
Verklebt in Berlin
Ausgespuckte Kaugummis bunt bemalen: eklig oder ein subversiver künstlerischer Akt?
Die einen treten rein und ärgern sich zu Tode, andere bemalen sie einfach: Kaugummis. Doreen Friedrichs ist Künstlerin und verschönert zertretene Kaureste im öffentlichen Raum. Am 1. Mai nimmt sie sich den Checkpoint Charly vor und ruft zum Mitmachen auf. Eine politische Willensbekundung oder schiere Schmiererei?
Interview: Jens Thomas von creative city berlin

Nein, ganz im Gegenteil. Es ist eine große Sauerei, wenn man sie nicht bemalt.
Am 1. Mai gehen traditionell tausende Leute für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straßen, in Kreuzberg haut man sich die Köpfe ein, sie bemalen Kaugummis auf öffentlichen Gehwegen. Verstehen Sie Ihre Aktion als Protestaktion?
Ich würde eher sagen als eine Alternative. Der 1. Mai ist schon fast traditionell mit Ausschreitungen und Gewalt verbunden, das finde ich schade. Mit der bunten, friedlichen, lebensfrohen Kaugummi-Aktion möchte ich – möchten wir – einen Akzent setzen und eine Alternative vorstellen: Warum Farbbeutel auf Job-Agenturen werfen, wenn ich doch meine Weltanschauung an einem viel beachteten Kristallisationspunkt wie dem Checkpoint Charly für alle sichtbar als Kunstwerk auf einem Kaugummi manifestieren kann?
Können Sie die Frustration der Leute nicht verstehen, die von der Arbeitsmarktlage enttäuscht sind?
Das kann ich sehr wohl verstehen, aber diese Art des Protests ist nicht konstruktiv. Wir verfolgen mit unserer Aktion folgenden Gedanken: Wenn ich heute auf einen Kaugummi schaue und ihn verändern kann, schaue ich morgen auf einen Missstand und gehe dagegen vor. Das hat dann etwas mit Kreativität zu tun.
Ben Wilson wurde als erster nennenswerter „Kaugummi-Maler“ bekannt, der seit 1998 mit seinen Kaugummigemälden über 10.000 Werke auf dem Londoner Asphalt und mittlerweile in ganz Europa bemalt hat. Auch schon in den 1960er Jahren fertigte die amerikanische Künstlerin Hannah Wilke unter anderem plastische Umsetzungen des weiblichen Geschlechts in Materialien wie Kaugummi, Radiergummi, Lehm, Latex, Terrakotta an. Sie versuchte damit ein Gegenstück zur männlichen Phallussymbolik zu etablieren. Was sind Ihre Ziele?
Mir geht es gezielt um Freiheit. Zudem möchte ich Verantwortung für Dinge übernehmen, die mir wichtig sind – um nichts anderes geht es auch im social business. Die Kaugummi-Aktion startete ja zunächst in Wiesbaden durch den Coach Hans Reitz. Darüber schaffen wir dann auch eine Städteverbindung: So hat eine Künstlerin beispielweise meine bemalten Kaugummis in Berlin abfotografiert und Kaugummis in Wiesbaden genauso bemalt. Umgekehrt habe ich das auch getan. Wir nennen das „Über-Kreuz-Kaugummis“ oder "Freundschaftskaugummi". Das steht für Freiheit, Verantwortung und Vernetzung gleichermaßen.
Die Freiheit des einen kann die Unfreiheit des anderen sein. Wenn es Ihr Verständnis von Freiheit ist, Kaugummis auf den Straßen zu bemalen, kann es die Freiheit des anderen sein, Kaugummis auf die Straße zu spucken.
Diese Art von Freiheit halte ich für eine Fehlinterpretation. Ich nehme mir das Recht raus, Dinge zu verschönern. Leute, die Kaugummis auf die Straße spucken, verschmutzen die Umwelt. Das ist doch ein großer Unterschied. Diese Art der Freiheit hat nichts mit Verantwortung zu tun.
Versuchen Sie über Ihre Aktion Kunstaktivisten zu vernetzen?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Über unsere Aktion wird eine Gemeinschaft erzeugt. Wir finden, dass es überall eine Friedrichsstraße geben kann, die bemalt wird. Städte können so über eine Kunstaktion auch zusammengebracht werden.
Kann Ihre Aktion nicht auch einen gegenteiligen Effekt haben, indem Sie eine zutiefst schmutzige Angelegenheit ästhetisieren? Leute könnten sich dazu animiert fühlen, Kaugummis gezielt auf die Straße zu spucken, um sie anschließend zu bemalen.
Das glaube ich nicht. Zum einen kann man frische Kaugummis gar nicht bemalen, zum anderen verstehe ich meine Aktion auch nicht als Einladung zum Kaugummispucken, sondern möchte dazu animieren, einen Beitrag zur Stadtverschönerung zu leisten. Der Schmutz ist ja ohnehin schon da, die Straßen werden durch meine Aktion nicht zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen, im Gegenteil. Ich möchte dazu ermutigen, unsere Umwelt mitzugestalten.
Deutsche Städte kostet die Entfernung von Kaugummis jedes Jahr fast eine Milliarde Euro, das schätzt der Kommunikationsdesigner Marcus Sonntag, der sogar seine Diplomarbeit diesem Thema gewidmet hat. Er hat an Orten wie Bushaltestellen oder vor Kinos auf einem Quadratmeter bis zu 90 Kaugummis gezählt. Täte es da gut, all diese Kaugummireste zu bemalen?
Ich finde ja. Unter dem Label der Vergänglichkeit würde so etwas Neues entstehen. Das ist für mich auch das Faszinierende an Kunst, weil sie Dinge verändert. Und stellen sie sich vor, alle bemalen Kaugummis, das wäre doch großartig!
Stellen Sie sich vor, tausende von Leuten liegen auf den Straßen und bemalen Kaugummis. Wird dadurch nicht der Verkehr blockiert?
Dieses Problem sehe ich nicht. Wir malen ja gezielt auf dem Gehweg.
In anderen Ländern ging man in der Vergangenheit in dieser Angelegenheit ganz anders vor. Singapur, eines der saubersten Stadt der Welt, hat bereits 1992 die Herstellung sowie den Import von Kaugummis kurzweilig verboten. Beim Kauf oder Kauen der verbotenen Ware drohte im Anschluss sogar ein Gefängnisaufenthalt. Sind das Ihrer Meinung nach auch Mittel zur Schmutzvermeidung?
Mittel sind das bestimmt, aber das wäre nicht das Mittel meiner Wahl. Restriktionen sind nie gut. Die Idee, in den Knast zu gehen, ist dann auch wenig erstrebenswert und hat mit Lebensfreude nichts zu tun.
Sie sprechen von einer Verschönerung des Stadtbildes durch Ihre Aktion. Inwiefern blenden Sie dabei den Gedanken des Tierschutzes aus? In Kaugummiproduktion wird auch Gelatine verwendet, sprich Knochenreste und sonstige Abfälle vom geschlachteten Tier.
Oh Gott, das ist ja ekelhaft! Sehen Sie, schon aus diesem Grund kaue ich keine Kaugummis, sondern bemale sie nur.
Sie kauen gar keine Kaugummis?
Nein, ich lutsche lieber Fisherman's Friend.
Frau Friedrichs, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Fotos (c) Doreen Friedrichs
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