
Trauerschweres Schauspielhaus
In Dortmund geht eine Ära zu Ende, die Zeit der Schauspielhausführung des Michael Gruner. Der freundliche und oft grummelnd darblickende ältere Herr hat elf Jahre das Haus in der Schwebe gehalten zwischen Tradition und Moderne. Die Spielpläne boten eine Reihe leiser, aber erhabener Höhepunkte der Theaterlandschaft Ruhrgebiet. Beim Abschied gab es Tränen, aber auch einen beschwingten Abschiedsabend für Publikum und Ensemble.
Alles weg und neu
Zuletzt war die Dortmunder Beteiligung am Odysseus-Projekt ein Highlight, das vor kurzem am berühmten Schiffbauerdamm bei Herrn Peymann gastieren durfte. Die Hauptrolle wurde von Jakob Schneider gegeben, dem einzigen, dem der neue Schauspielchef Kay Voges, einen Vertrag angeboten hat. Schneider sei „frisch“ und „enthusiastisch“. Alle anderen Damen und Herren, die dem Dortmunder vertraut wurden, wurden in alle Windrichtungen geschickt. Ob dieses Verfahren klug ist, ist eine Diskussion wert.
Familientheater
Michael Gruner hat seine Frau Juliane als Dramaturgin mitgebracht. Letztlich brillierte sie aber als Schauspielerin, ihrem Beruf. Und es gab kaum ein Stück, in dem sie mitwirkte, ohne dass die Kritik sie besonders hervorhob. Auch der Sohn arbeitete am Haus. Überhaupt war das Ensemble eher eine Familie mit Krach und Umarmung als eine Firmenbesetzung. Gruner war kein Theatererneuerer, eher ein Typ der alten Schule, der selbst inszenierte und dabei ein Paradebeispiel eines Theatermannes, wie man ihn sich vorstellen kann: Exakt, zweifelnd, mit Liebe und Hingabe an das Stück, die Figuren und die Menschen dahinter.
„Land in Sicht“
Noch weiß man nicht, wie es sich bewegen wird, das neu besetzte Schiff unter Voges. Niemand ruft bisher „Land in Sicht“. Gruner bleibt als „Berater“ des Übergangs, dann widmet er sich seiner Professur in Wien und wird sicher noch einiges quer durchs Land inszenieren. Dortmund hat ein kleines Haus mit wenig Geld und immer noch etwas angemufftem Image, obschon die Kritik es in den letzten Jahren neu entdeckt hat. Es hat treues Publikum, es ist aber ein überschaubarer Kreis, den es zu erweitern gilt. Eine Stadt mit annähernd 600.000 Einwohnern müsste es sich leisten, dem Schauspiel einen stärkeren Rang einzuräumen. Das ist eine harte Nuss, die noch niemand knacken konnte. In Dortmund dominiert kulturpolitisch die Musik.
Alle Gute!
Dem alten Ensemble kann man nur wünschen, wunderbare neue Aufgaben zu finden. Claus Dieter Clausnitzer, eine Institution in Dortmund, wird weiter im Münster-Tatort zu sehen sein. Alle anderen muss man dann in den Spielplänen der Republik suchen. Auch die „festen Freien“ wie Matthias Scheuring, den Gruner immer wieder ans Haus holte für große (ein wunderbarer Othello) und manchmal auch kleinere Rollen (Chor Odysseus), wird der Stadt in Zukunft fern bleiben und weiter nomadisieren. Alle Gute!
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