
Tradition verpflichtet
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Daniel Bickermann. Russland blickt auf eine der stolzesten Filmtraditionen der Welt zurück: Durch Eisenstein, Kuleshov und Vertov wurden elementare filmsprachliche Grammatiken und Stile der Montage, des Dokumentarfilms und der Dramaturgie begründet. Der zunehmende Druck des kommunistischen Regimes führte zu einem Absterben dieser Tradition, bis erst Stalins Tod und später die Ära von Glasnost und Perestroika den Filmemachern wieder freiere Hand gaben und sich weltweit anerkannte Meisterregisseure wie Andrej Tarkovski, Alexandr Sokurov, Elem Klimov oder Alexej German, sr. entfalten konnten.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion bildete auch für die russische Filmindustrie eine zentrale Wegmarkierung. Die Zensur fiel, ausländische Filme strömten ungehindert ins Land, die Preispolitik liberalisierte sich, und vor allem bildeten sich neben den fortbestehenden staatlichen Filmstudios (unter denen Mosfim sicherlich das prominenteste ist) eine Vielzahl privater Produktionsfirmen, Verleiher und Filmnetzwerke. Gleichzeitig brach die Filmproduktion abrupt ein, von durchschnittlich 80 Filmen im Jahr während der letzten Gorbatshov-Jahre auf nur noch 20 einheimische Kinofilme 1996. Durch massive Staatshilfen und Steuererleichterungen konnte die Filmproduktion in den folgenden Jahren auf einen Stand von 65 Kinofilmen pro Jahr gesteigert werden, wobei Großprojekte wie NIGHT WATCH von Timur Bekmambetov inzwischen den traditionellen Kunstfilmanspruch des cineastisch hochgebildeten Landes verlassen und sich durchaus als internationale Blockbuster nach Hollywoodmuster durchsetzen.
In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends dann stiegen die Verkaufszahlen einheimischer Filme in Russland plötzlich explosionsartig um das Vierfache und zeugten auch von einer neuen Konsumentengeneration, die sich an die hohen Ticketpreise und an das neue russische Kino gewöhnt hat. Die Branche boomt zudem dank einer gestiegenen Fernseh- und Dokumentarfilmproduktion, eines staatlichen Förderungs- und Sicherheitsnetzes und einer Reihe traditioneller, aber modernisierter Filmhochschulen (darunter zum Beispiel das Russian State Institute of Cinema VGIK in Moskau, das als älteste Filmschule weltweit gilt).
Film blieb durch die Geschichte hindurch die führende nationale Kunstform in Russland, was zu zahlreichen gut kuratierten und ebenso gut besuchten Festivals führte. Wie es sich für ein stark zentralisiertes Land gehört, finden sich gleich mehrere davon in Moskau, aber darüber hinaus zieht sich ein recht engmaschiges Netz von Lang-, Kurz- und Animationsfilmfestivals zumindest über den europäischen und kaukasischen Teil der flächengrößten Nation der Welt, von St. Petersburg bis Kansk, von Sotschi bis Kasan, von Volgograd bis Nishni Novgorod. Themen reichen dabei von einem schwullesbischen Festival bis zu der in Russland hoch angesehen Kunst des Animationsfilms. Zudem gibt es sehr viele Kurzfilmfestival in Russland, die sich in den letzten Jahren selbst in kleineren Städten gebildet haben. Die Kurzfilmbranche fühlt sich allerdings von der staatlichen Förderung oft übersehen, und einige dieser Festivals sind im Begriff, ihre Tore wieder zu schließen. Dafür hat der anhaltende Filmboom Russlands in den letzten Jahren auch den Nachwuchs und den Amateurfilm erfasst: Es gibt vermehrt Filmclubs, in denen auch junge Filmemacher der Öffentlichkeit ihre Werke vorstellen können.
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