„Es heißt ja, dass Deutschland Glamour gar nicht so gut kann wie zum Beispiel Hollywood“, heißt es klug von Preispatin Annett Louisan nach der Verleihung, im Zwiegespräch neben dem roten Teppich. Und man einigt sich schnell, dass genau das Grimme-Institut es besonders gut schafft, eine Atmosphäre herzustellen, in der sich Stars, Wissenschaftler, Politiker und Medienvertreter wohl fühlen können. In Köln meint das unterschiedliche Charaktere wie Streetworker, Staatssekretäre, Studenten, Schauspieler, Programmierer und natürlich die schreibende Zunft von nebenan.
Von Michaela Melián bis Ralf Schmitz, von der Tagesschau-App bis zur ComputerSpielSchule

Annett Louisan auf dem Teppich © Jens Becker / lensemann.de
Komiker Ralf Schmitz verkündete es: Ein Folkwang-Student und sein Musikunterricht per Video werden beim Publikumspreis mit nur 35 Stimmen von der Tagesschau-Application auf Platz zwei verwiesen! Das sind Geschichten, wie sie Hollywood gar nicht schreiben kann: Der intern ungeliebte underdog der Staatsmedien hat dann doch einen Platz näher am Herzen des Volkes als Klaus Kauker und sein Musiktraining. Gut also, dass die Jury des Grimme-Preises selbst an die echten underdogs denkt, an die Engagierten und der konkreten Lebenswelt Verpflichteten. Beispiele hierfür: Das Migazin in der Sparte „Information“ und Lobbypedia in der Sparte „Wissen und Bildung“. Aber auch der Partner klicksafe.de vergibt Preise im Bereich Jugendschutz und Engagement: Der eine geht an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für www.ins-netz-gehen.de, der andere an das Infoc@fé Neu-Isenburg, eine Art Jugendzentrum für betreutes Surfen des Magistrats der Stadt. Knapp geschlagen: Die ComputerSpielSchule in Leipzig.
Sieht man hier schon den schmalen Grad zwischen Prävention, Erziehung und institutionalisierter Computer-Lobby – wobei Grimme den Spagat sehr gut hinbekommt – so wird es im Falle des Spezialpreises an Michaela Melián für memory loops noch deutlicher, worum es häufig geht: Die Künstlerin hat in Zusammenarbeit mit u.a. Stefan Ammer eine Plattform (samt App) erstellt, auf der sich Tondokumente abrufen lassen, die an Verbrechen im München des Nationalsozialismus erinnern. Ist das eine angemessene Art, Trauer und Empathie zu fördern? Oder eher große Kunst? Wird „die Erinnerung in die nächste Generation gerettet“ oder das Eigentliche banalisiert und weiter verschüttet? Wichtig: Die Installationen funktionieren vor Ort in München wie auch (auf Englisch) weltweit via Web. Melián selbst ist sehr gerührt, als sie an damalige wie heutige Verbrechen in Deutschland und weltweit erinnert. Und das überträgt sich auf die meisten im Publikum.
Fördern und Fordern – ein weiteres Grimme-Prinzip

Staatssekretär Jan Marc Eumann, Fr. Heinrich, Grimme-Direktor Uwe Kammann © s.o.
Kay Meseberg von Berlinfolgen bestätigt in der netten Runde nach der Verleihung: „Ja, wir können mit der Hilfe des Preises nun weitere Projekte angehen.“ So werden von Seiten des Grimme-Institutes „Kleine“ gefördert, ebenso wie „Große“ (wie die ARD) gefordert werden, indem ein Grimme-Preis oft ein Gegengewicht zu Proporz und gewachsenen Traditionen bei gestandenen Institutionen darstellt. Manchmal aber, und beim Grimme-Award 2012 genau zwei Mal, fragt man sich auch, ob Deutschland nicht auch im Online-Bereich noch gewaltig aufzuholen hat. Geht „Berlinfolgen“ noch als „ganz nett“ durch (und verkauft sich bei der Preisverleihung auch gut), so wird es bei den Gewinnern von 140 Sekunden schon enger. Als die exzellente Moderatorin Sabine Heinrich das Gewinner-Duo fragt, ob sie sich denn Gedanken gemacht hätten, was sie da getan haben, fällt den Machern keine Antwort ein. Von 140 Zeichen twittern zu 140 Sekunden Video zur Entstehungsgeschichte des Tweets ist es nun einmal auch ein Schritt aus der relativen Anonymität zur Gesichtserkennung und Offenlegung bislang halbwegs privater Geschichten. Und auch der Preis an Zukunft Mobilität für das Blog eines fleißigen PR-Experten wirkt, als würde er nicht zwingend für Medienkompetenz verliehen. Bei diesen Beispielen sind vielleicht auch die Preisträger gefragt, sich hinterher als preiswürdig zu erweisen und weiter zu lernen.

Michaela Melián © Jens Becker / lensemann.de
Insgesamt also ein spannender Grimme Online Award 2012, den auch noch Preispaten wie Armin Rohde (immer noch mit Netzhautschwierigkeiten), Nadja Becker (mal wieder in Hellrot) und Richard Gutjahr (ebenso leger wie hintersinnig) veredelten. Das Dock.One am Rhein unweit der Messe erwies sich als gelungener Austragungsort unweit des Medienforum.NRW. Nun ist gespanntes Warten auf das nächste Großevent aus dem Hause Grimme angesagt: Die Marler Medientage 2012.
(Alle Preisträger des Online Awards 2012 hier.)