Fotos von der Kampagne zu "Schlimm City": Jens Kobler

Strange Kebab zum Gentrifidingsbums in Schlimm City

Mit Christoph Twickel und Ralf Tenior am Pol der Macht

„Bürger, rettet Eure Städte!“ hieß früher einmal ein Slogan. Ähnliches hat nicht nur das Mülheimer „Stadtspiel in Realversion“ namens „Schlimm City“ sich als Thema vorgenommen, sondern auch die beiden lokal (HH und DO) engagierten Autoren Christoph Twickel und Ralf Tenior: Kiez gegen Kommerz, Strategien gegen Strukturwandel von oben.

 

Here Comes Schlimm City

 

Mit Unterstützung von Stellen wie dem NRW KULTURsekretariat hat sich der Ringlokschuppen samt einiger Kooperationspartner mit „Schlimm City“ im Herbst 2011 explizit das Thema Strukturwandel und Gentrifizierung vorgenommen. Und so findet der Besucher einer der Einzelveranstaltungen des Großprojektes vom Hauptbahnhof Mülheim aus den Weg durch eine dieser Fußgängerzonen zu einem leer stehenden Kaufhaus, in dem sich auch kleinere Ausstellungen und ein co-working space befinden. Viele Kinder und Jugendliche waren auf dem Weg zu sehen, meist mit sogenanntem „Migrationshintergrund“, spielend, herumhängend, das Revier absteckend. Innen und auch schon vor dem Veranstaltungsort „Dezentrale“ dann: Kunstatmosphäre, Laptops, eine Theke mit Mülheimer Bier und Trendgetränken, Designmöbel, sechs Handvoll Gäste zwischen Mitte zwanzig und Mitte fünfzig. Das sieht nicht wie etwas aus, in das sich Anwohner gerne verirren, um über Baupolitik zu diskutieren, Erfahrungen aus Hamburger Kiezen und Geschichten aus der Dortmunder Nordstadt zu lauschen. Das Publikum besteht aus eher theoretisch am Thema interessierten Soziologen, Kulturarbeitern, Architekten, Gästen aus dem Umfeld der Veranstaltungsmacher und – gut – auch fünf bis sechs expliziten Mülheimern. Ein kritisches aber auch selbstkritisches Publikum, wie sich herausstellen sollte.

 

Gentrifidingsbums

 

Christoph Twickel liest aus seinem Buch, zeigt Kurzfilme und Fotos aus Hamburg und analysiert recht theoretisierend das Problemfeld „Recht auf Stadt“. Er war beim Hamburger „Not In Our Name, Marke Hamburg!“-Projekt recht weit vorn aktiv, einer der „Hamburger Schule“ und dem „DiskursPop“ ja nicht gerade abgeneigten Gruppe – was schon an seiner stilistischen wie theoretischen Herangehensweise zu bemerken ist. Er berichtet von der Freundin aus Kuba, die den Kapitalismus für sich entdeckt, indem sie mit alten Plattensammlungen und Second Hand Mode auf Flohmärkte geht und schließlich 1-Euro-Shop-Ware nach Südamerika exportiert. Wie dieser „emanzipierte Kapitalismus“ (?) genau in einem Stadtteil funktionieren kann, der Stadtanalysten und Gewinnoptimierern gemäß viel zu wenig Kaufkraft (also zahlungswillige Bewohner) beherbergt. Wie gerade in Hamburg und besonders seit Klaus von Dohnanyi permanent versucht wird, den Metropolen der Welt nachzustreben und eine Infrastruktur zu schaffen, die möglichst mächtigen Konzernen möglichst viel zu bieten hat. Wie aberwitzig es ist, als sich hierzu in Opposition verstehende Szene selbst zum Standortfaktor gemacht zu sehen. Wie man dagegen Öffentlichkeit zu machen versucht hat. Twickel liegt es an einer menschenfreundlichen Stadt, die nicht nur aus Spekulationsobjekten und Marketingarchitektur besteht. Letztlich hat er aber auch keine andere als eine sehr pauschale Lösung: Vergesellschaftung.

