Kultur in Leipzig

Vorurteile und Ausländer gucken im Osten

Ein Bericht aus Leipzig, u.a. vom „festival euro-scene“

Im Osten scheint die Sonne, während im Ruhrgebiet alles vernebelt. Während hier die Nachwehen der Kulturhauptstadt noch immer nicht bewältigt sind, geht in Leipzig alles seinen kulturellen Gang. Das euro-scene Festival ging am Sonntag zum 21. Mal zu Ende und wieder staunten die Zuschauer in ausverkauften Veranstaltungen über Europas Theater außerhalb der eigenen Sphäre. Und immer noch denkt mancher Westler, er sei eigentlich im Ausland und Leipziger Lerchen seien eine sächsische Vogelart. 

Ausländer auf den Bühnen, Sachsen im Publikum

Das Festival zeigt einmal jährlich Tanz- und Theaterstücke aus dem europäischen Ausland, vor allen Dingen aus dem osteuropäischen und alles in den Originalsprachen. Das Leipziger Publikum besteht zu einem großen Teil aus jungen Leuten und sie goutieren das, sind tatsächlich interessiert, wie in Makedonien, Lettland oder Kroatien Theater gespielt oder Tanz getanzt wird. So sah man am Wochenende zum Beispiel ein Stück aus Makedonien, das Naroden teatar (Nationaltheater) Vojdan Černodrinski aus Prilep. Gesprochen wurde Mazedonisch, Albanisch, Türkisch und Griechisch. Gut – es gab eine Übertitelung in der Peterskirche. Man sieht Pathos, hört Musik und staunt über Vorgänge, von denen man hierzulande nichts sieht oder hört. „Nix capito“, sagte der Deutsche gern, wenn ihm was Ausländisches zu Ohren kam.  Die Leipziger applaudieren und bleiben sogar zum Publikumsgespräch.

Anderes Straßenbild

In der City von Leipzig, wo es von Touri-Gruppen nur so wimmelt und man viel über Künstler, die dort wohnten oder essen gingen, Orgel spielten oder demonstrierten, erfährt, wenn man hie und da einfach ein wenig lauscht, was die studentischen Führer zu sagen haben, da sieht man hin und wieder einen fremdländisch dreinschauenden Musikus am Akkordeon oder der Gitarre. Ansonsten kreuzen Migranten selten den Weg. Wenn man also aus dem Pott kommt,  ist das doch ein verwunderliches Straßenbild. Im Werk II in Leipzig sitzen die jungen Leipziger und freuen sich über den Anblick fremder Menschen auf der Bühne. Das Theater bringt es fertig und weist in eine weltoffene Zukunft – zumindest hier und jetzt im Dunstkreis der Kunst.

Das beste deutsche Tanzsolo

Auf der Bühne sieht man ihn eben gern, den Fremden. Und sie kommen in Gestalt von Performern und Tänzern aus vielen Bundesländern, wenn zum Wettbewerb „Bestes deutsches Tanzsolo“ aufgerufen wird. Geboren in Mexiko, in Korea, in Japan oder Tschechien, kommen sie zusammen und sind – wie immer – Teil der Tanzfamilie. Und der Moderator spricht kein Englisch, weil er es im Osten eben nicht in der Schule gelernt hat. Und so geht es auch den Älteren im Saal, die froh sind über jede Übersetzung ins Deutsche. Die internationalen Tänzer reden eben Englisch.

Seit einigen Jahren bin ich Mitglied im Beirat des Festivals und so trägt es mich jedes Jahr in den Osten und jedes Mal  kehre ich aus dem deutschen Ausland, den sogenannten Neuen Bundesländern, zurück mit neuen Erkenntnissen über Osteuropa, über Minderheiten und Vorurteile, Migration und Immigration.

Kreative Orte mit Flair

Wir reden hier von Kreativquartieren, die sich bemüht allüberall aufbauen sollen, kleinklein oder großklein oder beides. Nicht nur, dass das chice Loft-Wohnen in Leipzig weit verbreitet ist, sondern hier kann man anschaulich sehen, wie man manches „abgerockt“ lässt, nicht verhübscht, und daraus Orte hervorbringt, die von den Nutzern zu Atmosphäre gebracht werden. Die ehemalige Baumwollspinnerei ist ein Terrain aus Galerien, Kunstgewerbe und Freiraum, das vom britischen Guardian als Reiseziel Nummer 1 in Deutschland für Kunstfreunde genannt wird: „Leipzig is fast catching Berlin as a setting for innovative arts, particularly the city's Baumwollspinnerei (spinnerei.de), a former factory that now hosts dozens of eclectic galleries and artists' studios…“

Fahrt durch Nebel und Hölle

Aber man hat ja als reisender Flaneur oft einen vernebelten Blick für andere Orte im Vergleich zu den heimatlichen. Hier ist es auch schön und es gibt abgerockte Ecken, die so sind wie sie sind und nicht überpinselt werden wie manche Landschaft an diesem Wochenende vom wirklichen Nebel. Von

Dortmund nach Leipzig gibt es eine direkte Autobahnverbindung und man erlebt die blühenden Landschaften von fünf Bundesländern. Der Nordrheinwestfale winkt goodbye, der Niedersache übernimmt, bevor der Hesse seine Landschaften präsentiert. Bei der Rückfahrt am Sonntag liegt das Umfeld im Sachsen-Anhaltischen („Das Land der Frühaufsteher“  - heißt es an der Autobahn) bis hinein in Thüringen im Nebel.  Irgendwo steht ein Schild „Hölle“. Man ahnt die weiten Felder und Wiesen des Teufels. In Sachsen schien die Sonne und man konnte erheblich Gas geben. Kurz hinter Soest, dort, wo eine dieser braunen Tafeln auf das Ruhrgebiet hinweist, versinkt alles wieder in einer Alien-gemäßen Undeutlichkeit der Landschaft.

 

Di, 15.11.2011 0

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03.03.2010

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