
Theaterpremiere in Dortmund: Heimat unter Erde
- Serie: Kunst

Es dröhnt der Nordstadt-Rap, es steppen die schmutzigen Hauer unter Tage zum Industrial Noise der Bohrhämmer. Türkische Heimaterde wird in ein Grab geworfen, ein untoter Berggeist geht um. Es wird viel geklettert, nach oben (Himmel, Aufstieg, Glück) wie nach unten (Stollen, Arbeit, Tod). Ein junger fremder Mann muss sich ausziehen und wird tauglich gesprochen. Ein blondes deutsches Mädchen trägt die unschuldigen Backfisch-Karoröckchen der Sechziger und verliebt sich. Ein Musiker im braunen Anzug spielt Saz, die türkische Laute. Ein Bergwerkschor schmettert hiesige Folklore. Alte Männer erzählen, wie das früher war mit dem Fremdsein und der schweren Arbeit und der Solidarität. Junge Männer finden keinen Job und keinen Respekt. Der größte Schatz liegt tief im Schoß der Erde; ein Mann kehrt nicht zurück zu seinem Schatz.
Migrantenenkel müssen zur "Maßnahme"
Worum geht es in Heimat unter Erde? Yusuf, ein lernwilliger türkischer Jugendlicher, wird vom Arbeitsamt nicht gefördert, sondern in „Maßnahmen“ geschickt. Anlass für ihn, den Unhold vom Amt an die Tatsache zu erinnern, dass sein türkischer Großvater in den 1960ern mit seiner Knochenarbeit unter Tage das deutsche Wirtschaftswachstum erst mit ermöglicht hat. Und zum Dank wird nun dem Enkel von Amts wegen seine Zukunft verbaut!
Mit dieser Rahmenhandlung beginnt Heimat unter Erde, das letzten Samstag vor wundersam gemischtem Publikum Premiere feierte. Yusuf spult in einer Rückblende die in Dortmund spielende Geschichte seines Großvaters ab, und wie Regisseur Stefan Nolte und Dramaturg Michael Eickhoff diese „Dortmunder Tiefenbohrung“ in Gang bringen, hat mit einem didaktisch aufbereiteten Betroffenheitsabend im Theater gar nichts, mit großem Kino aber sehr viel zu tun."Bling-Bling"-Zocke vs. Bohrhammer
Dabei hätte es so viele Ansätze zum Fremdschämen gegeben. Aber diesen Gefallen tut Heimat unter Erde etwaigen masochistisch gestimmten Besuchern nicht. Also treibt einem weder das den Abend eröffnende (authentische) Rap-Trio aus der Nordstadt die Schamesröte ins Gesicht, obwohl die drei jungen Herren natürlich den erforderlichen Mindest-Migrationshintergrund haben und mit ihren Kappen, Frisuren und Bollerbuxen standesgemäß zum Weggucken gekleidet sind – so mancher Besucher wird sich gefreut haben, dass die Jungs brav in der Dortmunder Nordstadt Gangsta spielen und nicht im langweilig-noblen Lücklemberg auf „Bling-Bling“-Abzocke gehen. Noch nerven die (ebenfalls authentischen) betagten „Zeitzeugen“ der Bergbau-Ära, drei ausgewogen nach Herkunft (Türkei, Schlesien und „von drüben“) besetzte Kumpel-Altstars bis hin zum dreiundachtzigjährigen Ex-Steiger. Und selbst der (natürlich authentische) Bergmannschor aus Lünen versprüht keine letalen Dosen heimeliger Stollen-Nostalgie, sondern macht seine Sache ebenso ausgezeichnet wie diese Blaupause von einem türkischen Saz-Spieler, der etliche Szenen musikalisch stimmig begleitet. Zu schweigen von der Story – armer türkischer Gastarbeiter verliebt sich ins blonde deutsche Bergwerksdirektortöchterchen, aber der Papa sagt lange Nein – die man anderswo auch schon gnadenlos versemmelt über sich hat ergehen lassen müssen.
Laiendarsteller laden die Story mit Substanz auf
Heimat unter Erde hat mich über weite Strecken gefesselt und an manchen Stellen richtig berührt. Dass das Stück so gut funktioniert, hat mehrere Gründe. Obwohl hier – neben vier glänzend aufgelegten Profischauspielern – Laien aus scheinbar unterschiedlichen Milieus den Verlauf des Abends prägen und bis kurz vor der Premiere noch extrem viel ausprobiert und improvisiert wurde, merkt man ihnen das sorgfältige Casting an. Weder die Rapper noch die knarzigen Zeitzeugen sind auf die Schnelle angesprochen worden, da hat man offenbar lange die Richtigen gesucht. Durch die Rahmenhandlung und die Einwürfe der Laien, die die Binnenhandlung kommentieren und lebhaft illustrieren, entsteht ein Kaleidoskop aus Stimmen und Bildern, die die bewusst karg erzählte Story mit Substanz aufladen und vorantreiben.