 

Strange Kebab

 

Twickel hatte direkt zu Beginn erwähnt, dass Hamburg und das Ruhrgebiet nicht wirklich vergleichbar sind. Aber das kennt man ja auch ruhrgebietsintern: Zeche Zollverein und Phoenix-Areal sind nicht die Mülheimer Innenstadt. Essen-Rüttenscheid ist nicht die Dortmunder Nordstadt. Mancherorts wünscht man sich Belebung und durchaus mehr Kapitalfluss, andernorts fragt man sich, ob nicht viel mehr Geld in den Sand gesetzt wird als jemals Investoren dadurch angezogen. Und das ist wiederum mit Hamburg sehr gut vergleichbar. Ralf Tenior kam aus Hamburg nach Dortmund und hat dort seinen Kiez gefunden, im Hafenviertel. Seine Geschichten berichten von genau dem, das Twickel vermisst und immer mehr abhanden kommen sieht: Ungekünstelte Menschen, Nachbarschaft, ein guter Schuss Lokalromantik. Tenior engagiert sich auch für interkulturelles Miteinander, wie er nach der Veranstaltung erzählt, u.a. in einem deutsch-türkischen Literaturprojekt, das beim kommenden LesArt-Festival seinen Anfang nehmen wird. Tenior nimmt klar und wahrscheinlich bewusst die Haltung des „kleinen Mannes“ ein. Er ironisiert nicht, intellektualisiert nicht, gerät natürlich leichter in die Gefahr als „Ruhrpottromantiker“ abgestempelt werden zu können. Aber Twickel hat ja auch irgendwie Werbung für seine Ecke der Welt gemacht.

 

Schlimm City diskursiv

 

Stellen Sie sich doch bitte nur ganz kurz einmal vor, Sie wären so ein „Mensch von der Straße“, und da kommt dann so ein Christoph Twickel (oder Holger Bergmann vom Ringlokschuppen) auf Sie zu und erzählt von „Vergesellschaftung“ und Stadtteilsolidarität. Würden Sie dem auf die Fresse hauen oder eher seiner Partei beitreten? Und ähnlich lief es wohl in umgekehrt mit der Beteiligung der Hamburger Kieze an der Stadtpolitik sowie mit der Beteiligung der Kulturzentren des Ruhrgebietes an der Kulturhauptstadt: Es wird einfach gemacht ohne einen zu fragen oder einen zu beteiligen. Und wenn man sich beteiligt hätte, dann hätten sich „die da oben“ ja doch wieder nur damit geschmückt, wie demokratisch sie sind, dass sie sogar die Opposition einbeziehen in Darstellung, Marketing, Programm – siehe „Unprojekte“, siehe „Multikultur“, siehe diverse Hausbesetzungen an der Ruhr. (Post-)studentische Boheme und lokale (Sub-)Kulturgrößen gehen kaum einher mit der Sprache der Straße, schon eher mit noch größeren Kultur- und Planergrößen, zumindest gefühlt. Also distanziert man sich beim Emporrobben von der kalten Macht des Geldes, macht sein Image auf street credibility und Protest im schlimmsten Fall zu Trash, Aufstand zu Kitsch und Theorie zu Meditation.

Der eher als street worker agierende Teil des Publikums hingegen versteht diejenigen Stadtbewohner ganz gut, die sich nicht in alle möglichen Diskurse hineinreißen lassen, sondern tagtäglich ihre eigene Umwelt bauen. Sie streben nicht ständig zum Pol der Macht, sondern gestalten ganz persönlich Alltag und Zusammenleben. Dazu kann Kunst oder Kultur ein Mittel sein, muss aber nicht. Es ist auch zu schnell ein Feigenblatt, und ein oft ebenfalls Subventioniertes noch dazu. Wer also permanent auf die Wichtigkeit seiner eigenen kulturellen Leistungen pocht, darf sich nicht wundern, wenn das dann jemand glaubt und Werbung damit macht. Dann ist die Dortmunder Nordstadt plötzlich voller wilder Romantik, Mülheim-Mitte eine spannende Mischung aus Kunst und Konsum und Hamburg ein Paradebeispiel neubürgerlichen Engagements. Und das ist dann eben der Beginn einer neuen Phase und nicht das Ende von Gentrifizierung. Ebenjener „Mensch von der Straße“ aber ist dann schnell mal weg. Huch! (So lässt sich zumindest einer der Diskussionsstränge des Abends zusammenfassen.)

Sa, 08.10.2011 6

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Kommentare

Nachtrag

War gestern in der Zeche Carl gucken. Die machen da jetzt auch wieder Stadtteilarbeit.

....

irgendwie sind mir beim schreiben dieses Kommentars doch die Worte ausgeblieben...erklär mir doch mal, was dein genaues interesse ist, was willst du über protest-inszenierung vs nahfeldgestaltung genau sagen oder gibts du etwas wieder, was dort gesagt wurde?

