Temple Bar: Gut, dass es doch noch Programmkneipen gibt!

Die Temple Bar in der Essener Innenstadt ist eine der wenigen Gastronomien, die auch an Werktagen ein Programm anbietet und nicht nur auf Subveranstalter und Systemgastronomie setzt. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit der Betreiberin, Monira Helmy.

Jens Kobler: Es gibt keinen Laden in der Essener Innenstadt, in dem weder die Systemgastronomie herrscht noch z.B. Auftrittsmöglichkeiten für Bands und DJs unter 30 Jahren vorhanden sind – außer der Temple Bar. Hat sich das ergeben, oder steckt da ein Konzept dahinter?

Monira Helmy (auf dem Foto rechts): Es ist eine gepflegte Mischung aus beidem. Es treffen sich schon eine Menge kreativer Leute hier, obwohl die meisten eher gesettleten Berufen nachgehen. Viele von denen kenne ich gar nicht zunächst in ihrer Funktion als Bandmitglied oder so etwas, sondern das stellt sich erst heraus, weil sie der kleine Bruder der besten Freundin einer Mitarbeiterin oder so etwas sind. Manchmal schreiben mich auch Stammgäste an, so zum Beispiel, weil letztens jemand der Proberaum weggebrochen ist – und die proben nun hier im Keller. Vieles delegiert sich auch aus den Mitarbeitern. Einer war hier zuerst Stammgast, dann stand er hinter der Theke, hat später bei einer Session mitgespielt und dann eine Band gegründet.

Jens Kobler: Ein anderes Beispiel wäre auch die Dauerausstellung im oberen Bereich der Bar.

Monira Helmy: Ja, die ist von Claudia Reiß. Wir sind auch eher auf einer Freundschaftsebene verbunden, und sie hat mir einmal Bilder von einer Englandreise überlassen. Und diese Bilder passen einfach so gut hierhin, dass ich bisher einfach keine andere Ausstellung an deren Stelle setzen wollte. Ein weiteres Beispiel außerhalb von Musik: Beim letztjährigen Essens Kreative Klasse hatten wir auch Projekte abseits des Standardprogramms, so einen Spieleentwickler, der mittlerweile seine Idee realisieren konnte, so dass das Spiel nun vertrieben wird. In diesem Rahmen fand sogar einen Mini-Origami-Kurs statt. Es gibt also vielerlei Aktivitäten, um die ich mich gar nicht alle kümmern kann, da ich ja auch noch die Gastronomie zu bewerkstelligen habe.

Jens Kobler: Der Salzmarkt ist nun wirklich kein designiertes Kreativviertel. Und jenseits der Temple Bar gibt es solche Konzepte ja nicht nur in der Innenstadt nicht, sondern selbst in Rüttenscheid, Fronhausen oder dem Südviertel kaum bis auch nicht. Wieso macht das sonst niemand, aber Du?

Monira Helmy: Ich denke, dass ich einfach sehr offen gegenüber Vorschlägen bin, die an mich herangetragen werden, und dass ich viel aus dem Bauch heraus entscheide. Und ich habe zum Glück sehr viele motivierte Leute um mich herum, die sich dann auch einbringen und nicht nur darauf warten, dass ich alles für sie organisiere. So funktionieren hier die Wohnzimmerkonzerte an jedem ersten Sonntag im Monat auch deshalb, weil sie als ruhigere Variante einerseits eine gute Alternative zum Programm im Keller sind, und weil Christoph Görges von 45 Minuten Takt einfach ein gutes Format entwickelt hat. Es gibt also quasi drei Bands, die sich abwechseln und auch noch Leute einladen. Das hätte es nicht gegeben, wenn wir da nicht zusammen etwas gefunden hätten, was beiden Seiten etwas bringt, auch an Entwicklung.

Jens Kobler: Außerdem gibt es Freitags und Samstags Partyreihen und im Sommer, neben der WM im Biergarten, auch das alljährliche Open Air. Bei all der Konkurrenz im Clubbusiness der Stadt: Wie lebt es sich da mit einer kleinen, aber feinen Tanzfläche im Keller?

Monira Helmy: Ich denke schon, dass es im Clubprogramm einiges an Überschneidungen und manchmal auch fehlende Absprachen gibt. Alle pröckeln eher in ihrem eigenen Kram herum, setzen manchmal sogar aggressiv eigene Veranstaltungsreihen gegen sehr ähnliche bei uns hier. Konkurrenz belebt im Grunde das Geschäft, aber im Rahmen der alternativen Klientel wird immer noch zu oft gegeneinander gespielt, anstatt sich stärker, und vielleicht auch einmal zusammen, gegen die kommerziellere Konkurrenz zu positionieren. Das beginnt bei den Flyern und geht bis zum Abwerben von DJs.

Jens Kobler: Es betreten ja auch nur wenige Gastronomen die Lokation von jemand anderem, nicht einmal um sich neue Impulse zu holen. Weshalb ja auch bei einigen immer noch die Musik von vor fünfzehn Jahren läuft, und das durch alle Sparten hindurch.

Monira Helmy: Es geht sicher oft um persönlichen Geschmack, aber man muss sich natürlich auch für die Bedürfnisse der Gäste interessieren. Ich selbst kann aus Zeitmangel alleine auch nicht immer überall hingehen, spreche aber von mir aus andere Gastronomen darauf an, wenn ich feststelle, dass ich oder jemand von hier eine Idee hatte, die jemand anderes schon auf der Palette hat. Das ist gerade bei kleinen Konzertreihen, beim Flohmarkt und auch bei Kickerturnieren einfach eine Sache, die man machen kann.

Jens Kobler: Stimmt es, dass es in Irland gar nicht so viele Läden diesen Namens gibt? Und wie hat sich hier bei all den Besitzerwechseln ohne übergeordnetes Konzept dieser Stil gehalten?

Monira Helmy: Was Irland betrifft: Es gibt nur einen Laden dieses Namens in Irland, und zwar in Dublin. Danach hatte der Ursprungsbesitzer diesen Laden hier benannt. Und die Temple Bar in Essen gibt es ja seit den Neunzigern und war da sehr weit vorne mit ihrem Verständnis von alternativer Gastronomie. Dann ging es eine Zeit lang ein wenig bergab, als von diesem ursprünglichen Konzept zu stark abgewichen wurde – und ich versuche jetzt seit einigen Jahren, das hier wieder so zu führen, wie es gefällt und funktioniert. Dazu passt eben auch, etwas nach Geschmack zu machen – wobei ich halt keinen allzu extravaganten Geschmack habe.

Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch!

Kommende Highlights:

Fr, 14.05.: „Flash Club #8“ mit Dirk Diggler & DJ Schrammel aus Kray-Süd
Mo, 24.05.: „MadKidz Special: Pfingstopenair-Afterparty“
Sa, 29.05.: Top Frankin’ Sound
So, 06.06.: Wohnzimmerkonzert Juni
Ab 11.06.: Die Fußball-WM auf Leinwand im Biergarten

(Fotos & Grafik: Temple Bar & friends)

http://www.temple-bar.de

Mi, 12.05.2010 0

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04.12.2009

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