"Streetart funktioniert wie Werbung" - Interview mit Mark Gmehling: Part 1

Mark Gmehling zeigt in der 44309 street/ art gallery seine erste Ausstellung in Dortmund. Wir haben uns mit dem gefragten Künstler über die beschränkten Möglichkeiten, Künstlern in der Region zu begegnen, sowie seine Vorbilder und Arbeitsweise, unterhalten.

Christian Caravante: Du nennst Dich auf deiner Webseite „Illustrator“. Das hat ja eher mit Büchern zu tun, oder?

Mark Gmehling
Mark Gmehling zeigt in der 44309 street/ art gallery seine erste Ausstellung in Dortmund. Foto: Gmehling
Mark Gmehling: Das ist die Bezeichnung für die Arbeit, mit der ich hauptsächlich mein Geld verdiene. Ich bekomme einen Auftrag und soll etwas in einem bestimmten Stil oder Tonality visualisieren. Ich male dann Sachen für Werbung oder Bücher. Früher mit Kreide oder Stiften, heute mit dem Rechner. Aber so kann man den „Guerillakampf“ auf der Straße dann finanzieren. Man kann sich streiten, ob man als Steetartist für die Werbung arbeiten darf, eigentlich ist man ja eher dagegen, aber da scheiden sich die Geister.

Unbeliebte Frage: Hast du gestalterische oder künstlerische Vorbilder?

„fotorealistisches Design“
„fotorealistisches Design“ Foto: Gmehling
Meine ästhetischen Wurzeln sind die Grafitti-Künstler der 80er hier aus Dortmund, Cole, Chintz, Shark und so weiter. Mit dem Stil bin ich aufgewachsen, der nennt sich heute „Old School Grafitti“ (lacht). Besonders Wolfgang Krell habe ich viel zu verdanken. Seine unaffektierte Art und der Umgang mit den Ausprägungen von heutigem Graffiti hat mich sehr geprägt.

Das Programm, mit dem du arbeitest, nennt sich in der Eigenwerbung „fotorealistisches Design“. Ist Fotografie oder die fotorealistische Malerei ein Einfluss?

Ich hab ja damals mit Öl angefangen und dann habe ich die 3D-Programme entdeckt, weil dass die Oberflächen so hinbekommt, wie es für meine Ziele am Besten aussieht. Ich stelle allerdings in den Ausstellungen ja meist Drucke aus und muss mit den gleichen Vorurteilen kämpfen, wie die Fotografen, wenn die Leute sagen: "Da kann man ja hunderte „Abzüge“ von machen." Bei mir sind das deshalb auch limitierte Auflagen. Ich könnte das vermutlich auch mit Öl oder Airbrush machen, aber das würde einfach ein Vielfaches an Zeit kosten. Die Programme sind eine Frage der Effektivität.

„fotorealistisches Design“
„fotorealistisches Design“ Foto: Gmehling
Die Figuren sind z.T. wie Knetgummifiguren, dann wieder wie glänzende, schön geformte Zahnpasta, dann wie Porzellan. Also viele haptische Assoziationen.


Oft fragen mich Leute auch, ob das Fotos von Porzellanfiguren sind. Da sag ich dann immer: „Schön wäre es, kann ich mir leider noch nicht leisten.“ Ich kann sie im Moment aber nur virtuell visualisieren. Ein paar „echte“ Skulpturen werde ich allerdings auf der Ausstellung hier in Dortmund zeigen. Ich fände die auch klasse, wenn sie aus Bronze oder Stein gehauen und einfach so groß wie möglich wären. Produktionstechnisch und statisch gäbe es da allerdings Einschränkungen. Insofern ist diese fotorealistische Abbildung freier.

Du hast ja Grafik und Marketing studiert und warst auch an der Kunsthochschule. Gibt es für deine Art Kunst überhaupt Plätze an Kunsthochschulen?

„fotorealistisches Design“
„fotorealistisches Design“ Foto: Gmehling
Ich glaube der Weg geht eher über Werbung und Grafik. Bei einer Kunsthochschule haben sie mir gesagt, sie wollten lieber Leute, die handwerklich noch nicht so weit sind, die sie formen können. Ich hab dann aber in Dortmund und Osnabrück Kunst studiert und bin ins Grafikdesign gegangen. Mein Weg vom Grafitti kam ja vom öffentlichen Raum, aber die Kollegen da kommunizieren doch vor allem miteinander und unter sich. Mit Wild-Style-Schriftzügen, die nur die anderen lesen können usw.. Die breite Öffentlichkeit wird da nicht angesprochen.
Ich wollte aber einer Oma und einem Kind auch Sachen zeigen können. Das ist dann bei der Streetart eher möglich, weil das leichter zu entschlüsseln ist. Streetart funktioniert im Grunde genau wie Werbung: man will, dass sich den Leuten der eigene Name oder das Logo einprägt und die Message verständlich ist. Mann will allerdings nichts verkaufen, sondern liefert visuelle Alternativen zu den mit Werbung zugekleisterten Großflächen.

Teil 2 des Interviews.


Fotos: Gmehling
Sa, 16.07.2011 0

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25.03.2010

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