Theater Dortmund

Theater Dortmund: Das kleine große Schauspielhaus

Immer im Kampf um die Relegationsplätze – Teil 1: Geschichte

Auch dem Dortmunder Schauspiel drohte im Laufe seiner Geschichte hin und wieder die Schließung. Die Diskussion um Subventionsabbau und Kulturförderung ist also beileibe nichts Neues. Auch an ungewöhnlichen Vorschlägen zur Rettung oder Erneuerung des Theaters mangelte es in der Vergangenheit nicht – manche Idee wäre heute undenkbar.

So langsam verschwindet die Diskussion um das Buch „Kulturinfarkt" und der darin holterdiepolter vorgeschlagene massive Subventionsabbau an deutschen Theatern. (Die Autoren sagen hier, dass sie bewusst missverstanden wurden; Anm. d. Red.) Obschon Reformen und „neues Denken“ sicherlich nicht schädlich wären, ist die Rasenmähermethode wohl nicht das Gelbe vom Ei. Gerade im Ruhrgebiet sind die Theater idealerweise wichtige Quellen für Aufregung und Abregung.

Fast alle Theater des Ruhrgebiets waren schon mal in Gefahr, aus dem Stadtleben zu verschwinden, sei es das permanent gefährdete, 1920 eröffnete Oberhausener Theater (vom Opernbetrieb hatte man sich bereits 1991 getrennt), das Musiktheater im Revier ebenfalls Anfang der 90er, und auch das 1904 offiziell gegründete Dortmunder Schauspiel stand unter dem Schließungshammer. 1974 gab es Proteste, die erhört wurden, aber immer wieder schwelte die Drohung um das immer noch finanziell schwach ausgestattete Schauspiel der größten Stadt des Ruhrgebiets. Zudem hatte man es schon immer schwer, gegen das „glänzende Haus“ in Bochum anzuspielen und Aufmerksamkeit bei der überörtlichen Presse zu finden.

 

Erinnerung an einen Vorschlag

Der in den 1960eren amtierende Dortmunder Kulturdezernent Alfons Spielhoff forderte damals eine Abwendung vom teuren und passiven Kulturkonsum im traditionellen Theater hin zu soziokulturellem Engagement. Das „große Haus“ wollte Spielhoff zu einem soziokulturellen Zentrum mit verschiedensten Aktivitäten umfunktionieren. Ein kleines Orchester sollte erhalten werden, das Schauspiel als demokratisch strukturierte GmbH geführt werden. Es passte in die Zeit der 60er und klänge heute wie ein Vorschlag, der zu großer Aufregung führen würde. Der Rat hat die Vorschläge nach Protesten abgelehnt.

 

Blasse Geschichte kaum Reste im Netz

Man findet kaum etwas Ausführliches zur Geschichte des Schauspiels im Internet. Eine Anekdote allerdings sagt viel aus über das Verhältnis von Politik und Kultur in den 1980er Jahren: Guido Huonder, damals Schauspieldirektor in Dortmund, bescherte der Stadt im Ruhrgebiet die Pasolini-Wochen und hatte prompt seine Probleme. Er war auf die Idee gekommen, zum zehnten Todestag des Italieners Pasolini eine große Retrospektive mit Filmen, Theateraufführungen, Diskussionen und Ausstellungen zu organisieren, weil er eine enge Beziehung zwischen dem Regisseur und den Menschen im Revier sieht: "Hier wohnen jene Leute, von denen sich Pasolini zeitlebens angezogen fühlte." Im Dortmunder Rathaus konnte man das nicht nachempfinden. Huonder wurde gefragt, ob er "auch so ein Ferkel wie Pasolini" sei, und jemand erkundigte sich, ob "Herr Pasolini auch persönlich" komme. (Quelle: Der Spiegel vom 18.11.1985)

 

Alte Schule und neue Funken

Prof. Michael Gruner wurde 1999 Schauspieldirektor in Dortmund und feierte seinen Abschied im Juni 2010 im Zuge der Kulturhauptstadt mit der Beteiligung am Odyssee-Marathon und seinem hochgelobten Beitrag. Gruner hat als alter Hase des Theaters immer wieder mit außergewöhnlichen Inszenierungen großes überregionales Medien- und Zuschauerinteresse hervorgerufen, so wie mit dem ”Fest der Romantik” 2003, die ”Sternstunden des Expressionismus” 2004, sowie mit der deutschen Erstaufführung ”Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” nach Marcel Proust. Auf der anderen Seite wurde auch mit Promis gelockt wie Jessica Stockmann, der Ex-Frau von Tennisspieler Michael Stich. Und es gab den Geierabend im Schauspielhaus, eine kühne Annäherung an das da draußen, außerhalb der dunklen Räume.

Seit der Spielzeit 2010/11 ist Kay Voges Direktor der Schauspielsparte. Damit einher ging eine Verjüngung von fast allem, was man damit in Verbindung bringen könnte: das Ensemble, die Stücke, die Öffnung nach außen.

Dennoch sitzt man im „großen Haus“, das ja ein vergleichsweise kleines ist, schließt die Augen und fühlt sich plötzlich wie in einer kleinen Stadt in der niederrheinischen Tiefebene. Draußen wiegen sich die Ähren im Wind, weit und breit nur Wiesen und Milchvieh. Gleich erscheint der Theaterdirektor in einem abgenutzten Frack und kündigt den großen Mimen aus der Stadt an, der die wichtigsten Zeilen aus Goethes Faust deklamieren wird. Die Zuschauer aus allen Dörfern der Umgebung kommen, um ihm zu huldigen. Wenn dann aber der Eiserne hochfährt, sieht und spürt man Eis und Schnee. Gleich wird die elende Kreatur Woyzeck seinem Schicksal entgegen kämpfen. Man ist doch in Dortmund.

Di, 08.05.2012 0

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03.03.2010

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