Theater der Formenfalle

Die internationale Theaterfamilie kommt zusammen, um das Theater der Welt zu feiern und zu sichten. Veranstalter, Kuratoren, Direktoren, Journalisten, sie kommen, weil sie Experten sind, weil sie das Neue, das Unverbrauchte, das Exotische und auch Abseitige suchen, um es zu ihren Festivals einzuladen, in ihren Häusern zu zeigen oder um einfach up to date zu sein. Frie Leysen ist eine kluge Programmmacherin. Das musste sie nicht erst hier im Ruhrgebiet beweisen. Das Programm ist vielfältig bis zum Einknicken.

Zeitverbrauch

Will man alles sehen, braucht man sicher einen Rentnerausweis. Aber wer will schon alles sehen? Ein paar Festivalsüchtige. Chapeau! Danach sieht die Welt zwar immer noch so aus wie sie ist, aber man ist um einige Erkenntnisse reicher. Das gilt naturgemäß nicht für alle Vorstellungen, aber sicher viele. Der Zeiteinsatz fürs Schauen und Staunen ist hoch, aber er scheint sich zu lohnen.

Die Nase

Was die Theaterformen betrifft, wenn man überhaupt von Theater sprechen kann, wird man geschüttelt. Es sei denn, man ist international viel unterwegs und es kann einen nichts mehr überraschen. Aus Johannesburg kommt der Animationsfilmer William Kentridge, der in Mülheim aber als Erzähler fungiert. Das „Stück“ heißt „I am not me, the horse is not mine”. “Klingt gut“, dachte ich, „das will ich sehen“. Es geht nämlich um die Nase von Nikolai Gogol, die ihm abhanden gekommen ist. Schostakowitsch machte später daraus eine Oper mit dem Titel „Die Nase“. Ich erinnere mich an eine Aufführung am Gelsenkirchener MiR, in der Titelrolle Mario Brell. Der erste gesungene Satz in dieser Oper war „Ich habe einen Pickel auf der Nase.“ Das fand ich großartig. Das Publikum fühlte sich zunächst an der Nase herumgeführt.

Kentridge erzählt die Geschichte dieser Nase. Dazu kommt mehr und mehr eine Videoanimation ins Spiel. Ein absurdes Aneinanderreihen von Personen aus der Geschichte Russlands, gepaart mit Filmtricks und sonst nichts. Das Publikum morgens um elf ist zahlreich, es ist offen und zufrieden und applaudiert heftig. „Ein aufmerksames Publikum“, denke ich, „ein kenntnisreiches dazu.“ Im zweiten Teil der im Kammermusiksaal der Mülheimer Stadthalle stattfindenden Bühnenpräsentation verliere ich den Faden und bin mal wieder der Dumme. Aber die verlustig gegangene Nase ist ein wunderbar absurdes Ding, ob mit oder ohne Kentridge.
 
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Mi, 07.07.2010 0

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03.03.2010

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