Misslungen wäre das Unterfangen, hätten die Schauspieler nun so gesprochen wie auffe Straße. Stattdessen wird in der hochliterarischen Sprache der Romantik gesprochen – der Text orientiert sich an der zu Beginn des 18. Jahrhunderts europaweit bekannten Legende des Bergwerks von Falun (Schweden). Hier war die unversehrte Leiche eines jungen Bergmanns gefunden worden, der fünfzig Jahre zuvor verschüttet worden war. Ein Stoff, auf den sich nicht nur E.T.A. Hoffmann und Hugo von Hoffmansthal stürzten, aus deren Werken Stefan Nolte seinen Text zieht.
Früher in der Zechensiedlung war mehr Zusammenhalt
Es profitiert jedoch nicht nur der dramaturgische Spannungsbogen von den Infusionen der Laien und der Künstlichkeit der Sprache. Es sind vielmehr die Zuschauer, die auf einmal eins und eins zusammenzuzählen beginnen und das Gezeigte mit ihrer persönlichen Lebenserfahrung rückkoppeln. Die Geschichte spielt ja in Dortmund, vor der eigenen Haustür. Da erinnert sich nicht nur so mancher Ältere, wie das damals war, als die ersten Gastarbeiter am Hauptbahnhof ankamen. Man erinnert sich auch daran, dass der Zusammenhalt in den Zechensiedlungen größer war als die anonyme Nachbarschaft heutiger Tage, und dass es auch mal Zeiten gab, in denen man sich nicht darum scherte, dass nebenan der Ali und gegenüber der Pavel lebten. Man spürt, dass etwas grandios falsch gelaufen ist, dass speziell mit den Türken anders umgesprungen wurde als mit den Arbeitern aus Italien und Spanien – auf der Infoseite zum Stück sind einige spannende Aufsätze zur Arbeitsmigration aus der Türkei zu lesen.
Der Schock des kollektiven Verlustes
Plötzlich sieht man, dass die arbeitslosen Jugendlichen in der Nordstadt (auch deshalb) perspektivlos sind, weil gewisse Räderwerke (Politik, Bergbauwirtschaft, Arbeitsämter) sie und die Generationen vor ihnen zermahlen haben. Man erlebt gar den Schock eines Kollektivverlustes: Nicht nur sind seit dem Zechensterben die Jobs weg, sondern auch die Solidarität der Arbeiterfamilien. Weil es keine Arbeiter mehr gibt und nichts Neues an ihrer Stelle entstanden ist, das einen Zusammenhalt bewirken würde – Kulturhauptstadt und Kreativwirtschaft sind es jedenfalls nicht.
Und dann steht man nach dem
Stück im Foyer und merkt, wie nicht nur man selbst, sondern auch viele andere Zuschauer das Bedürfnis haben zu reden. Und die anderen, die Zeitzeugen und der Saz-Spieler und die alten Männer vom Bergwerkschor auch. Das ist wirklich berührend. Der Chor, der im Jahr seines 90. Jubiläums schließen wird, weil er keinen Nachwuchs hat. Die alten Kumpel, die von der Zeit der Kostgänger erzählen. Der Zeitzeuge, der den Gebrauch eines Bohrhammers vorführt. Der türkische Jungspieler an seinem ersten großen Premierenabend. Der türkische Junge aus der Rahmenhandlung, singend im Kreise der alten Chorleute. Man fühlt sich geerdet, nach Hause gekommen, eins mit sich, verwurzelt. Und das leistet ein Theaterstück – und keine noch so tolle „Maßnahme“. Zum Heulen schön.
Die nächsten Aufführungen: 29. Januar, 5., 18. & 24. Februar, 6. & 18. März, weitere Aufführungen im April und Mai
Foto 2 (Birgit Hupfeld): Alan Mehovic und Hüseyin Aliev beim Nordstadt-Rap
Foto 3 (Birgit Hupfeld): Zeitzeuge Peter Thill zeigt uns, wo der Hammer hängt
Foto 4 (Birgit Hupfeld): Fast kriegen sie sich: die Anna (Caroline Hanke) und der Ali
Foto 5 (Hillenbach): Nach der Premiere im Foyer – Yusuf im Kreise singender Bergleute
- Theater in der Kulturhauptstadt - der Jahresrückblick 2010
- Jugendkulturen und Migration - Gesprächsrunde von interkultur.pro mit Klaus Farin
- Iss er seine Erbsen, Woyzeck!
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