
Traumzeit Festival: Wandel und Grenzüberschreitungen
Ab dem 2. Juli findet im Landschaftspark Duisburg-Nord das dreitägige Traumzeit-Festival statt. Ein Gespräch mit dem Künstlerischen Leiter Tim Isfort in dessen Studio.
Jens Kobler: Bereits im Deinem ersten, dem letzten Jahr, gab es Hinweise, dass das Festival sich verstärkt auch Pop-Publikum öffnen soll. 2010 nun türmen sich geradezu aus den Pop-Gazetten bekannte Namen zumindest in den oberen Reihen der Ankündigung: Shout Out Louds, The Notwist, Shantel, Get Well Soon und Efterklang zum Beispiel. Ist das eine Neu-Ausrichtung des Festivals?
Tim Isfort: Das ist eher Teil eines Prozesses. Ich bin vor einem Jahr angetreten mit dem plakativen Spruch „Ich will das Festival verjüngen“. Als jemand, der Traumzeit über Jahre beobachtet hat, war mir aufgefallen, dass auf der Bühne wie vor der Bühne alle Beteiligten stark gealtert waren. Im letzten Jahr wurde das schon relativ offensiv angegangen, aber viele der Bands und Agenturen waren noch skeptisch, ob sie hierher passieren würden. Und wir haben uns damals auch dagegen entschieden, etwa Lou Reed oder Laurie Anderson machen zu wollen. Zusätzlich reicht eine Ausrichtung á la „Bands spielen in Industriedenkmälern“ auch nicht mehr als ein Alleinstellungsmerkmal, und es gibt zudem gleichzeitig wenig Crossover-Potential bei den Festivals.Positiv gesehen ist der Landschaftspark aber nun einmal ein Ort mit Patina, mit diesem Verwachsenen und Verwilderten, und natürlich mit drei sehr attraktiven Hauptspielorten. Das Wichtigste soll also das Unverwechselbare an Traumzeit sein. Es geht um die Wertschätzung von Musik. Hier soll es Überraschungen, Exklusives und einfach Gutes geben. Und auch nicht mehr so etwas wie: Die erste Band wird toll gefunden, die zweite ertragen, und dann gibt es zur Belohnung den Top-Act zum Schluss. Das Publikum muss sich als mündige Kulturbürger erweisen, die aus dem reichhaltigen Programm ihr eigenes zusammen stellen können. Es muss auch gewählt werden, und niemand kann alles sehen.
Jens Kobler: Gibt es denn sozusagen inhaltlich nun weniger Kunst und mehr Pop?
Tim Isfort: Ich glaube nein. Über diese Verschiebung bin ich schon deshalb froh, weil das im letzten Jahr eben nicht geklappt hat und wir dagegen in diesem Jahr auch sehr viel Glück hatten. Der Umbau zu einem jüngeren Festival wird schon drei oder vier Jahre in Anspruch nehmen. Dass es dabei nicht nur um Pop geht, sieht man zum Beispiel bei dem gemeinsamen Auftritt von Helge Schneider und Chilly Gonzales. Das wiederum ist sehr Traumzeit, Künstler zusammen auf der Bühne zu erleben, die so sonst nicht oder kaum zu sehen sind. Und dieses Duo spielt am Samstagabend im Rahmen eines Piano-Abends, an dem vorher zunächst Brad Mehldau und dann Yejin Gil spielen und anschließend Shift – also ganz unterschiedliche Ansätze in einer nicht unbedingt nahe liegenden Reihenfolge. Der Piano-Schwerpunkt findet aber nicht nur am Samstag in der Kraftzentrale statt, und es gibt noch andere Schwerpunkte wie Big Band und Schlagwerker.

Jens Kobler: Sagt da nicht jemand von Duisburg-Marketing oder ein Sponsor irgendwann „Verzeihung, demnächst soll hier aber Harald Schmidt den Künstlerischen Leiter machen. Und der will ganz auf Oper setzen.“ oder so etwas?
Tim Isfort: Nö. In Duisburg habe ich sehr viel Rückhalt. Es gibt schon Stimmen, die sagen „Jetzt lass doch einmal diese Auftragskompositionen weg“ oder „Zu der Off Beats Bühne geht doch kaum jemand“ – aber ich lasse das nicht weg.
