
Über Lifestyle in der Stadtplanung
Interview mit Stefan H. Mühling beim Düsseldorfer Salon
- Serie: INTERVIEWS
Zum jüngsten Düsseldorfer Salon waren drei Klassiker der Stadtdebatte ins NRW-Forum Düsseldorf geladen: Planer, Ästhetiker und Eigentümer – in Gestalt dreier Hochkaräter: Stefan H. Mühling ("die deve|oper“ / Bauherr Kö-Bogen mit Daniel Libeskind), Christoph Ingenhoven (Architekt von Weltrang / Swarovsky-Zentrale in Zürich; 1. Öko-Hochhaus der Welt: RWE-Tower in Essen; Hauptbahnhof Stuttgart; Google Head Quarter) und Sonja Beeck, Professorin für Stadtmanagement an der Universität Kassel (IBA Stadtumbau 2010; IBA 2020 Berlin). Sie waren sich gar nicht einig, wie "Leuchtturm" und "Leerstand" miteinander können in der Zukunft. Erfrischend kontrovers zeigten sich die Alternativen, zwischen denen sich Stadtpolitik entscheiden muss. Apropos „Entscheiden“: Da waren sich alle Redner einig – für ein neues Selbstbewusstsein der Politik, Stadt zu gestalten und aktiver zu entscheiden. Eine Forderung, die an diesem Abend allerdings nicht auf Widerstand stoßen konnte – geforderte Politiker und betroffene Bürger waren nicht anwesend.
LABKULTUR.tv konnte alle drei Diskutanten exklusiv interviewen – unser Dank gilt den Veranstalterinnen Alexandra Iwan, Nicola Knüwer und Silke Niehaus. Im Folgenden das zweite Gespräch mit Stefan H. Mühling. Zum ersten Gespräch mit Prof. Sonja Beeck geht es hier.
LABKULTUR: Ihr Düsseldorfer Projekt „Kö-Bogen“ steht für eine neue Form der Projektentwicklung. Wie beziehen Sie die Bürger in ein solches Großprojekt mit Star-Architekten ein? Lässt sich ein Daniel Libeskind denn „reinreden“?

Woher kam denn der Impuls für diesen Weg? Waren das die Erfahrungen aus Stuttgart 21 oder andere Negativ-Schlagzeilen, die Sie zu diesen Schritten bewogen haben und die ja nicht ohne Aufwand und Kosten zu haben sind?

Lifestyle in der Stadtplanung: Wie gestaltet sich da die Zusammenarbeit mit der Stadt? Erleben Sie, dass die Stadt darin auch ein Modell sieht, das sie auf Projekte überträgt? Oder bleibt es eine Domäne der privaten Wirtschaft, neue Wege zu gehen?
Nein – ich glaube, wir haben alle zusammen viel gelernt in den letzen Jahren. Ich trau mich mal zu sagen: Das gilt auch für die Stadt Düsseldorf. Diese Lernkurve in Sachen öffentlicher Kommunikation, die wir alle hier gemacht haben, werden wir auch mitnehmen zu künftigen Projekten.
Bürger einzubeziehen dient auch dazu, ein Projekt ohne Widerstand abschließen zu können. Man minimiert auch ein wirtschaftliches Risiko. Wenn man Bürger aber derart früh um Beteiligung fragt, kann das den Prozess komplett verändern, kann es länger dauern und teurer werden, kann es Konflikte mit dem Ego des Architekten geben? Was haben Sie denn da erlebt?

Bürgerbeteiligung war also kein Risiko. Gehen wir die Frage dann einmal anders an: War sie sogar ein Innovationsmotor? Zurzeit wird in vielen Branchen „Open Innovation“ und „Crowd-Sourcing“ großgeschrieben: Firmen holen sich Ideen für ihre Produkte über Social Media. Gab es solche Anstöße beim Kö-Bogen? Gab es Bürger-Ideen, die einen Mehrwert für das Projekt bedeuteten?
Wir würden das, was wir in den letzten zwei Jahren gemacht haben, künstlich überhöhen, wenn man das jetzt behaupten würde. Ich glaube, der Effekt, den die frühere Beteiligung ausgelöste, ist vielleicht ein anderer: mehr Verantwortung für das, was alle hier in der Stadt tun. Unsere Firma hat 2008, als wir das Projekt mit Libeskind zusammen angeboten haben, ein Versprechen abgegeben. Das manifestiert sich in einem Kaufvertrag, der 2009 geschlossen wurde. Ich glaube, die Verpflichtung, diese Versprechen zu erfüllen, ist durch die Transparenz sehr, sehr viel größer – durch die Nähe zu den Menschen, die das jetzt eben viel besser beurteilen können. Vielleicht ist diese Öffentlichkeitsnähe auch ein Stück weit ein Qualitätssicherungsinstrument aus sich heraus geworden. Das müssen wir im Rückblick einmal in Ruhe betrachten.
Eben wurde über das Primat des öffentlichen Raumes versus das Primat des Einzelgebäudes diskutiert. Libeskind ist kein Architekt, der Standardgebäude baut, sondern Ikonen. Wie geht das in diesem Projekt zusammen – Bürgerbeteiligung versus Meister-Architekt?

Bürgerbeteiligung ist also auch ein Impuls für die Gestaltung des öffentlichen Raums – nicht nur des Gebäudes?
Ja – und die Stadt Düsseldorf ist auch da einen ganz innovativen Weg gegangen: Sie hat im Grunde genommen ihren eigenen, internen Meinungsbildungsprozess öffentlich gemacht. Dazu wurden große Musterflächen angelegt, die sonst hinter verschlossenen Türen diskutiert worden wären. Sie haben sich also getraut, das zur öffentlichen Diskussion zu stellen und auch einen Kontrollverlust hinzunehmen. Im Gegenzug hat die Stadt gewusst, dass sie ihre Bürger nicht vor den Kopf stößt. Auch das ist ein hohes Gut und ein wichtiger Teil der Qualitätsverbesserung im Leben einer Stadt.
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