Kokerei Hansa

Und täglich grüßt das Murmeltier…

Die Debatte um freie Kultur und ihre Zukunft geht weiter

Die Grünen im RVR laden zu einer Konferenz zum Stand der Dinge in Sache Kultur im Ruhrgebiet. Das taten sie schon im Vorfeld der Kulturhauptstadt. Auch jetzt stellt sich der Kulturpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Oliver Keymis, den Fragen und ist – wie immer – ein Fürsprecher der Freien. Circa fünfzig wackere Zuhörer und Mitdiskutierende lauschen der Vertreterin der sogenannten vierten Säule der Nachfolgeaktionen der Ruhr2010, Katja Aßmann. Sie ist die Künstlerische Leiterin für „Urbane Künste Ruhr“, angedockt bei der Kultur Ruhr GmbH, dem Olymp der alternativen Hochkultur mit RuhrTriennale, Tanzlandschaft und Chorwerk Ruhr.

 

Urbanität – das große Schlagwort der neuen Vermischung

Frau Aßmann weist darauf hin, dass es sich hier nicht um ein Projekt für Bildende Kunst handelt, sondern um eine offene neue Projektschmiede. Anhand der Beispiele „Eichbaum-Oper“ und „Schlimm City“ führt sie zwei „Mülheimer Projekte“ für darstellende Kunst ins Feld. Man sei offen, könne aber nicht mit jedem reden, man bevorzuge Netzwerksprecher. Es sollen Labore eingerichtet werden. Dort wird dann mutmaßlich mit Architektur, Struktur und Quartiersbevölkerung ein Terrarium errichtet, in das die Besucher ihre Nase stecken oder diese zur Verfügung stellen, um die Kunst zu verumweltlichen. Die Aufgabe sei, Exzellenzen zu bilden und Ressourcen zu nutzen. Man kann sich als Kulturschaffender der Region bei einem Symposium anmelden, welches am 31.8. und 1.9. des Jahres per Spaziergang Erhellung schaffen soll. Die Emscherkunst gilt als Paradebeispiel für Intervention im öffentlichen Raum. Also hisst die Segel der Schaluppen, Kulturkapitäne!

 

Input von außen

Niemand wird bestreiten, dass der Mensch, ob Künstler oder Dorftrottel, erst dann zu neuen Erkenntnissen kommt, wenn er zumindest etwas „Außen“ zulässt. Gerade der Künstler und erst recht die Künstlerin (wegen der ihr unterstellten erhöhten Aufnahmefähigkeit) sollten sich ansehen und hören, was die Welt um sie herum so treibt – nicht wie ein Zeitgenosse, der namentlich nicht erwähnt werden will, der sagt: „Ich interessier mich nicht für Künstler, ich bin selber einer.“

Aber zu oft wird hier seit Jahrzehnten darauf gesetzt, das Außen dem Innen vorzuziehen. Dass auch ursprünglich aus der Region jemand oder etwas „nach oben krauchen“ darf, das ist – mit Ausnahmen – vergebenes Hoffen.

Wenn man in dunklen Kellern sitzt, braucht man Input von außen. So ähnlich geht’s auch denen, die im Tunnel sitzen, dort, wo sich nach einiger Zeit der Tunnelblick einstellt. Man muss sich nur lange genug dort eingerichtet haben, dann bleibt man in der Spur und sieht nur Wald, wo doch Bäume und Sträucher sind.

 

Tradition und Vergesslichkeit

Der Essener Kulturdezernent Andreas Bomheuer überrascht mit einem Vortrag über die Ursprünge kulturellen Lebens im Ruhrgebiet und erinnert an bürgerschaftliches Engagement, an den Migranten Grillo, an Museumskultur und post-industrielle Errungenschaften. Er stellt auch die richtige Frage, ob denn Nachfrageorientierung so wichtig sei. Über kurz oder lang ginge die Qualität verloren und innovative Prozesse, was immer das sein mag, eignen sich nur selten für Marketing. Die „Freie Szene“ habe Dinge erhalten, die zur Neuidentität der Bürger des Reviers maßgeblich beigetragen haben. Anstelle neuer Einrichtungen fordert er mehr Kooperation mit vorhandenen Institutionen. Das hat naturgemäß mit Spardenken zu tun, ist aber im Ansatz richtig. Wenn denn die handelnden Personen dies wollen; und dies scheitert oft genug an übermäßigen Eitelkeiten der Institutsleiter und Träger.

Herr Bomheuer entwickelt sich zum Vortragskünstler im wahrsten Sinne, ein Genre, das so kaum noch wahrgenommen wird und doch eine wunderbare Kunstform ist.

Und dann gibt es Kaffee und Schnittchen, man plaudert und nach der Pause kommt noch Professor Dieter Gorny zu Wort, der inzwischen als Kämpfer für „die Sache“ gelten muss. Und da gibt es doch  immer noch die Tunneldenker, die ihm die ausschließliche Nähe zur Popindustrie unterstellen. 

 

Bis zum nächsten Mal

Am Ende reden noch ein paar Unentwegte und pflegen Hoffnung und Frust gleichermaßen. Und man trifft sich wieder, beim Symposium oder bei der nächsten Konferenz im September.  Wieder sind alle ein Stück älter geworden. Manche waren ja schon dabei, als die Worte Schreibmaschine, Schallplatte und Fotoapparat noch Anwendung fanden.

Bei manchem könnte auf dem Grabstein stehen: “Ich war immer dabei."

 

Do, 12.07.2012 0

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03.03.2010

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Der Jesus von Rotthausen
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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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