Jens Kobler: Gerade im Kulturhauptstadtjahr wird der nicht gerade üppig gut begüterten und nur bedingt großen Kulturfraktion hier ja fast permanent sehr viel angeboten. Und für die anderen gibt es große Feste, die Fußball-WM und auch sonst immer einiges zu tun. Ist Traumzeit 2010 auch der Versuch, zur Kunstfraktion zu sagen “Macht Euch ruhig mal etwas locker“ und zu der anderen, der größeren Gruppe „Ihr solltet auf jeden Fall auch vorbei kommen.“?
Tim Isfort: Ja, ganz klar, danke für die Steilvorlage. Der Aspekt ist genau, dass sich die einen oder anderen gerne einmal in die „falsche“ Halle verirren oder dafür einfach sitzen bleiben können. Das ist hier nicht nur „Platz sichern, Jacke und Tasche sichern, wann kommt die nächste Band“. Sondern man muss wandern und von hier nach da gehen, sich begegnen. Nicht zuletzt deshalb heißt eine der diesjährigen Auftragskompositionen „Holzwege ins Glück – eine musikalische Wandertour“. Vielleicht ist das auch in einem anderen Sinne ein Paradebeispiel, denn niemand weiß genau, ob das eher Jazz, Pop oder Klassik sein wird, was man bei dieser Komposition zu hören bekommt. Für die wirtschaftliche Schwäche und die teils wirklich fehlende kulturelle Bildung hier ist das aktuelle schon ein sinnvolles Festival-Konzept. Hinzu kommt mit der Pat Matheny Group auch in diesem Jahr wieder ein „big name“, der sich ganz einfach in die Reihe der Weltklasse-Gitarristen einreiht – was wiederum für das eher konservative Publikum sehr wichtig ist.

Jens Kobler: Was wäre denn der inhaltliche rote Faden beim Traumzeit-Festival? Geht es um Magie, Spontaneität, Exklusivität? Alle kommen zum Träumen zusammen? Die Bühnen und die Bauten mit Leben und Ideen füllen?
Tim Isfort: Das ist schwer zu beantworten, weil sich mir die Frage nach dem Charakter des Festivals auch immer wieder stellt. Schon bei der Arbeit mit meinem Orchester, aber auch vorher, ging es mir persönlich immer darum, was Musik sein müsste, bedeuten könnte. Ich will immer etwas Besonderes machen, auch deshalb ist mein zweites Album immer noch nicht ganz fertig. Die Gestaltung des Traumzeit-Festivals ist also eine Riesen-Chance für mich zu zeigen, worum es mir bei Musik geht. Und dieses Festival an sich war immer schon unverwechselbar, wobei jetzt meine Visionen als Musiker dazu kommen. In diesem Jahr zeigt sich das vielleicht am besten an einer Gruppe wie Efterklang, bei denen es keine musikalischen Weltmeister gibt, sondern intelligente Popmusik, teils mit sechs Kindern dabei, echte Freaks, die auch mal mit Philharmonikern spielen und dabei lustige Hüte aufhaben. In solchen Gruppen spiegelt sich eine Idee des Festivals am besten wider.
Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch!
„Traumzeit – Festval am Hochofen“ vom 2. - 4. Juli im Landschaftspark Duisburg-Nord.
Foto von Tim Isfort: Helmut Berns
Foto von Helge Schneider & Chilly Gonzales: Sabine Engels
Foto von Efterklang: Nikolaj Holm Möller
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Di, 29.06.2010
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alle grenzen weg
musik überwindet alle grenzen, so das standard-credo der Musikszene. Sie sei offener als andere.... stimmt alles nicht, wenn man Isfort zuhört. Wie sensibel und vorsichtig muss er experimentieren zwischen den Clischees der Musikstile und Publikumsgruppen.
Wenn jeder sein Ding machen kann, ist das eben noch keine Offenheit, sondern nur der Freiraum den eigenen Weg zu gehen.....
Viel Glück nach Duisburg. Das ist Crossover live und pur - und da wo es an den kulturellen Erwartungen weh tut.