Street Art: Allein die Tat ist eine politische Aussage - "addicted" im Interview

2010LAB.tv trifft den "angehenden" Street-Art-Künstler Joschua B. alias "addicted" auf eine Arabic-Länge beim Dortmunder Kartoffellord.

"Wir wollen die Freiheit der Welt
und Straßen aus Zucker.
Schneien soll's Geld
und ab und zu Futter.
Für Kanonen aus Plastik auf Panzern aus Watte,
in 1000 Jahren sind wir Klassik.

Selbst wenn wir's maßlos verkacken,
ziehn wir unser Ding durch,
nur Spaß muss es machen.
Ihr habt Recht, ja wir sind durch
und partiell auch Spacken,
doch uns anpassen, das klappt nicht.
Wir werden es auch nicht versuchen.
Man kann uns nicht verkaufen,
nur laufend verfluchen."
*





Wie steht es aus deiner Sicht um die Street-Art-Kunst im Ruhrgebiet? Gibt es eigentlich eine Szene?


Joschua: Ich würde nicht sagen, dass es eine Szene gibt. Persönlich kenne ich noch zwei, drei Leute, die ziemlich viel machen und auch wirklich gut sind. Man steht in NRW nicht im Kontakt zueinander und hat keine Plattform, auf der man sich täglich austauscht.


Hast du das Gefühl, dass es im Ruhrgebiet „zu wenige“ Künstler gibt, die sich in diesem Bereich engagieren?

Joschua: Zu wenige nicht unbedingt. Wenn du durch die Dortmunder Nordstadt gehst und die Augen aufhältst, findest du immer kleine, lustige Sachen. Das ist auch gut so. Es ist definitiv nicht Berlin, wo du schon die dritte Schicht von Plakaten hast. Da ist es schon zu viel und geht einfach unter. Ich weiß nicht genau, wie es in anderen Ruhrgebietsstädten ist, aber in Dortmund hat es das richtige Maß. Der einzelne Künstler hat genügend Raum für seine Sachen.





Dich selbst bezeichnest du (noch) nicht als Street-Art-Künstler…


Joschua: Ich würde das, was ich mache, eher als Kunsthandwerk bezeichnen. Bei Kunst steckt für mich ein Konzept dahinter und birgt eine Transzendenz. Bei meinen Arbeiten denke ich mir zwar etwas dabei, allerdings ohne dass es eine durchkonzipierte Kunst ist, so dass ich es als Street-Art-Kunsthandwerke bezeichnen würde. Aber da gehen der Sprachgebrauch und die Wortbedeutung durcheinander, so dass man mich vom Sprachgebrauch her schon Street-Art-Künstler nennen kann.


Transportieren deinen Arbeiten eine bestimmte Philosophie?

Joschua: Teilweise schon. In einzelnen Arbeiten ist es ziemlich offensichtlich, welche Aussage diese haben sollen. Manche Sachen mache ich nur, weil ich sie schön finde. So wie andere ihr Wohnzimmer mit Pflanzen dekorieren, so dekoriere ich meine und andere Gegenden. Allein die Tatsache, dass man irgendwo irgendetwas macht, ohne dass es erlaubt ist, trägt es eine politische Aussage.


Planst du in Zukunft eine „legale Karriere“ im künstlerischen Bereich einzuschlagen?


Joschua: „Planen“ will ich nicht sagen. Wenn es passiert, dann passiert es. Wenn es meine finanziellen Möglichkeiten erlauben, habe ich schon vor, Gesamtkunstwerke zu gestalten, zum Beispiel ordentlich auf Holzplatten zu arbeiten und die Ergebnisse dann bei Street-Art-Ausstellungen zu zeigen. Meine Ideen sind also nicht unbedingt nur für die Straße gedacht, sondern tatsächlich auch fürs Wohnzimmer.





Ein Dauerthema im Ruhrgebiet ist der Umstand, dass es für freie Künstler und die Off-Szene kaum Räume gibt, die kostenlos zum Arbeiten zur Verfügung gestellt werden. Teilst du diese Einschätzung oder müsste man sich vielmehr frei von fixen Räumen positionieren?


Joschua: Ich hätte sehr gerne einen Platz, an dem ich frei arbeiten kann. Denn wenn man das bei sich zu Hause im Wohnzimmer macht, ist es nervig. Vor allem, wenn man mit Sprühfarbe arbeitet. Selbst wenn das Fenster offen ist, ist das bestimmt nicht gesund. Wenn man sich mit mehreren einen großen, offenen Raum teilt, ist man viel besser ausgerüstet. So etwas alleine zu stämmen, ist aber ziemlich teuer. Das können sich die meisten nicht leisten. Ich zum Beispiel könnte viel schönere, coolere Sachen machen und viel mehr Ideen umsetzen, wenn ich dazu die Mittel und den Ort hätte.


Wie reflektierst du in diesem Zusammenhang das Dortmunder U, das sich selbst als Kreativ.Quartier versteht? Könntest du dich dort ebenfalls verorten oder ist das ganz weit weg?


Joschua: Es ist eher weit weg. Ich weiß jetzt nicht, wie ich da reinkommen sollte. Kann ich da hingehen und sagen: „Hallo, ich möchte hier Kunst machen!“? Es gibt in Dortmund Kampagnen, die sich um derlei Freiräume bemühen und wo es darum geht, Häuser oder Räume zur freien Entfaltung zu nutzen. So etwas finde ich unterstützenswert. Das brauchen wir in Dortmund. Da bin ich nicht der einzige, der so etwas gerne hätte, wo man sich eine kleine Werkstatt einrichtet, um schöne Sachen zu machen. Das ist auf jeden Fall notwendig.

Fotos: Joschua B.

* zitiert aus: Frittenbude - "Mindestens in 1000 Jahren"

[Zum Zeitpunkt des Interviews schmiedet der AK Freiraum  fleißig Pläne zur Inanspruchnahme des ehemaligen und derzeit unbenutzten Museumskomplex am Ostwall.
t.b.c.
...das ist Kunst!
]


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05.01.2010

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