Genau gestern habe ich mich

Genau gestern habe ich mich gefreut, dass ich nicht meine eigenen Texte kommentieren muss, und jetzt so eine konkrete Anfrage. :/ Vielleicht aber so Zwei- bis Dreierlei dazu: "Protest-Inszenierung" nicht wirklich, aber als Bilder gezeigt wurden, wie in Hamburg eine "Sekte" per Telekinese in Anlehnung an eine 68er-oder-so-Aktion (als die das Pentagon oder das Weiße Haus ins All schießen wollten) das Haus mit einer Versammlung von Immobilienspekulanten auch "ins All jagen" wollten: Das war mir mehr Show und Trash und künstler-Egos als Protest und Widerstand, und mir ist persönlich da schon konkrete Alltagsarbeit im Stadtteil lieber als so vollcoole Kunst-im-öffentlichen-Raum-Events, die a) echt nur ziemlich speziellen Leuten einfallen können und b) wiederum auch nur solche anziehen. Insofern ist "Rebellion" auch ein Standortfaktor, vor allem für cool-(und politisch)sein-wollende Mitläufer, ja. Dann: Das Publikum hat schon gesehen, dass bei Schlimm City einige wenige mehr als nur künstlerische und theoretische Lösungsversuche geboten bekommen wollten, dass aber viele auch da eher an dem Eventcharakter der Veranstaltung interessiert waren, am Hipfaktor des Gebotenen, etc. Das habe ich versucht mit anderen Strängen der Diskussion zu verknüpfen (Rolle der Akteure in Kreativwirtschaft und Kunst und Kulturzentren, Diskrepanz zwischen der Art der Ansprache/"Agitation" von Seiten der Leute aus diesem Bereich und den Anwohnern gegenüber der Alltags-Arbeit von street workern,...) Das einfach "wiederzugeben" war schwierig, da die meisten Leute einfach ihre Gedanken und Assoziationen rausgeschossen haben nach den Lesungen. Letztens: Es ist halt ganz merkwürdig, dass außer anscheinend dem Druckluft (weiß nicht genau, zumindest war das Ansage) kaum mehr jemand echte Stadtteilarbeit macht, aber alle meinen, ihr Scherflein zum grooßen (und irgendwie hippen - und besser subventionierten?) Thema "Strukturwandel/Gentrifizierung/shrinking cities" beitragen zu müssen. Und da ist aufzupassen, inwiefern dabei - auch trotz guten Willens vielleicht - die Kulturproduzenten überhaupt die richtigen sind, um die Anwohner etc. zu repräsentieren - wenn sie schon nicht da sind bzw. mit eigenen Ansätzen (und nicht als Show) eingebunden wurden. Und da lauert dann schon die reine "Inszenierung", ja doch.
da meint die stadt das "nordviertel" umstrukturieren zu wollen und will zu diesem zweck ateliers einrichten. ich hab die erfahrung, dass das dreieck "sozialarbeit-künstler/veranstalter-bewohner" echt spannend sein kann. soziale arbeit ist ein wichtiges feld und künstler behaupten ja erstmal sinn zu produzieren, doch verkennen zumeist, dass sie sich in institutionen bewegen und nicht auf der straße...protest-shows sind halt hip...beim grillo heißts gerade "revolte- ich?" und soweit ich das sehe, haben die im Gegensatz zum Ringlokschuppen nichtmal ne Diskussionsrunde angesetzt, oh, mir brennt schon wieder der Hut ab...einmal baldrian für mich bitte

Baldrian?

Baldrian hab ich nicht, nur Öl aufs Feuer: In Essen kann es halt nicht immer so klappen wie mit der Privatinitiative Unperfekthaus, die der Stadt fast ganz umsonst ein volltolles (naja) Künstlerumfeld gebacken hat, neben das man gut eine Mall packen kann. (Irgendwie freut sich der UH-Betreiber mehr darüber als die vom Limbecker, scheint es.) Überall so künstliche Sachen reinpacken kann halt echt nur Kulturfreaks und Städteplanern einfallen. Stattdessen mit schon anwesenden Gruppen mal Strategien von unten entwickeln, die nicht als "cooler Protest", sondern als Nachbarschaft schaffende und erhaltende Maßnahmen funktionieren würden, das wäre m.E. mal was. Und dazu hätte auch das Grillo von Anselm Weber aus eben nicht weiter in Richtung Inszenierung von Sozialität und Solidarität, sondern noch mehr aus dem Elfenbeinturm rausgehen müssen? Hmm. :)

Guter, kritischer Blick. Hab

Guter, kritischer Blick. Hab ich auch so empfunden.

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04.12.2009

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