
CO2-neutral zur Erschöpfung
Das niederländische Performance Kollektiv Schwalbe aus Dordrecht zeigte vergangenen Donnerstag auf dem internationalen Berliner Festival ENTROPIA im Saal des Radialsystems seine geniale CO2-neutrale Aufführung "Op Eigen Kracht" als schmerzhaften Gruppenselbstversuch.
Aus eigener Kraft und alles CO2-neutral? Wie meinen die das denn? Wie kann das gehen?
Sämtliches eingesetztes Material ist secondhand und hat bei seiner Herstellung vor vielen Jahren einmal Energie verbraucht und dabei Schadstoffe ausgestoßen. Durch die vielen Benutzerhände und das lange Dienstalter hat sich diese CO2 Schuld schon wieder mehr als ausgeglichen. Aber auch sämtliche Veranstaltungstechnik des Radialsystems im Saal ist abgestellt. Selbst die Heizung bleibt in dieser feuchtkalten Novembernacht aus. Die Zuschauer gehen noch einmal zurück zur Gaderobe und holen sich ihre Jacken und Schals zurück. Es ist dunkel und frisch. Draußen scheint die Spree Gischt über ihre Ufer zu spritzen.
Das Equipment
Drinnen aufgebaut und installiert ist eine simple Versuchsanordnung für sechs Personen. Aufgereiht sind fünf Trimm-Dich-Räder und ein Crosstrainer. Deren Schwungscheiben außen jeweils mit einem zusätzlichen Keilriemen versehen sind, der jeweils eine eigene Lichtmaschine antreibt. Der aus den sechs Lichtmaschinen erzeugte Strom führt zusammen in einen Verteiler, der einen alten Halogenfluter direkt zum Leuchten bringt. Mit diesem Licht beleuchten sich die Performer selbst. Ohne Aktion von ihnen selbst am Gerät stehen sie im Dunkeln. Wollen sie gesehen werden, dann müssen sie etwas tun. Und wie sie das dann machen!
Gas geben
Sie legen los. Die sechs Performer fahren den Sprint von vorn. Sie geben alle Vollgas. Sie sind grell erleuchtet. Und halten das Tempo.
Frappierend schnell entsteht durch die Geräuschkulisse der sechs bewegten Maschinen, die rauschen, quietschen, wirbeln und knarzen ein Rhythmus. Die Spannung steigt, denn wie lange können sie dieses hohe Tempo halten? Halten das die alten Trimm-Dich-Räder aus? Diese Erwartungshaltung paart sich mit Voyeurismus. Die Performer sitzen in Unterwäsche auf ihren stromerzeugenden Fitnessgeräten. Die drei Herren in Boxershorts, die drei Damen in Slip und BH. Da strotzen Brustmuskeln, da wackeln Brüste. Noch machen alle eine gute Figur.
Tour de Force
Im Verlauf der Fahrt durchlaufen die einzelnen Gesichter und Körper die verschiedensten Stadien. Die Analyse ist perfekt zu ziehen. Die jeweilige Stärke des einzigen Lichts in Verbindung mit dem Geräuschteppich im Raum gibt jederzeit eine Messung des Gemeinschaftswillens ab. Der changiert, wird weniger, glüht wieder ganz grell auf, wenn alle zusammen einen Zwischensprint treten. Aus der gemeinsamen Anstrengung wird dann langsam aber sicher individuelle Qual. Fast gleichzeitig setzt bei allen sechs der Schweiß ein.
Der Ehrgeiz steht einigen ins Gesicht geschrieben. Wollen sie gemeinsam weiter machen und wofür? Oder treten sie weiter, weil es peinlich ist, der erste zu sein, der nicht mehr kann? Niemand steigt vom Rad. Auch nach über einer halben Stunde nicht. Und das Tempo bleibt hoch. Aus dem vermeintlichen Warmstrampeln und gemeinsamen Spinningeinheiten ist längst ein zäher Marathon geworden. Doch das Licht brennt.
Geschlechtergerechtigkeit?
Den schweißglänzenden Körpern sind nun die Schmerzen anzusehen, die Haltungen am Gerät werden verändert und nehmen teils absurde Konfigurationen an. Die Augen stechen immer hohler aus den Gesichtern hervor. Niemand kümmert sich mehr um den und die anderen.
Besessen vom Ehrgeiz fährt jeder für sich selbst vor sich hin starrend oder in geduckter Haltung mit Stiernacken. Das Licht will nicht mehr glänzen und der Geräuschteppich wird holprig. Dann folgt nach 45 Minuten die Erschöpfung und das Stück für Stück Scheitern. Zuerst geben die Damen auf, nacheinander fallen sie vom Rad. Dann folgen die Herren einer nach dem anderen. Jeder hat bis zum letzten Korn alles gegeben und sich voll ausgepowert. Gibt es hier eine natürliche Dramaturgie, die sich aus den biologischen Gegebenheiten der Körper ableiten lässt?
Anaerobic Threshold
Gut trainiert sind die sechs Perfomer alle. Hier treiben sie sich alle weit über ihre anaerobe Schwelle hinaus bis in die totale Erschöpfung. Erst dann ist Ende, erst dann, wenn auch die letzte Muskelfaser übersäuert ist, geht der nun nicht mehr gespeiste Halogenfluter aus. War dieser schmerzhafte Marathon es wert im Rampenlicht zu stehen? Schwalbe zeigen bedingungslos auf, wie hässlich der Körper und der Wille des Menschen werden, wenn er sich allzu sehr anstrengt, um gut auszusehen und Bester sein zu wollen. Hier ist die Qual sichtbar, die entsteht, wenn Vernunft und Wissen aussetzen, um dabei nur noch stumpf mitzutreten. Ist das die Grundlage für den allseits grassierenden Fitnesswahn und eine an etablierte Fitnessdiscounter angeschlossene Gesellschaft? Wie gehen wir um mit unserer Energie?
Hatten Schwalbe nicht ausgesetzt, um den Saal zu erhellen und zu erwärmen? Wollten sie nicht etwas Gemeinsames tun? Ist ihnen ihr Ziel aus den Augen entglitten?
Der Saal ist warm geworden. Die Zuschauer haben ihre Schals und Mäntel abgelegt und der Applaus setzt einen ordentlichen Schub freundlich warmer Reibungsenergie frei.Diese Aufführung passt perfekt zum Thema des Festivals und ist unbedingt empfehlenswert.
Das Festival zu Entropie – ENTROPIA - ging am gestrigen Sonntag, den 14.11.2010 zu Ende.
Kommentar hinzufügen
Ähnliche Beiträge
Thema
Stadt
Branche
Aktuelle Tweets




























