Verpasste Chancen

Von Tamar Noort. „Schweizer Filme sind immer zuerst schweizerisch und erst dann Film.“ „Das Schweizer Kino ist ein Horrorfilm!“ „Der Schweizer Film zerredet seine Probleme“ – die vernichtendsten Urteile über das helvetische Kino formulieren die Schweizer mit Vorliebe selbst. Das Alpenland beklagt sich offenbar gern über die heimische Filmindustrie – und tatsächlich sind die Produktionsbedingungen in der Schweiz alles andere als optimal. In dem Land, das in etwa so viele Einwohner hat wie Niedersachsen, herrschen vier verschiedene Amtssprachen – die staatliche Förderung reicht bei weitem nicht aus, sowohl italienische und schweizerdeutsche als auch französische und rätoromanische Filme zu fördern. Allen Schweizern kann man es also nicht recht machen – und doch ist der Publikumserfolg das wichtigste Kriterium für die Förderung eines Films. Mit dem Programm „Success Cinema“ werden speziell solche Filme belohnt, die beim Publikum besonders gut ankommen. Ist ein Film gut gelaufen, bekommen die beteiligten Personen Geld für ihre nächsten Projekte. Eingeführt hat das Programm Nicolas Bideau, der im Bundesamt für Kultur den Filmbereich leitet. Er verantwortet eine Politik, die sich im Slogan „Qualité – Popularité“ zusammenfasst. Ein guter Film ist in seinen Augen offenbar vor allem ein erfolgreicher Film. Hat ein Regisseur bewiesen, dass er die Massen anlocken kann, wie zuletzt Michael Steiner mit Mein Name ist Eugen und Grounding, gilt die Finanzierung seines nächsten Projektes als gesichert – was beispielsweise zur Folge hatte, dass mit den Dreharbeiten zu Michael Steiners Alpenhorrorfilm Sennentuntschi begonnen wurde, bevor die Finanzen endgültig geklärt waren und inzwischen Schulden in Millionenhöhe die Fertigstellung des Films verhindern.

Im letzten Jahr schafften 76 Schweizer Filme ihren Weg in die heimischen Kinos, sie machten jedoch neben amerikanischen Produktionen und Filmen aus dem europäischen Ausland nur einen Marktanteil von 4,02 % aus. Wenn man bedenkt, dass der Schweizer im Schnitt pro Jahr nicht ganz zwei Mal ins Kino geht, kann man sich ausrechnen, wie viele dieser im eigenen Land produzierten Filme beim Publikum ankommen. Das mag auch daran liegen, dass es kaum Stars gibt, die über die Schweiz hinaus bekannt sind und ihre Nation tatsächlich auch vertreten. So manches Talent hat die Schweiz zwar hervorgebracht – aber auch vertrieben. Bruno Ganz, Maximilian Schell und Liselotte Pulver sind große Namen, doch ihre wichtigen Rollen fanden sie im Ausland. Zu Aushängeschildern des Schweizer Kinos sind sie nie geworden, weil die heimischen Produktionen ihnen kaum reizvolle Angebote machen konnten. Dani Levy, den das deutsche Kino gern für sich beansprucht, stammt aus Basel. Sogar Jean-Luc Godard ist in der Schweiz aufgewachsen und hat dort mit der Regiearbeit begonnen – doch seine großen Filme realisierte er in Paris.

Mit den Festivals in Locarno und Zürich hat die Schweiz ein internationales Renommee – aber eben eher als Gastgeber. Es gibt keine Sektion, die dem aktuellen Schweizer Kino eine Plattform bietet. In Locarno werden lediglich restaurierte Fassungen alter Filme gezeigt.

Einziges Forum für den Schweizer Film sind die Solothurner Filmtage, die seit 1966 ausgerichtet werden. Hier liegt der Fokus klar auf heimische Produktionen. Zum ersten Mal wurde in diesem Jahr der Schweizer Filmpreis verliehen – mit dem Ziel, das heimische Filmschaffen zu fördern und das kreative Potenzial zu unterstützen. Ein wenig Rampenlicht scheint das Schweizer Kino gut gebrauchen zu können.

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Fr, 19.02.2010 0

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29.01.2010

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