Vegan Wonderland macht Dortmund attraktiver: Kim Kalkowski im Interview (Teil 2)

Die Gelegenheit war günstig. Kim Kalkowski hat bei der Anmietung der Räumlichkeiten für ihr veganes Cafe Cakes'n'Treats und den benachbarten tierprodukfreien Supermarkt Vegilicious clever gepokert und sich die Dortmunder Leerstandsdebatte zu Nutze gemacht.

Das spezielle Angebot lockt nun nicht nur Menschen aus der Umgebung sondern sogar aus dem Ausland an. Manch einer will dann am liebsten gleich ins Ruhrgebiet umziehen, wie Kim im zweiten Teil ihres Interviews mit 2010LAB berichtet.

(Zurück zu Teil 1)

Dein Bauchgefühl hast du bereits angesprochen. War das auch ausschlaggebend für den Schritt, das Café und den Supermarkt in Dortmund zu eröffnen?

Wir haben zwar keine ausgebildeten Köche und Bäcker bei uns, aber Einzelhandelskaufleute, die den zusätzlichen Aufwand dafür als gar nicht so groß eingeschätzt haben. Vor allem, was den Supermarkt angeht. Das Café war schon immer eine persönliche Herzensangelegenheit, damit die Torten und alles was wir sonst noch anbieten, mehr Menschen erreichen können. Hier kann jeder vorbeikommen und ungezwungen reinschnuppern.

Wie seid ihr an die beiden Immobilien mitten im Brückviertel gekommen?

Bei Immo Scout war dieser Raum hier drin. Den fand ich schon nicht schlecht als Café, aber wenn man nicht beide Läden ineinander integriert, dann sollten sie zumindest in Reichweite zueinander liegen. Dann habe ich bei Immowelt geguckt und dort den Raum gegenüber gefunden, der über denselben Vermieter läuft. Beide Läden waren tatsächlich frei und zudem ein 60qm-Lager, das wir gleich noch mit genommen haben, um unseren Warenbestand schnell auffüllen zu können.

Zu vertretbaren Mietpreisen?

Für die Lage ist es absolut okay. Ich sichere mich in verschiedene Richtungen ab. Vor der Unterzeichnung habe ich mir einen Anwalt genommen, der sich mit Gewerbemietrecht auskennt. Der hat mir komplett den Vertrag durchgearbeitet, was mir monatlich 100 € spart. Und ich muss morgens um 6 Uhr keinen Schnee räumen.

Es ist dann wieder dieses Bauchgefühl. Ich pokere bei so etwas hoch und habe dem Vermieter gesagt: Okay, ich nehme beide Läden, will aber das Lager umsonst.

Die Terrania AG als Hausverwaltung hat es gefreut, die Läden zusammen wegzubekommen,  so dass wieder mehr Leben in dieses Viertel kommt. Zumal sie sich Vorwürfen ausgesetzt sah, hier für Leerstand zu sorgen.

Ullrich Sierau, Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, hat sich Anfang 2010 vehement dagegen ausgesprochen, dass einmal pro Woche in den kommunalen Kantinen vegetarisch gekocht werde. Hat er schon euer Café besucht?

Leider noch nicht. Aber Grünen-Bezirksbürgermeister Friedrich Roesner. Der ist auch Vegetarier.

Sorgen Café und Supermarkt eigentlich dafür, dass Laufkundschaft vorbei kommt, bei der Barrieren abgebaut werden, sich nicht mit Alternativen zu Tierprodukten beschäftigen zu wollen?

Viele gucken vorbei und können es erstmal nicht glauben, dass speziell die Torten ohne „richtige“ Sahne entstehen können. Das Feedback ist in der Regel positiv, weil wir immer gerne beraten und niemand gefragt wird, ob denn vegan sei, um hier rein zu kommen. Dementsprechend ist jeder willkommen.

Für Menschen mit Laktoseintoleranz ist das ein ganz besonderer Punkt. Ich verzichte aus ethischen Gründen auf etwas und sehe es deshalb nicht als Verzicht. Für laktoseintolerante Menschen ist es hingegen eine Belastung.

Manchen Begleitern muss man allerdings die Barrieren nehmen und erklären, dass unser Käse kein Verbraucher täuschender Analogkäse sondern eine tolle Alternative ist.

Lässt sich ungefähr sagen, wie viele Gäste von außerhalb Dortmunds anreisen?

Genau kann ich es nicht sagen, aber schon ziemlich viele. Wir haben hier ein Gästebuch liegen, in das besonders Gäste von außerhalb reinschreiben. Letzte Woche sind zwei Mädel aus Frankreich angereist, haben im Supermarkt für 300 € eingekauft und sind wieder gefahren. Wir hatten Leute aus Karlsruhe hier, die morgens zum Frühstück gekommen und dann in der Innenstadt Shoppen gegangen sind. Danach haben sie bei uns wieder was Süßes gegessen, sind in ein Museum gegangen und haben vor der Heimreise hier noch einen Burger verzehrt.

Das heißt, ihr fördert den regionalen Tourismus.

Total! Im Gästebuch steht z.B. „St. Pauli liebt euch“ oder „Wir sind extra aus Wien angereist.“ Ich bin sogar schon öfters nach Hotelempfehlungen gefragt worden. Einige Leute haben auch gesagt, dass Dortmund jetzt als Studienplatz viel attraktiver sei oder sie über einen Umzug nachdenken würden. Wenn es eine speziell passende Gastronomie oder einen Ort, in dem man einkaufen kann, gibt, fühlt man sich direkt viel wohler.

Allerdings hat das Cakes'n'Treats ausgerechnet am Sonntag geschlossen. Fehlt es dem Brückviertel an einem Caféhaus-Flair?

Das Problem ist, dass das Brückcenter sonntags komplett geschlossen ist und wir keinen Schlüssel für die Haupttür haben. Wir haben bereits zweimal vorsichtig angefragt, wären dann aber für das gesamte Center verantwortlich, was heißt, wenn im hinteren Bereich jemand die Scheiben beschmiert, muss ich das zahlen.

Im Sommer könnten wir das Fenster aufschließen, doch gerade Gäste von außerhalb wären immer noch enttäuscht, dass der Supermarkt geschlossen hätte. Mehr als ein paar verkaufsoffene Sonntage sind nicht möglich.

Generell fehlt es dem Brückviertel und der gesamten Stadt an einer Caféhaus-Kultur. An der Ruhe, sich einfach mal hinzusetzen und einen Kaffee zu trinken. Auch wenn zu uns auch Leute alleine kommen und dann ein Buch oder eine Zeitung lesen. Denen gefällt das entspannte Ambiente.

 
Mo, 28.03.2011 3

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Kommentare

immer wieder toll

wir waren schon oft im cakes n treats und finden es immer wieder toll dort

@ Eva

Na dann Gute Fahrt, Guten Hunger und eine Gute Zeit in den Industriekultur-Ruinen.

Am 30. April bin ich

Am 30. April bin ich (Veganerin) mit meiner Freundin (Vegetarierin) bei "Rock in den Ruinen". Wir planen unsere Fahrt (kommen aus Frankfurt) extra so, dass wir vorher noch in Café und Supermarkt vorbeischauen können!
Ich freu mich schon!!!!

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05.01.2010

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