ruhr

Bevor sich nun alle Stadtverwaltungen an der Ruhr ein Beispiel an Berlin nehmen, wie man Gelder für Kulturzentren am bequemsten eben nicht kürzt, sondern sofort weglässt. Bevor nun in Bottrop-Ebel ein Blatt namens „ecke Prosperstraße“ auftaucht. Bevor das Kunstmuseum Bochum als letzte Hoffnung vor der Schließung noch schnell einen Spitzweg und der HMKV sicherheitshalber mal Brian Enos Krawatten aufhängt. Bevor die Freiraum-Initiative beginnt, Gaukler-Zeichen an verdächtige Bars zu malen, die irgendwie einen Deal mit der Stadt zu haben scheinen, weil sie viel zu teuer aussehen für ihren Standort. Und bevor dieser Artikel hier wieder zu lang wird: Berlin hat Probleme. Manche kompensieren das mit alten preußischen Gemälden und manche mit Großmannssucht im kleinsten Keller. (Gibt’s ja auch an der Ruhr in anders.) Muss man sich echt kein Beispiel dran nehmen. Auch nicht im Negativen. Vielleicht sollte man einfach ein paar Leute da raus holen, zum Beispiel Brüssel weiter stärken und die Peripherien erst recht. Und folgendes Tabu muss wirklich einmal weg: Berlin darf tatsächlich aufgegeben werden! Und wird natürlich 2020 endlich mit Brandenburg wiedervereinigt. Hamburg und Bremen, bitte vormachen!

Fr, 17.02.2012 1

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Kommentare

Neues (17.2. abends) zum Schokoladen

It ain't over until it's over: Presseerklärung des Schokoladens: Etappensieg für Schokoladen ! Der Räumungstermin des Schokoladens ist ausgesetzt, um Raum zu schaffen nach 2 Jahren endlich ernsthaft wieder in Verhandlungen zu treten. Der Schokoladen, die Edith Maryon Stiftung, die Eigentümergesellschaft und der Bezirk Mitte, der Senat und der Liegenschaftsfonds sitzen nun wieder am Verhandlungstisch, um ein konkretes Kompensationsgeschäft auszuarbeiten. Wir sehen das als ein deutliches Zeichen dafür, dass eine juristisch und politisch verfahrene Situation nur durch breiten öffentlichen Druck wieder in Bewegung zu bringen ist. Es reicht uns nicht, als Offkultur-Oase Hoffnung auf Überleben zu haben und wir wollen auch keine Insel inmitten einer durchgentrifizierten Stadt sein, sondern fordern ein grundsätzliches Umdenken der stadtpolitischen Zielsetzung. Gegen steigende Mieten, gegen Verdrängung, gegen Clubsterben, gegen kommerzielle Verwertung – für ein Recht auf Stadt für alle ! Sprecherin des Schokoladen e. V., Anja Gerlich: „An dieser Stelle danken wir all unseren UnterstützerInnen für ihr Hilfe und Solidarität !“ Schokoladen e.V. - Hier mehr samt Befindlichkeits-erhellender Kommentarspalte: http://www.tagesspiegel.de/berlin/raeumung-abgesagt-der-schokoladen-ist-gerettet/6223008.html

Über den Autor

04.12.2009

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