
Strukturwandel à la Maastricht - Eine Exkursion mit der EGGG
Europa verändert sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten
- Serie: Ökonomie
Maastricht, Anwärter auf die Kulturhauptstadt Europas 2018, hat eine besondere Geschichte, die sich zu einem Großteil mit der geographischen Lage dieser Stadt erklären lässt. Im Rahmen einer Tagesexkursion mit Geographen und Geologen in die niederländische Stadt an der Grenze zu Belgien wird aber vor allem eines deutlich: Europa verändert (sich), und zwar in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Vorbemerkung
Vom Ruhrgebiet aus betrachtet ist es ebenso befremdlich wie auf eine merkwürdige Art vertraut zu sehen, was ein Strukturwandel für eine Stadt bedeuten kann, die man bis dahin persönlich gar nicht kannte. Als Journalist bereitet man sich dann vor, liest dieses und jenes und vertraut – nicht zu Unrecht – auf die Expertisen des Leiters der Exkursion der EGGG, namentlich Prof. Dr. Rudolf Juchelka vom Institut für Geographie an der Universität Duisburg-Essen. Und vor Ort hört man dann an die Reisegruppe gerichtete wissenschaftliche Ausführungen, während drum herum gerade Menschen in genau den beschriebenen neu geschaffenen Strukturen leben – bzw. einkaufen, aber dazu gleich mehr. Die werden sich teilweise gefühlt haben wie ich zu meiner Zollverein-Zeit, als man auch mal als „Vorzeigesubjekt“ japanischen Touristen in die Kameras gucken durfte. Wer weiß, vielleicht waren diese Japaner ja auch am Strukturwandel interessierte Wissenschaftler.
Altstädte zu Einkaufszonen, Kirchen zu Buchhandlungen
Maastricht war und ist eine sehr europäische Stadt, im positiven wie im negativen Sinne. Die Stadtgrenze nach Belgien wurde per Kanonenschussweite bestimmt. Napoleon und die Nationalsozialisten waren hier, aber natürlich zuerst die Römer. Maastricht ist die wohl älteste Stadt der Niederlande und bewirbt sich für 2018 um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Vor „Schengen“ und „Maastricht“ war allerdings mehr Logistik und Zoll in Maastricht, ganz früher gar ein reger Handel mit Gesteinen. Nun hat sich die 120.000 Einwohner starke Stadt umorientieren müssen und macht das rigoros – oder „pragmatisch“, wie der Exkursionsleiter sagt.
Die Maas führt an der Altstadt entlang. Hier gab es früher viele Coffeeshops und das Proletariat der Stadt gleichzeitig. Wasser und schöne Gebäude? Entwicklungsfähig! Mittlerweile wohnen kaum mehr Menschen in der Altstadt, stattdessen heißt es „Shoppen in schicken Gässchen“, denn die Gemeinde – als Provinzhauptstadt recht autonom – hat unter Gebäude spezifischen Auflagen Immobilienspekulanten und Kleinunternehmer rangelassen und die ursprünglichen Bewohner entfernt. Einen Headshop, einmal Beate Uhse und eine Sirtaki-Bar gibt es noch zwischen Maas und Rathaus, der Rest gehört pittoresken Ladenvarianten von McDonalds bis zum Damenkonfektionsgeschäft. Gar nicht viele Ketten, aber ansonsten etwa ein Gefühl von Ruhrgebietsfußgängerzone in Minidomm. Und wo niemand wohnt, kann halt auch die Kirche in eine Buchhandlung umgewandelt werden. Immer mit Gespür für spezifische Befindlichkeiten, versteht sich. Der Bischofssitz und das alte Rathaus auf der anderen Seite des Marktes schauen derweil verwundert zu, wie das Bürgertum dann letztlich im 21. Jahrhundert die Innenstadt zur anwohnerfreien Zone ausruft. Die schöne Maas fließt schließlich auch an der Vorstadt vorbei.
Messen, Kliniken und Call Center
„Eine Auslastung von etwa 40 Prozent ist gut für eine Messe“, schildert Prof. Juchelka und meint keinen Gottesdienst, sondern Messetage im Jahr. Denn Maastricht hat eh schon immer als Verwaltungssitz fungiert, den Vertrag von Maastricht auf ewig gepachtet und eine Lage mitten in Europa. Also wird dies eben für Messen genutzt, aber auch für Studiengänge wie Wirtschaft, Jura und Medizin. So ein wohlklingender Name, gerade im europäischen Kontext, will schließlich genutzt sein. Diesem Ruf folgte auch Mercedes und richtete in eben diesem Messen- und Klinikenviertel der Stadt seine europaweite Beschwerdestelle ein, anglophil oft Call Center genannt.
Auch dieses Viertel der Stadt lebt nur dann, wenn es muss. Außer einigen Telefonisten bei der Zigarettenpause sind genauso wenige Menschen zu sehen wie wahrscheinlich nach Geschäftsschluss in der Altstadt. Obwohl: An der Waterfront der Altstadt zur Maas hin gibt es ja noch einige neue Gastronomien. Im Messeviertel gibt es nicht einmal eine Pommesbude. Die Arbeiter und Angestellten der Firmen und Institutionen vermischen sich nicht einmal in den Pausen, scheint es.
„Europäische Dimensionen in der ältesten Stadt der Niederlande“…
…, so der Titel der Exkursion, gibt es aber auch anderweitig zu bestaunen. Bei einer Kurztour zur belgischen Grenze ist zu sehen, wie einst die Belgier den Albertkanal rund um Maastricht herum bauten, um die Maas nicht nutzen zu müssen. Erst von ausgerechnet Brüssel aus wurde dann als erstes großes europäisches Verkehrsprojekt eine Schleuse gebaut, um den Wasserverkehr wieder angemessen zu europäisieren.

Die ehemalige Peripherie wird zum Zentrum Europas – das mag Bewohnern des Ruhrgebietes auch vertraut vorkommen. Wird an der Ruhr der Verlust einer gewissen „Industrieromantik“ beklagt und gab und gibt es hier durch die Industrialisierung – siehe das Interview hier – auch ganz spezifische Stadtausformungen sowie diverse Spezifika durch den zweiten Weltkrieg und die Zeit davor, so stellt sich der Strukturwandel an der Maas im Kleinen quasi einerseits harmloser, andererseits aber auch erschreckender dar. Auch der Autor dieser Zeilen hat sich oft beschwert, dass an der Ruhr „alles immer 20 Jahre dauert“. An der Maas ist gut zu sehen, was passiert wenn ganz schnell ganz viel verändert werden kann. Gut dass es „Kultur durch Wandel - Wandel durch Kultur“ schon als Slogan für die Kulturhauptstadt 2010 gegeben hat…
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