
ViktoriaQuartier im Fokus
Bochums Kulturdezernent Michael Townsend im Interview
- Serie: CREATIVE QUARTERS RUHR
Reichlich Bewegung durchzieht derzeit das kulturelle Leben in Bochum. Vom neuen Off-Szene-Hot-Spot Rotunde über die Gründung der Zukunftsakademie NRW bis zum geplanten Musikzentrum. Mittendrin Stadtrat und Kulturdezernent Michael Townsend, der sich im 2010LAB.tv-Interview zum Aus des geplanten Künstlerhauses "Arts", dem Stillstand bei der Realisierung des Platz des Europäischen Versprechens und der Entwicklung des ViktoriaQuartiers äußert.
Herr Townsend, was ist Bochum knapp drei Monate nach dem Ende von RUHR.2010 von der Kulturhauptstadt geblieben?
Die Wahrnehmung des Ruhrgebietes hat sich verändert: sowohl in Bezug auf die Außenwahrnehmung wie auch in Bezug auf unser eigenes Selbstverständnis.
Wir sind nicht mehr die graue Maus, wir sind eine vitale und attraktive Metropole – wir sind "Ruhr" und das weiß jetzt auch der Berliner!
Innerhalb des Ruhrgebietes haben auch die Nicht-Kulturinteressierten gemerkt, dass die Kultur nicht „nice to have“, sondern existenziell für den Wandel unserer Region ist. Das Bewusstsein hat sich dahingehend verändert, dass Kultur nicht nur „schön zu gucken“ ist, sondern einen wesentlichen Beitrag zum ökonomischen, sozialen und städtebaulichen Wandel unserer Region leistet. Das erleichtert die Diskussion um den Stellenwert der Kultur in der Gesellschaft.
Wie groß ist der Rückschlag für die städtische Kulturszene, dass das geplante Kulturzentrum „Arts“ nun nicht verwirklicht wird?
Ich würde das nicht als „Rückschlag für die städtische Kulturszene“ bezeichnen: Damit überfrachten wir eine gute Idee zur zentralen Achse des kulturellen Geschehens in Bochum. Das wäre unangemessen und überfordert zugleich die Initiatorin des Projektes.
Die Geschäftsidee eines Kunst- und Kulturhauses ist gut, sie lässt sich im „Alten Posthof“ nur nicht umsetzen. Also gilt es jetzt für die Initiatorin der Idee, ein anderes Objekt zu finden, das wird ihr sicherlich gelingen.
Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe für das Aus, nachdem doch eigentlich schon alles in trockenen Tüchern zu sein schien?
Mir liegen darüber keine Detailinformationen vor. Dies war auch nicht das Thema der Kulturverwaltung. "Der Staat fördert, was es schwer hat" – um einen Claim des Kultursekretariats NRW zu bemühen.
Die freie Wirtschaft ist dazu da, Geschäfte zu machen und damit Geld zu verdienen. Das Künstlerhaus sollte ein rentierliches Geschäft werden, aber offensichtlich kamen die Geschäftspartner nicht zusammen. Das ist in der freien Wirtschaft und auch in der kreativen Ökonomie nicht unüblich! Das nennt man Markt.
Eine andere offene Baustelle in Bochum ist der Platz des Europäischen Versprechens. Wie ist hier der Stand der Dinge?
Der Platz des Europäischen Versprechens besteht aus zwei Prozessen.
Der künstlerische Prozess, bei dem es darum ging, europaweit Menschen dazu zu bewegen, ein (anonymes) „Versprechen für Europa“ abzugeben und sich mit der Idee „Europa“ und ihren Folgen auseinanderzusetzen. Dieser Prozess ist erfolgreich mit ca. 16 000 „Versprechen“ abgeschlossen.
Der zweite Prozess ist die bauliche Umsetzung. Der Platz wird voraussichtlich im Frühsommer dieses Jahres baulich fertig gestellt, sodass die zwei von der Stadt Bochum finanzierten Namensplatten eingebaut und die Platzhalter für die weiteren Namensplatten vorbereitet sind. Die bauliche Umsetzung der Idee auf dem Platz wird möglicherweise längere Zeit nicht endgültig vollendet werden können – seien wir ehrlich: aus Geldmangel!
Der Platz des Europäischen Versprechens ist insofern ein Spiegelbild des immer noch von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Europas. Gleichwohl werden wir uns weiter darum bemühen, dass weitere Namensplatten in den Platz integriert werden können.
Inwiefern beeinflusst die Verfassungswidrigkeit des Landes-Nachtragshaushalts in Zukunft die kommunale Kulturpolitik?
Über die möglichen Auswirkungen dieser Vorgänge auf die Kommunen, auf Bochum zu sprechen, wäre zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation.
Was werden für Sie als Kulturdezernent in den kommenden Wochen die zentralen Arbeitsaufgaben sein?
Vor allem die weitere Realisierung des ViktoriaQuartiers und seines Umfeldes Ehrenfeld, Westend, Westpark und der Bereich um die Zeche. Hier sind alle neuen Projekte wie auch die wichtigsten schon etablierten Einrichtungen Bochums verortet. Ich vergesse aber auch nicht alle anderen Kultureinrichtungen in Bochum: z.B. die Weiterentwicklung des Eisenbahnmuseums Dahlhausen oder das kulturwirtschaftliche Gründungszentrum Kulturwerk Lothringen, das sehr erfolgreich ist.
Welche anstehenden Veranstaltungen in ihrer Stadt können Sie dem 2010LAB.tv-Leser abschließend ans Herz legen?
Kurzfristig die „Jüdischen Kulturtage“, die am 23. März in Bochum begonnen haben und an denen sich erfreulicherweise sehr viele Kulturinstitute beteiligen. Als Bochumer Kulturdezernent kann ich Ihnen natürlich alle Veranstaltungen in Bochum sehr ans Herz legen. Wären sie nicht gut, wären sie nicht aus Bochum!
Fotos: Stadt Bochum
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